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01.09.2010, 10:18 Uhr
Von Klaus- J. Frahm

Biebertal-Rodheim-Bieber.

Konsumverzicht bringt Freiheit


Rohkostler lebt zeitweise in Erdhöhle


Biebertal-Rodheim-Bieber. Martin passt in keine Zielgruppe der Werbeindustrie. Denn er hat seine Bedürfnisse auf ein Minimum zusammengestrichen. Mit dem Verzicht hat er sich von allen Zwängen befreit, die das Leben des "normalen' Bürgers bestimmen. Der Minimalismus geht soweit, dass er seinen Nachnamen abgelegt hat.






Birgit Mihm pflückt Kräuter für eine einfache Mahlzeit. (Foto: Frahm)zoomBirgit Mihm pflückt Kräuter für eine einfache Mahl... | mittelhessen.de
Schon als Student hat der Selbstversorger eine Abneigung gegen viele andere Errungenschaften der Zivilisation entwickelt. Mit dem Umzug aus dem Haus in ein Zelt im Garten vollzog er dann vor 25 Jahren den endgültigen Schritt. Auch die vielen unnützen Dinge, die der Mensch in seinem Leben anhäufe, seien im Grunde nur belastend, so Martin. Wenn man eine Weile auf die vielen Konsumgüter verzichtet habe, erschienen sie sogar lächerlich, ergänzt er.

In festen Häusern übernachtet Martin nur noch gelegentlich. Seine Kleidung besteht aus dem Brauchbaren, das andere wegwerfen. Mit Genehmigung des Försters lebte Martin einige Jahre in einer Erdhöhle nahe einem Hofgut in Rodheim-Bieber (Kreis Gießen). Inzwischen steht sein Zelt in einem Garten hinter dem Haus, das seine Lebensgefährtin Birgit Mihm gemietet hat. In einigen Bereichen teilt sie weitgehend die Lebensform ihres Partners. Eine feste Wohnung behielt sie neben ihrer Arbeit aber immer bei.

Das Material für Martins Unterkunft, die in den Proportionen genau der Cheopspyramide nachgebaut ist, stammt aus einem Abfallhaufen. Ausgerichtet ist das Zelt wie sein großes Vorbild in Ost-West-Richtung. Es entfalte die geheimnisvollen Kräfte der Pyramide, betont sein Bewohner. Dass diese nicht nur der Phantasie entspringen, beweise ein US-Patent, so Martin. Ein Amerikaner hatte vor Jahren das Patent auf eine kleine Pyramide beantragt, in der stumpf gewordene Rasierklingen wieder scharf werden, wenn sie in der richtigen Ausrichtung hinein gelegt werden. In langwierigen Tests hatten die Patentprüfer den Effekt nachgewiesen und das Patent erteilt.

Sportlicher Ehrgeiz

Für Martin hat sich sein frühers Leben in vielfacher Hinsicht radikal verändert. Völlig verschwunden sind Termindruck und Hektik. "Ich habe ein besonderes Gefühl für mein Essen entwickelt und habe entdeckt, dass Langsamkeit für mich einen großen Wert hat", sagt er und ergänzt: "Ernährungsregeln sind eine schwierige Sache. Je strenger man damit umgeht, desto schwieriger werden sie." Seit 25 Jahren füllt er seinen Speiseplan mit dem, was am Wegrand wächst und von den meisten Menschen als Unkraut bezeichnet wird. Außer Salz und Speiseöl kommen bei dem 56-Jährigen nur Lebensmittel auf den Tisch, die er in der freien Natur gesammelt hat.

Das Leben ohne Discounter und Küchenherd ist für Martin eine Form von Freiheit, die er nicht mehr missen möchte. Zu der außergewöhnlichen Ernährung kam Martin zufällig. Als Mitglied einer Wohngemeinschaft entdeckte er als Student unter den vielen Unkräutern im WG-Garten viele wohlschmeckende Kräuter und verwendete sie für Salate. Mit der Zeit entwickelte Martin einen fast sportlichen Ehrgeiz und erprobte die Ernährungsform des steinzeitlichen Sammlers. Denn sein Ziel ist, so zu essen, wie die Menschen der Steinzeit es taten. Für den studierten Sozialpädagogen bedeutet das, täglich viel Zeit für die Nahrungssuche aufzuwenden. Im Sommer stehen oft Brennnesseln auf dem Speisezettel, aber auch Löwenzahn, Huflattich, Sauerampfer und vieles mehr. Dazu kommen Beeren, von denen es in den Wäldern um Biebertal auch genügend gibt.

Auf dem Speiseplan von Birgit Mihm steht zudem neben der wildgewachsenen Rohkost auch immer Brot - und sie trinkt Tee oder Kaffee. Ihre Bedürfnisse hat Mihm nicht so radikal heruntergeschraubt wie Martin. Auf viele Dinge, die in ihren Augen überflüssig sind, verzichtet sie aber auch.

Martin trinkt nur Wasser, das er mit Kräutern aromatisiert. Und von dem Brot, das seine Lebensgefährtin nach ihren Worten über alles liebt, nascht er nur ganz selten. "Höchstens ein Drittel des Essens darf aus Kohlehydraten bestehen und es sollte sehr eiweißhaltig sein", bringt Martin seine Ernährungsregeln auf den Punkt. Die konsequente Lebensführung halte schlank und sportlich. Die Sinne seien enorm geschärft, sagt der Rohkostler. Seinen minimalen Bedarf an Bargeld könne er problemlos durch Pfand für weggeworfenes Leergut in den Straßengräben decken.

Auch wenn er manchmal belächelt wird und selbst in seiner Familie auf Unverständnis stößt, möchte Martin nicht mehr in die "zivilisierte" Lebensform zurückkehren.

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Dokument erstellt am 02.09.2010 um 10:21:10 Uhr
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