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24.08.2010, 10:50 Uhr
Von Sophie Cyriax

Biedenkopf

"Trocken und glücklich"


Alkoholikerin Monika Henkel hat seit mehr als sechs Jahren keinen Tropfen mehr angerührt


Biedenkopf. An Tage, Wochen, sogar Monate ihres Lebens kann sich Monika Henkel (Name von der Redaktion geändert) nur noch schemenhaft erinnern. Die 65-Jährige aus einem Ortsteil von Biedenkopf ist Alkoholikerin. Mit Hilfe einer Therapie und den Gesprächsgruppen beim Diakonischen Werk in Biedenkopf hat sie ihre Sucht heute im Griff.






Heute will Monika Henkel die Schnapsflaschen nicht mehr in ihrer Nähe wissen. Nach einer Therapie ist die 56-jährige Alkoholikerin "trocken und glücklich.? (Foto: Cyriax)zoomHeute will Monika Henkel die Schnapsflaschen nicht... | mittelhessen.de
Warum sie dem Alkohol verfallen ist, kann sich Monika Henkel selbst nicht erklären. "Mir ging es wohl zu gut", sagt die 56-Jährige, die sich lange Jahre als "Genusstrinkerin" bezeichnet hat: das Glas Sekt zum Frühstück, das kühle Bier nach der Gartenarbeit, ein Schoppen Wein abends mit Freunden. Aus der Gewohnheit sei schleichend die Sucht entstanden. Fast zehn Jahre lang hat Monika Henkel täglich Alkohol getrunken, "zuerst Sekt, Bier und Wein, später dann nur noch Schnaps", erklärt die verheiratete Mutter eines Sohnes. Ein Versteckspiel habe begonnen. Ständig wechselte die gelernte Arzthelferin die Geschäfte, in denen sie sich die "harten Sachen" besorgte. Zuhause ließ sie die Flaschen vor Ehemann und Sohn verschwinden, verstohlen waren ihre Gänge zum Altglas-Container. "Das war richtig stressig", erzählt sie, zumal das Zusammenleben in der Familie schwieriger wurde. Oft war Monika Henkel schon am frühen Nachmittag völlig betrunken, "das war schon schlimm für meinen Mann und meinen Sohn." Immer wieder versprach sie den beiden, die Finger vom Alkohol zu lassen.

56-Jährige lässt sich von ihrem Hausarzt zur Entgiftung einweisen






Helmut Kretz hat in seinen Gesprächen mit Monika Henkel die Alkoholikerin überzeugt, eine Therapie in einer Klinik zu machen. "Das hat mich gerettet?, sagt die 56-Jährige rückblickend. (Foto: Cyriax)zoomHelmut Kretz hat in seinen Gesprächen mit Monika H... | mittelhessen.de
Vier, fünf Wochen lang rührte sie dann keinen Tropfen an, "bis ich mich für meine Stärke belohnen wollte - mit einem Gläschen." Von da an ging es steil bergab. Monika Henkel zitterte am frühen Morgen, musste sich übergeben, konnte nichts mehr essen, verlor rapide an Gewicht. Aus dem Haus ging sie nur noch, um sich Nachschub zu besorgen, "dass ich meinen Führerschein noch habe, ist mir schleierhaft", bekennt sie freimütig. Nach Wochen, "in denen ich ganz unten war", ging sie zu ihrem Hausarzt und ließ sich zur Entgiftung in eine Klinik einweisen. Nach einer Woche im Krankenhaus wurde sie an Helmut Kretz vermittelt.

Der Leiter des Diakonischen Werks in Biedenkopf führte mit Monika Henkel "ausgiebige, intensive Gespräche", wie die 56-Jährige im Rückblick beschreibt. Das Ausmaß ihrer Suchterkrankung hatte sie damals noch nicht begriffen: "Ich dachte, ich könnte irgendwann wieder ganz normal trinken." Diese falsche Vorstellung könne sie nur durch eine Therapie ablegen, überzeugte sie Helmut Kretz. Daraufhin suchte sich Monika Henkel einen Therapieplatz in einer Klinik in Mecklenburg-Vorpommern, wo sie vier Monate lang blieb. Im Dorf ging sie damit offensiv um. "Ich habe gesagt, dass ich Alkoholikerin bin und eine Therapie mache", erzählt sie, "vertuschen kann man auf dem Land sowieso nichts." Offen und ehrlich geht sie auch heute mit ihrer Sucht um.

Bei Einladungen und Festen sagt sie sofort, dass sie Alkoholikerin ist

Bei Einladungen und Festen sagt sie vorneweg, dass sie Alkoholikerin ist: "Dann wird mir auch nichts angeboten", sagt Monika Henkel, die seit sechseinhalb Jahren keinen Alkohol mehr getrunken hat. Stolz sei sie, dass sie wohl zu den zehn Prozent gehört, die nach einer Therapie dauerhaft trocken bleiben: "Trocken und glücklich", so beschreibt sie ihren momentanen Gemütszustand. Dabei hilft ihr der Besuch bei der Selbsthilfegruppe des Diakonischen Werks in Biedenkopf. Einmal pro Woche trifft sie sich dort mit anderen Alkoholkranken, "die verstehen am besten, mit welchen Problemen man jetzt zu kämpfen hat und wie es einem geht." Den befürchteten "Saufdruck", den andere Betroffene beschreiben, hat sie bislang noch nicht verspürt. Trotzdem bittet sie ihren Sohn nach jedem Familienfest, die restlichen Alkoholflaschen wegzuschließen.

"Ich will das Zeug einfach nicht um mich haben." An der allgegenwärtigen Werbung für Bier, Sekt, Wein oder Alcopops hat sie sich in den Jahren nach ihrer Therapie gestört. Heute ignoriert sie Fernsehspots und Plakate. "In unserer Gesellschaft gehört Alkohol wohl einfach dazu", sagt sie, gleichwohl fühle sie sich als trockene Alkoholikerin an vielen Stellen ausgeschlossen. Damit könne sie mittlerweile aber umgehen, der Gedanke an ihre beiden Enkelkinder hilft ihr.

"Sie sollen keine besoffene Oma erleben", sagt Monika Henkel. Außerdem habe sie nun Achtung vor sich selbst, ein "unschätzbar gutes Gefühl", betont sie: "Früher hat mich die Sucht fest im Griff gehabt", erklärt die 56-Jährige, "jetzt habe ich mein Leben wieder selbst in der Hand."

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Dokument erstellt am 25.08.2010 um 10:52:34 Uhr
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