In ihrem neuen Umfeld hat Annika Schneider nur wenigen Menschen von ihrer Vergangenheit erzählt. Sie ist vorsichtig, will ihr neues Leben nicht gefährden. Einige ihrer neuen Freunde wissen von ihren früheren Problemen. "Sie haben positiv reagiert, als ich es ihnen erzählt habe."
"Freunde treffen, Sport treiben - das konnte ich früher nicht. Dazu war ich zu fertig"
Annika Schneider ist ein wenig schüchtern, als sie von ihrer Vergangenheit berichtet. Vom Alkohol und den Gründen, weshalb sie als Jugendliche in die Sucht abgeglitten ist. Das, was sie erzählt, passt nicht so recht zu ihrer sportlichen Erscheinung, ihrem freundlichen, zurückhaltenden Wesen.
"Mein Vater hat regelmäßig getrunken und mir und meiner Mutter das Leben schwer gemacht." Er habe sie nie geschlagen - aber beschimpft und niedergemacht. Es gelang ihr nicht, seinen Ansprüchen zu genügen. "Alles, was mit mir zu tun hatte, hat er in ein schlechtes Licht gerückt." Als Jugendliche suchte sie einen Weg, sich gegen den Vater aufzulehnen. Dieser Weg führte sie zum Alkohol. Mit zwölf oder 13 Jahren trank sie zum ersten Mal, den ersten Vollrausch hatte sie an ihrer Konfirmation. Am Anfang trank sie vor allem am Wochenende, in einer Clique, in der das dazu gehörte und nicht weiter auffiel.
Der Alkohol tat ihr von Anfang an nicht gut. Trotzdem trank sie weiter. "Das war immer noch besser, als das, was ich zu Hause hatte."
Obwohl sie schon als Jugendliche so viel trank, dass sie manchmal einen "Filmriss" hatte, also nicht mehr wusste, was im Rausch vorgefallen war, hatte der Alkoholkonsum noch keine größeren Auswirkungen auf ihren Alltag: Sie schloss die Schule mit der Mittleren Reife ab, machte eine Ausbildung und den Führerschein. Sie fand auch eine Arbeit, wechselte ihre Stellen allerdings häufig. "Ich konnte mich immer eine Zeitlang zusammen reißen. Aber dann ging es nicht mehr, ich habe oft gefehlt. Und entweder wurde ich entlassen oder ich habe gekündigt, bevor ich entlassen wurde." Das Trinken sei zu diesem Zeitpunkt ihre einzige Freizeitbeschäftigung gewesen.
Körperlich und seelisch ging es ihr schlecht. Manchmal sei sie nicht in der Lage gewesen, das Haus zu verlassen. "Ich habe mich selbst gehasst für das Leben, das ich geführt habe. Aber ich konnte es nicht ändern."
Als sie Anfang 30 war, erkannte sie ihre Sucht als Problem. Sie ließ sich entgiften, begann mit einer Therapie. Anschließend wurde sie sofort rückfällig. Auch der zweite Versuch zwei Jahre später scheiterte. Wiederum drei Jahre vergingen, bis sie einen dritten Anlauf unternahm. Diesmal klappte es. "Ich dachte früher immer: In der Therapie helfen sie mir schon. Und dann habe ich erkannt: Ich muss mir selbst helfen, mein Leben von Grund auf ändern." Nachdem sie die dritte Therapie abgeschlossen hatte, blieb in Annika Schneiders Leben nichts wie zuvor: Sie hielt sich von Freunden fern, die tranken. Sie löste ihre Wohnung auf, weil ihr klar wurde, dass sie im Alltag zunächst Unterstützung benötigen würde. Hilfe fand sie beim Verein "Jugend- und Drogenberatung Limburg". Dort lebt sie seit Dezember 2008 im "Betreuten Wohnen". Der überörtliche Sozialhilfeträger - in Hessen ist das der Landeswohlfahrtsverband - übernahm zunächst für ein Jahr die Kosten, dann für ein weiteres Jahr.
"Wer aus der Sucht aussteigen will, muss eine Veränderung seines Lebens in Kauf nehmen. Denn sonst bleiben die früheren Probleme ja erhalten", sagt Sozialarbeiter Armin Deußer vom Verein "Jugend- und Drogenberatung Limburg". Der Ausstieg sei ein Prozess, der sich oft über einen längeren Zeitraum hinziehe. Ehemalige Süchtige, die abstinent sein oder ohne Drogen leben wollten, müssen bewußter mit sich umgehen. "Sie müssen aufmerksam sein, sich gut um sich kümmern."
Annika Schneider hat das verinnerlicht. Sie nimmt jetzt auch ihre kleinen Probleme ernst, redet mit ihrer Sozialarbeiterin darüber. Das hilft ihr. Sie hat sich ein neues soziales Netz aufgebaut, durch den Sport und ihre Arbeit.
Es fühlt sich gut an, ihr neues Leben: "Ich merke, dass es viel Schönes gibt. Morgens aufstehen, raus gehen, Freunde treffen, Sport treiben - das konnte ich früher nicht. Dazu war ich zu fertig." Mit Alkohol habe sie früher ihre Gefühle verstärkt - oder unterdrückt. Jetzt sind es ihre eigenen Gefühle, die sie entdeckt. Sie kann jetzt auch negative Gefühle zulassen, ohne dass sie den Drang verspürt, wieder zum Alkohol greifen zu müssen. "Ich habe die Kraft, das auszuhalten. Egal was in Zukunft auf mich zukommt", sagt Annika Schneider. Demnächst will sie sich eine eigene Wohnung suchen.
Weitere Informationen zum Verein "Jugend- und Drogenberatung Limburg" gibt es unter www.judro-limburg.de.







