Ihr Erziehungsurlaub hatte 2003 begonnen - und endete 2006. 2005 kam dann die Nachricht: Ihr Chef, ein Wetzlarer Versicherungsmakler, war verstorben, sein Büro wurde aufgelöst. "Das war eine vollkommen neue Situation für mich, ich hatte mich gerade von meinem Lebensgefährten getrennt. Ich stand vor dem Nichts", erinnert sich Langensiepen.
Die gelernte Einzelhandels-Kauffrau meldete sich arbeitslos. "Es gab nichts für mich - eine Mutter mit kleinem Kind - auf dem Arbeitsmarkt. Viele Geschäfte haben bis 22 Uhr geöffnet, wie sollte ich das machen mit Kind?", sagt die 41-Jährige.
2008 sei sie über eine Zeitarbeitsfirma bei einer Krankenkasse eingestiegen, arbeitete dort ein halbes Jahr im Callcenter. "Ich habe zweimal in der Woche mein Kind zur Tagesmutter gegeben, weil ich bis acht Uhr abends arbeiten musste. Aber ich habe da nicht hingepasst", erzählt die zweifache Mutter.
Schmerzhaftes Wachrütteln
Die Wende kam schließlich mit dem Ein-Euro-Job bei der Wetzlarer Tafel. "Ich habe dort Erfahrungen in der sozialen Arbeit gesammelt, habe selbstständig einen Second-Hand-Laden aufgemacht. Das war toll für mich. Mein Selbstwertgefühl ist damals wieder enorm gestiegen."
Dann kam der Vorschlag vom Arbeitsamt: eine Vollzeitstelle, zunächst befristet auf zwei Jahre, als Projektassistentin bei Hegiss - der hessischen Gemeinschaftsinitiative "Soziale Stadt" - zu übernehmen. Ihr neuer Arbeitgeber: der Caritasverband Wetzlar/Lahn-Dill-Eder. Ihre neue Aufgabe: Koordination der Angebote - wie Boxen, Judo, Bauchtanz, Rollhockey und mehr - zwischen Bewohnern des Nachbarschaftszentrums, Vereinen, Trainern und Honorarkräften. "Und es hat sich schnell herausgestellt, dass ich sehr gut hierher passe. Ich bin offen, ich kann zuhören. Ich bin näher dran an den Menschen. Auch viele ausländische Bewohner holen sich Rat, weil sie mir vertrauen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, kein Geld zu haben."
Aber das war nicht immer so: "Ich habe früher, wie andere auch, das Geld mit vollen Händen rausgeschmissen. Ich hatte ein Haus, einen BMW, war verheiratet." Dann kam die Trennung. Es folgte die Privatinsolvenz. "Das war ein schmerzhaftes Wachrütteln. Im ersten Moment kam es mir vor wie ein riesiger Berg, den ich nie bezwingen werde." Aber sie holte sich Rat bei der Schuldnerberatung. "Und heute bin ich wieder schuldenfrei", sagt Langensiepen - nicht ohne Stolz.
Irgendwie ist sie sogar froh, diesen Weg gegangen zu sein. Die Zeit als Hartz-IV-Empfängerin habe sie geprägt - nicht negativ: "Ich weiß die Dinge heute mehr zu schätzen und ich weiß inzwischen, mit möglichst wenig Geld auszukommen." Mittlerweile fährt sie ein 20 Jahre altes Auto. Und es macht ihr nichts aus. Statussymbole haben längst ihre Wirkung verloren.
"Ich bin nicht arm"
Ob sie sich als arm bezeichnen würde? "Ich bin nicht arm, das war ich nie, ich habe zwei gesunde Söhne", sagt die 41-Jährige. Sie sei auch kein "normaler" Hartz-IV-Empfänger gewesen, betont sie. "Das heißt, ich habe gehaushaltet, ich hatte am Ende des Monats immer noch Geld in der Tasche. Mir war nur wichtig, für meine Kinder und mich einen vollen Kühlschrank zu haben, alles andere zählt nicht", erzählt sie.
Susanne Langensiepen spricht offen über ihr Leben, ihr ist die Zeit als Hartz-IV-Empfängerin nicht peinlich. Deshalb klopfte bereits das Fernsehen bei ihr an, drehte während ihrer Arbeit der Wetzlarer Tafel einen Beitrag für "Brisant", später für "Horizonte". Ein Problem hatte dagegen der 15-jährige Sohn mit der Arbeitslosigkeit seiner Mutter. "Die Jugendlichen sind sehr diskriminierend. Oft haben sie ihn ,Du Harzer genannt. Das ist ein Schimpfwort bei denen." Deshalb sei es für ihn "befreiend", quasi "eine wichtige Imagesache" gewesen, dass seine Mutter keine Hartz-IV-Empfängerin mehr ist, wieder einen Job hat. "Für mich selbst auch", gibt sie zu.









