Die 68-jährige reist viel - nach Österreich, Italien oder Spanien -, selten ist sie länger als eine Woche an einem Ort. Bereits seit 15 Jahren lebt Schwermer, ohne einen einzigen Geldschein angefasst zu haben. Ihre Habe hat sie damals - zu Beginn ihres "neuen Lebens" - verschenkt, ihre Wohnung aufgelöst, ihren Beruf aufgegeben, sämtliche Versicherungen gekündigt.
Was die frühere Lehrerin und Psychotherapeutin zum täglichen Leben braucht, bekommt sie durch Tausch. Oft ist sie in "Gib-und-Nimm-Häusern" befreundeter Familien zu Gast. Dort übernimmt sie die Gartenarbeit, die Kinderbetreuung oder Kochdienste und erhält dafür Kost und Logis. Die Kontakte zu ihren Gastgebern hat sie über Jahre aufgebaut.
"Der Verzicht auf das Geld hat mir eine neue Lebensqualität gebracht", so Schwermer in einem Gespräch mit dieser Zeitung. "Innerer Reichtum, Großzügigkeit und vor allem: Freiheit statt Abhängigkeit."
Was vor 15 Jahren als Experiment auf Zeit begann, ist zu einem dauerhaften Lebensmodell für die in Dortmund lebende Frau geworden; eines, auf das sie nicht mehr verzichten möchte.
Angefangen hat sie 1994 mit einem Tauschring in Dortmund, der "Gib-und-Nimm-Zentrale". Hier gaben die Teilnehmer das ab, was sie nicht mehr brauchten und tauschten Dienstleistungen des täglichen Bedarfs: Haareschneiden gegen Babysitten, Auto reparieren gegen Fensterputzen.
Arm aber glücklich: Ihren Weg würde die Ex-Lehrerin wieder gehen
Auf diese Weise wollten die Teilnehmer mit weniger Geld auskommen. Dieses Konzept, reichte Schwermer jedoch schon bald nicht mehr aus. Sie wollte ein anderes Leben führen und machte sich deshalb daran, ganz ohne Geld auszukommen.
Schwermer will das Geld nicht abschaffen. Sie kritisiert aber die Gegensätze zwischen Arm und Reich. "Es gibt zu viele Menschen in der Welt, die von ganz wenig Geld leben müssen. Dabei ist doch eigentlich genug für alle da. Aber manche nehmen sich zuviel," sagt sie. "Ich wollte schauen, ob es möglich ist, ganz ohne Geld zu leben."
Mit ihrem Leben wolle sie Denkanstöße geben, sagt Schwermer. Sie hält Vorträge, bietet Beratungen an, hat Bücher geschrieben und Interviews gegeben und darin ihre Geschichte erzählt. Das Geld, das sie dafür bekommt, spendet sie. Sie will zeigen, dass man auch ohne Besitz glücklich sein kann. "Ein anderes Leben, eine andere Welt ist möglich."
Ellenbogenmentalität und übertriebenes Konkurrenzdenken in der Gesellschaft will sie überwinden: Dem selbstlosen Tauschhandel soll die Zukunft gehören. Sie weiß, dass sie eine extreme Lebensweise gewählt hat und ihr Modell nicht so einfach auf die Gesellschaft übertragbar ist. Sie wolle mit ihrem Weg jedoch anderen Mut machen, ebenfalls ihren eigenen Weg zu entdecken "und ihn dann Schritt für Schritt zu gehen".
Würde sie den gleichen Weg wieder gehen? "Auf jeden Fall", sagt Schwermer - und zögert dabei keine Sekunde. Sie sei sehr zufrieden, "arm aber glücklich". Jeder Tag bringe etwas Neues. Sie habe früher einen guten Beruf gehabt. Nun sei die Freiheit jedoch noch größer. Sie könne jeden Tag neu entscheiden, "will ich so leben oder muss ich etwas anderes machen?".
Existenzängste habe sie keine, sagt Schwermer. Für Menschen, die sehr wenig besitzen und Monat für Monat um ihr Überleben kämpften, müsse dies wie ein Widerspruch erscheinen. Sie habe keine Angst, gerade weil sie nichts besitze, so ihre spirituelle Sichtweise. "Ich belaste mich nicht mit überflüssigen Dingen und laufe nicht dem Geld hinterher. Das Leben gibt uns immer, was wir brauchen."
Ein Minuspunkt an ihrem Leben fällt ihr dann doch ein: "Ich reise viel und muss daher sehr oft Koffer packen", sagt sie, "und das kann ich nicht so gut".






