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24.08.2010, 10:49 Uhr
Von Jörgen Linker

Eschenburg-Wissenbach

Ein Alkoholiker sagt wieder "Ja" zum Leben


Vom langen Weg zur Einsicht


Eschenburg-Wissenbach. "Ich bin Alkoholiker." Walter Grein* spricht es als Selbstverständlichkeit aus. Aber diese Einsicht hat Jahrzehnte gebraucht. Die Zeit dazwischen bezeichnet der 58-Jährige als Selbstbetrug. Es sei ein schleichender Prozess gewesen. Vom ersten Bier zur Gewohnheit und zur Sucht-Therapie in der Wissenbacher Klinik. Und nun zur Einsicht und zur Abstinenz. Damit kann er leben. Besser als zuvor.






Dr. Thomas Klein, Leiter der Klinik in Wissenbach: "Wenn wir unser Leben nicht selbst in die Hand nehmen, haben wir keine Chance, unsere Ziele zu erreichen."zoomDr. Thomas Klein, Leiter der Klinik in Wissenbach:... | mittelhessen.de
Grein wuchs in einem Dorf auf, machte eine Lehre als Maler und "wenn man irgendwo auf eine Baustelle kam, gab es zum Frühstück Bier". Auch sonst, im Fußballverein und in der Feuerwehr habe es jede Menge Gründe zum Feiern und Biertrinken gegeben. Fünf Bier waren seine Tagesration, am Wochenende auch mal mehr. Über 20 Jahre hinweg.

Mit 36 merkte er zum ersten Mal, dass sein Gedächtnis nachließ, ging zum Arzt, der untersuchte die Hirnströme und stellte fest: "Der Alkohol macht sie kaputt." Es folgte eine Entgiftung, dann eine Behandlung in der Wissenbacher Klinik für Suchttherapie. Ein halbes Jahr lang. Alles schien gut. "Ich dachte, mich sieht man hier nicht mehr. Aber ich hatte noch nicht eingesehen, dass ich alkoholabhängig bin."






"Alkohol war mein treuester Freund, er hat mir   den Schmerz und den Verlust genommen": In der Kreativ-Werkstatt der Wissenbacher Klinik hat ein Süchtiger diese Figur  gefertigt. (Fotos: Linker)zoom"Alkohol war mein treuester Freund, er hat mir den... | mittelhessen.de
Aber alles fing gut an. Grein lebte in Offenbach am Main, hatte wieder eine Wohnung, einen neuen Job, und er lernte eine Frau kennen, seine Liebe. Ein normales Leben, sagt er. Mit Aufs und Abs.

"Hier kämpfen Menschen um ihr Leben und Sie wollen Ihres wegwerfen"

Dann, 1995, brach er beim Einkaufen auf der Straße zusammen und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Gallensteine hatten sich an der Bauchspeicheldrüse angelagert. Die Ärzte vermuteten aber zunächst Krebs. Grein: "Ich dachte, wenn du nicht mehr lange zu leben hast, ist es sowieso egal. Ich hatte es im Kopf: Wenn du rauskommst, ist alles egal. Und er trank wieder. Erst heimlich, mit einem Schnaps auf die Schnelle. Dann Bier. Und dann die Gewohnheit.

"Der große Knall kam, als meine Frau gestorben ist, 2002. Da ist bei mir was kaputtgegangen. Da war ich nicht mehr ich. Ich habe angefangen, mich abzuschotten." Und Grein dachte: "Mich braucht eh keiner. Ich bin unnütz. Es hat alles keinen Sinn. Ich habe wie in einem Gefängnis gelebt." Er suchte keine Hilfe, sondern kapselte sich ab.

"Diese innere Isolation spielt fast immer eine Rolle", sagt Dr. Thomas Klein. Er kenne Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, redegewandt sind, Kontakte haben und dennoch innerlich isoliert sind - und dann den Partner Alkohol gefunden haben.

Auch für Walter Grein war Bier der "einzige Partner". Und die Verbindung nach draußen: er musste es ja holen. Im Alkohol suchte er Trost.

"Der Alkohol war auch eine Überlebensstrategie", sagt Dr. Thomas Klein. "Alkohol ist auch ein Betäubungsmittel, es betäubt die Trauer. Es führte zwar dazu, dass er sich nur noch in seiner eigenen Welt bewegte, aber auch dazu, dass er existiert. Wenn es nicht die Möglichkeit gäbe, nach Suchtmitteln zu greifen, dann wäre die Selbstmordrate noch höher." Grein bestätigt das: Er habe mit Alkohol besser gelebt. Damals. "Alkohol war mein treuester Freund, er hat mir den Schmerz und den Verlust genommen." Dr. Klein: "Suchtmittel bringen in der Situation, im Moment, einen Gewinn - denn wir leben jetzt beschissen oder gut -, aber nicht langfristig."Für Grein wäre das jähe Ende fast 2008 gekommen. Ihm wurde die Wohnung gekündigt und er habe sich erstmal "schön die Kante gegeben". Alles in sich hineingeschüttet. Auch Tabletten. Als er wieder wach wurde, lag er im Krankenhaus auf der Intensivstation. Er hatte sich auch die Arme aufgeritzt. Und eine Krankenschwester schimpfte: "Hier liegen Menschen, die kämpfen um ihr Leben, und Sie wollen Ihres einfach so wegwerfen."

Es folgte die Psychiatrie und dann die Therapie in der Wissenbacher Klinik. Mit einem Schlüsselerlebnis: die Gespräche mit einer älteren Therapeutin. "Da war ein Mensch, der meine Gefühle wieder angeregt hat", sagt er. "Ich hatte das Gefühl, ich kann reden und offen sein. Das Gefühl der Scham war weg, und ich konnte sagen: ich bin schwach. ich habe so wieder Vertrauen in andere Menschen gewonnen."

Inzwischen lebt Walter Grein in Simmersbach in einer Wohngruppe der Klinik, er lebt ohne Alkohol, und er lebe besser als früher, fühle sich wohler und er zählt auf: Er lebe bewusster. Er lasse im Alltag nichts mehr schleifen. Er könne viel offener auf Menschen zugehen, er sei nicht mehr so verklemmt. Das Selbstwertgefühl sei wieder da. "Es ist ein schönes Gefühl zu sagen: Ich habe wieder die Verantwortung über mich."

Für Klinikleiter Klein ist genau das eines der wichtigsten Therapieziele: "Verantwortung über sich übernehmen". Klein: "Wenn wir unser Leben nicht selbst in die Hand nehmen, haben wir keine Chance, unsere Ziele zu erreichen." Oft werde die Verantwortung abgegeben, andere seien schuld an der eigenen schlechten Situation.

Walter Grein habe wieder "Ja" zum Leben gesagt, meint Dr. Klein. Oft seien es äußere Faktoren, die Süchtige zur Therapie bewegten. Die drei wichtigsten Gründe: Angst um die eigene Gesundheit, Angst um den Arbeitsplatz (wenn der Chef sage: Machen Sie eine Therapie oder Sie verlieren Ihren Job) und Angst, den Partner zu verlieren (wenn der Ehepartner sage: Ich habe die Schnauze voll).

In der Therapie müsse aus der Fremdmotivation eine Eigenmotivation werden: Was bringt es mir persönlich, wenn ich künftig abstinent lebe?

Klinikleiter Klein sagt: "Ich wünsche jedem unserer Patienten eine zufriedene Abstinenz." Wer jeden Tag gegen die Sucht ankämpfen müsse, sei unzufrieden. Diese Menschen bekämen sehr häufig Krebs.

Zufriedenheit definiert er so: "Wichtig ist, dass man anderen etwas bedeutet, dass einem jemand zuhört, dass man Selbstwert empfindet, dass was ich tue auch Spaß macht. Das alles lässt sich nicht am Einkommen ableiten."

* Name von der Redaktion geändert.

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Dokument erstellt am 25.08.2010 um 10:52:17 Uhr
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