Lebhaft und detailreich erzählt Helmut-Werner Stepanek von seiner Auswanderung nach Norwegen. Im Internetangebot des Arbeitsamts hatte er die Stellenausschreibung des Osloer Schuhmacherbetriebs gelesen und eine Bewerbung abgeschickt. Wenige Tage später kam schon die Antwort: Ein Wochenende zum Probearbeiten in der norwegischen Hauptstadt wurde ihm darin angeboten, inklusive Reisekosten und Übernachtung.
"Da bin ich gleich hingeflogen, und nach einer halben Stunde Probearbeiten war alles klar", sagt der gebürtige Wetzlarer, der mit dem Arbeitsvertrag in der Tasche zum Packen nach Hause kam.
Und bei der Arbeit in Oslo lief es dann auch gleich gut. Er war in der Schuhreparatur eingesetzt und konnte viel von seinem neuen Chef lernen, "der da den wahrscheinlich angesagtesten Schuhmacherbetrieb im ganzen Land hat."
Neben der Schuhreparatur gehörte dazu der Verkauf von maßangefertigten Schuhen und Designermodellen. Unter den vielen prominenten Kunden waren auch der Premierminister und die Kronprinzessin Mette-Marit, die ihm beide einen guten Start in Norwegen gewünscht haben.
Doch außerhalb des Beruflichen stellte sich das als schwierig heraus. "Hemmel" hatte sich so schnell entschieden, dass zu Hause keine Zeit geblieben war, Norwegisch zu lernen. Und sein Meister konnte gut Deutsch und sprach ausschließlich Deutsch mit ihm. Die Sprachkurse in Norwegisch für die meist aus Russland oder Polen kommenden Gastarbeiter waren über Monate hinweg ausgebucht.
Zwar verstehen viele Norweger Deutsch, weil sie es in der Schule hatten, doch sie benutzen es nicht gerne, stellte der Mittelhesse fest und sieht die Ursache dafür im Zweiten Weltkrieg: "Es hat auch damit zu tun, dass die deutsche Besetzung von Norwegen den Leuten dort immer noch schwer im Magen liegt."
"Viel mehr kaufen kann man nicht, weil auch die Preise viel höher als hier sind"
So hatte es der Mittelhesse nicht leicht, Anschluss zu finden. "Die Norweger sind nett, aber privat ist es sehr schwer, in die Gemeinschaft reinzukommen." Wenn er frei hatte, war er meist alleine, und später flog er dann nach Deutschland, wenn es möglich war. Auch das hohe Gehalt relativierte sich vor Ort recht schnell, weil die Lebenshaltungskosten in Norwegen deutlich über denen in Deutschland lagen. So musste "Hemmel" stolze 900 Euro Miete im Monat für eine 30 Quadratmeter große Wohnung zahlen, die zudem noch etwas außerhalb der Innenstadt gelegen hat. Acht Euro für ein großes Bier in der Kneipe seien ebenfalls ganz normal gewesen.
"Zuerst sieht das Gehalt natürlich sehr gut aus, aber wenn man am Ende des Monats schaut, was übrig geblieben ist, dann kann man das auch mit hier vergleichen", sagt der Mann, der schließlich in Oslo die Entscheidung traf, nach Mittelhessen zurückzukehren. Er bewarb sich von Norwegen aus in Deutschland und nachdem das Erfolg hatte, ließ er Skandinavien hinter sich.
Heute lebt der gebürtige Wetzlarer in Dutenhofen. Er ist bei "Mister Minit" beschäftigt und kümmert sich meist in der Filiale im Dutenhofener Globus-Markt um die Schuhe der Kundschaft. Dann kann er zu Fuß zur Arbeit laufen.
Helmut-Werner Stepanek genießt es heute, dass er seine Freunde jederzeit problemlos treffen kann, und er ist auch wieder in seinem alten Verein aktiv: Der große Fußballfan hat früher schon beim RSV Büblingshausen in der 2. Mannschaft und bei den Alten Herren gespielt und ist jetzt im Spielausschuss aktiv - genau so wie auch schon vor seiner Abreise nach Norwegen.
Doch nicht alles ist wie vorher: Der 33-Jährige hat mittlerweile eine Lebensgefährtin gefunden, mit der er jetzt in Dutenhofen zusammenlebt. War die Rückkehr also richtig? War es überhaupt gut, nach Norwegen zu gehen? "Hemmel" lehnt sich zurück und lächelt zufrieden. Dann sagt er: "Ich bereue diese Entscheidungen beide nicht - weder die, nach Oslo zu gehen, noch die, wieder hierher zurück zu kommen."









