Sie haben als Wirtschaftsjournalist schon viele Krisen miterlebt. Ist die jetzige Krise eine, wie die anderen auch - oder ist es diesmal wirklich ernst?
Frank Lehmann: Ja. Es ist eine Krise, die es in dieser Form noch nie gegeben hat. Aus der Immobilienkrise wurde die Finanzkrise. Aus der wurde die Weltwirtschaftskrise. Und daraus entwickelte sich die Schuldenkrise der Staaten. Die jetzige Krise ist am ehesten noch vergleichbar mit der Weltwirtschaftskrise in den 20, 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Vielleicht ist sie aber noch schlimmer. Damals war es ja gelungen, mit staatlichen Programmen aus der Depression, also dem wirtschaftlichen Stillstand, herauszukommen. Das wird nun auch versucht. Doch dabei nehmen die Staaten eine unheimliche Schuldenlast auf. Und die wird noch in fünf, sechs Generationen abgetragen werden müssen.
Immer öfter wird daher von einer drohenden Inflation berichtet. Müssen Anleger um den Wert des Geldes bangen?
Lehmann: Ja - aber da wird sehr übertrieben. Es wird geradezu Hysterie verbreitet. Wir Journalisten haben da sicherlich eine Mitschuld. Da werden reißerische Überschriften gewählt, der Euro abgeschrieben. Gerade wir Deutschen sind durch das Wort Inflation vorbelastet. Die Leute sind elektrisiert, aus der historischen Erfahrung, und denken sofort an die Hyperinflation. Also an damals, als das Brot an einem Tag eine Milliarde Reichsmark gekostet hatte und am nächsten Tag eine Milliarde und eine halbe. Aber das droht uns nicht. Als Inflation wird das bezeichnet, was über zwei Prozent liegt. In den nächsten drei bis fünf Jahren dürfte die Inflationsrate wieder hochgehen - auf drei bis sechs Prozent. Das ist natürlich dennoch schwierig, vor allem für die Rentner. Denn deren Rente steigt ja nicht in diesem Maße mit der Inflationsrate. Aber mit der rasanten Geldentwertung, an die viele Leute denken, hat das überhaupt nichts zu tun.
Wenn das Geld an Wert verliert - sollten die Verbraucher dann zu den Goldmünzen greifen, die derzeit überall bei Banken als Schutz gegen Inflation angeboten werden?
Lehmann: Sicherlich gehört auch Gold zu einer richtigen Anlage dazu. Übrigens nicht erst seit der Krise, sondern schon auch davor. Etwa zehn bis 15 Prozent seines Vermögens kann man in Gold investieren. Neben den Münzen ist aber zu Barren zu raten, die gibt es schon ab 10 Gramm. Die sind vom Preis her günstiger als die künstlerisch geprägten Münzen. Aber generell sollten Anleger zum Werteerhalt in Sachwerte investieren.Immobilen also?
Lehmann: Ja - aber nicht nur. Zu den Sachewerten gehören ja auch Aktien. Denn mit einer Aktie beteiligt sich der Anleger an einem Unternehmen. Und das hat ja auch in Gebäude, Anlagen und Angestellte investiert.
Aktien genießen nicht den besten Ruf.
Lehmann: Das stimmt. Aber man darf dabei nicht den schnellen Gewinn im Auge haben. Viele Anleger schauen täglich auf die Kursliste und denken nur an den Kursgewinn. Ich interessiere mich vor allem für die Dividende. Nehmen Sie die Telekom als Beispiel. Deren Kurs ist ja zur Zeit miserabel. Aber die schütten eine ordentliche Dividende aus. Wer also mittel- und langfristig denkt, muss sich ausrechnen, welcher Verzinsung das entspricht. Und wenn dann noch ein Kursgewinn am Ende herausspringt, umso besser. Viele scheuen sich aber davor, so langfristig denken. Warum sich auf 15 Jahre auf eine Geldanlage festlegen, wo doch die Ehe mit der eigenen Frau statistisch gesehen nach 13 Jahren geschieden wird?
Es muss also nicht das Eigenheim sein?
Lehmann: Doch - kann es auch. Aber auch bei Immobilien kann man Fehler machen. Das Haus oder die Wohnung muss in einer guten Lage sein. Was nutzt einem das schöne Domizil, wenn da niemand hinziehen will? Nein, ohne Mühe und vorherige Erkundigung geht es nicht. Das haben wir ja um die Wendezeit gesehen, als viele überschnell im Osten investiert haben. Und Geld in Immobilien gesteckt haben, die es bei weitem nicht wert waren.
Geld macht nicht glücklich. Gibt es überhaupt ein sorgenfreies Leben mit Geld?
Lehmann: Was heißt "sorgenfrei"? Das ist doch sehr individuell. Das muss jeder für sich entscheiden. Ich erlebe es oft, wenn ich mit Menschen spreche, dass sie Angst vor mangelnder Absicherung im Alter haben. Sie fürchten, dass sie sich das Pflegeheim nicht leisten können, wenn es mal so kommen sollte. Die nicht von 10 Euro Taschengeld vom Staat leben werden können. Das treibt viele um. Sicher, Geld macht vielleicht nicht glücklich. Aber es beruhigt. Wenn wir ehrlich sind - ein gewisses materielles Niveau sollte es schon sein, für die meisten, nehme ich an.
Zur Person Frank Lehmann
Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann bei der Frankfurter Rundschau studierte Lehmann Betriebswirtschaftslehre und volontierte in Frankfurt bei der Wirtschaftsnachrichtenagentur vwd-Vereinigte Wirtschaftsdienste. Seit 1978 arbeitete er für den Hessischen Rundfunk und leitete dort die Redaktion der Tagesschau (Hessen) und moderierte die Hessenschau.
Von 1984 bis 1989 war er Leiter der "Hessenschau" sowie von 1989 bis 2001 Leiter der Wirtschaftsredaktion. Parallel arbeitete er am Aufbau einer Redaktion Börse. Ab 1989 moderierte er die Börsen-Berichterstattung.
Er war Initiator und von 2006 einer der Moderatoren der Sendung Börse im Ersten in der ARD. Frank Lehmann ist verheiratet und hat drei Kinder.








