"Jeder Gewinner ist anders", sagt Heinz Wolfinger. "Aber in einem sind alle gleich - sie haben noch gar nicht verstanden, was ihnen passiert ist."
Heinz Wolfinger hat einen Job, um den ihn die wenigsten seiner Freunde beneiden: Der 59-Jährige ist Abteilungsleiter bei "Lotto Hessen", und seine Aufgabe ist es, sich um die frischgebackenen Lotto-Millionäre zu kümmern. Das sei eine große Verantwortung, gibt er zu: "Aber ich kann mir keine schönere Arbeit vorstellen."
Seit 18 Jahren ist der gebürtige Badener für jene Hessen da, die das Glück voll erwischt hat. Dabei sei ihm irgendwann bewusst geworden, dass an der alten Volksweisheit, Geld allein mache nicht glücklich, durchaus etwas dran ist.
"Oft werde ich gefragt, ob ich neidisch bin", sagt er. "Dann lächele ich meist nur." Ohnehin scheint es kaum etwas zu geben, das dem gelassenen Lotto-Mitarbeiter das Lächeln aus dem Gesicht nimmt. "Wir haben hier schon alles erlebt - wer eine derart große Summe gewinnt, muss dieses Erlebnis erst einmal verarbeiten", meint Wolfinger.
"Zentralgewinn" - so heißt das, wenn jemand mehr als 5000 Euro gewonnen hat. Nicht nur im Falle der berühmten sechs Richtigen ist Verschwiegenheit eines der wichtigsten Prinzipien von "Lotto Hessen". "Es geht niemanden etwas an, dass beispielsweise sein Nachbar den Jackpot geknackt hat", stellt Wolfinger klar. Daher werden größere Summen nur dem Gewinner selbst bekannt gegeben und ansonsten durch den genannten Begriff vor neugierigen Blicken geschützt.
Denn im Gegensatz zum Betreuer der Millionäre seien andere Zeitgenossen durchaus neidisch. "Man sollte selbst guten Freunden zunächst nichts von seinem Gewinn verraten", lautet der Tipp des Experten.
Ratschläge wie dieser gehören dazu, wenn der 59-Jährige den neuen Reichen die Frohe Botschaft überbringt. Obwohl: Eigentlich überbringt er sie nicht - die Gewinner holen sie sich ab. "Den klassischen Glücksboten gibt es bei uns nicht", bestätigt Dorothee Hoffmann, Pressesprecherin der Lotto-Gesellschaft.
Nachdem der erste Schreck und die erste Euphorie am Abend der Ziehung verdaut sind, machen sich die Gewinner am Folgetag auf zur Lotto-Zentrale in Wiesbaden. Dort geben sie wie in jeder anderen der 1967 Annahmestellen in der Republik den Tippschein ab, und es wird per Computer überprüft, ob der Millionär in spe auch tatsächlich Grund hat, sich zu freuen."Viele können es zunächst gar nicht fassen", erklärt Heinz Wolfinger. "Es gibt so viel zu überlegen und zu planen, denn ein solches Ereignis ist ja sehr selten - es passiert einem nur einmal im Leben." Von dem schwarzen Sofa, auf dem die Millionäre dann sitzen, haben viele schon gehört. Wer es bis dahin geschafft hat, weiß ganz genau: Nun ist nichts mehr wie vorher. "Interessanterweise hat kaum jemand sofort große Pläne wie den Kauf einer eigenen Insel", sagt Dorothee Hoffmann. "Stattdessen sprechen die meisten nur davon, sich ein Häuschen anzuschaffen, ein Auto zu kaufen oder zu reisen."
Diese Reaktion sei bei allen gleich, sie könne sie fast synchron mitsprechen, scherzt die Leiterin der Unternehmenskommunikation. Wolfinger stimmt zu: "Viele reden auch darüber, ihren Kindern nun eine gute Ausbildung ermöglichen zu können." Ein einziger Gewinner habe angekündigt, im großen Auto seinen Chef zu besuchen und diesen zu verhöhnen. "Aber davon konnten wir ihn abbringen", erinnert sich Dorothee Hoffmann. Die meisten Lotto-Millionäre erweisen sich als erstaunlich freigiebig, weiß Wolfinger.
"Viele erzählen uns, dass sie andere Menschen durch Zuwendungen an ihrem Glück teilhaben lassen wollen", sagt der Betreuer der Millionengewinner. Nach dem ersten Schluck Wasser - Sekt wird selten verlangt - wird den Glücklichen langsam bewusst, wie einschneidend ihr Gewinn ist.
Nicht nur Gewinne machen glücklich: "Wir verkaufen Träume"
"Wir dürfen natürlich keine Anlageberatung machen", stellt Heinz Wolfinger klar. "Aber zumindest geben wir einige Hinweise, was den Umgang mit dieser großen Summe angeht." Diese wird innerhalb einer Woche nach der Überprüfung überwiesen - auf das Konto, das der Gewinner bis dahin angegeben hat.
Es sei besser, Millionengewinne nicht zu einer kleinen Bank- oder Sparkassenfiliale zu bringen, befindet Dorothee Hoffmann. Denn dann sei die Gefahr groß, dass sich schnell herumspreche, wenn eine ungewöhnlich hohe Einzahlung erfolgt sei.
Die Lotto-Millionäre werden auf jeden Fall nicht allein gelassen. "Unsere Betreuung endet in der Regel mit der Überweisung", erklärt Wolfinger. Bis dahin beantworten er und seine Kollegen sämtliche Fragen der neuen Reichen.
Wer nicht gewonnen habe - oder nur eine kleine Summe -, der müsse im Übrigen nicht traurig sein. "Erstens kommt sein Geld sozialen Zwecken zugute", sagt Wolfinger. "Zweitens verkaufen wir Träume - und träumen ist auch schön."








