In der Philosophie spielt die Idee vom besseren oder vielmehr dem guten Leben eine wichtige Rolle. Schon in der griechischen Antike wurden Ansprüche formuliert, die bis heute Gültigkeit besitzen. "Aristoteles und Platon haben zum Thema besser leben viel zu sagen", meint Brandt im Gespräch mit dieser Zeitung. "Ich bin ein guter Mensch, weil ich ein guter Bürger bin", dieser Überzeugung seien beide gewesen.
In Aristoteles Vorstellung entscheiden Aktivbürger zusammen über den Weg ihres Gemeinwesens, der antiken Polis. "Das positive Leben ist eines der Selbstbestimmung freier Bürger", so der Philosophieprofessor. In dieser Form der Staatlichkeit "bringt der Mensch sein eigenes Wohlgefühl und seinen Ehrgeiz unter".
Mit dem Untergang der antiken Welt verschwand für viele Jahrhunderte auch der freie Bürger als gestalterische Kraft von Gemeinschaft und Gesellschaft. Der Untertan trat an seine Stelle, dessen Verhältnis zum Staat ein ganz anderes war. "Der Untertan ist gehorsam und versucht, möglichst nicht mit der weltlichen und geistigen Macht in Konflikt zu geraten", beschreibt Brandt den Wandel.
Ganz verschwunden war die Idee vom freien Bürgertum allerdings auch während dieser Jahrhunderte nicht. In den Hansestädten spielten die Bürger eine bedeutende Rolle, in den freien Reichsstädten des Mittelalters behauptete sich ein selbstbewusstes Bürgertum.
Mit der Amerikanischen Revolution (1776) und vor allem der Französischen Revolution (1789) erlebten die Ideen von Demokratie und Republik ihre Wiedergeburt. Der Mensch rückte wieder in den Mittelpunkt. Der Philosoph Immanuel Kant, führender Kopf der Aufklärung in Deutschland, entwickelte im ausgehenden 18. Jahrhundert in Anlehnung an Aristoteles eine neue Rechtsphilosophie und Tugendlehre.
Kant beschäftigte sich aber auch mit dem Wesen des Menschen, so zum Beispiel seiner "Eigentümlichkeit, sich selbst unglücklich zu machen", sagt der Marburger Kant-Experte Brandt. Kants Anthropologie handle vom Umgang des Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen. Dabei stehen durchaus lebenspraktische Dinge im Vordergrund. Menschenkenntnis hilft dabei, Lebenssituationen frühzeitig zu erkennen. Anliegen des Menschen soll es sein, "im Kampf mit den Hindernissen, die ihm von der Rohigkeit seiner Natur anhängen, sich der Menschheit würdig zu machen." Der Philosoph wird zum Lebensberater, Kant zum Mitbegründer einer modernen Psychologie.Der Franzose Jean Jacques Rousseau prägte den Begriff vom Citoyen, einer modernen Form des griechischen Aktivbürgers. Rousseau beschreibt aber auch den Bourgeois, die andere Gesichtshälfte des Bürgers. Der Bourgeois tätigt die Geschäfte, sorgt für das materielle Wohlergehen. "Die Menschen müssen nun mal zu essen haben, Besitz anhäufen dürfen", so Brandt. "Auch das gehört zum besseren Leben."
Bedingungen für ein besseres Leben sind in Deutschland gut
Rousseau steht aber auch für einen weiteren Aspekt, der angesichts von Naturzerstörung im 21. Jahrhundert aktuell ist. Rousseau war der Ansicht, dass die Menschen umso besser lebten, je mehr sie die Harmonie mit der Natur suchten. Das war vor allem auch als Abkehr vom Pomp des Rokoko zu verstehen, erläutert Brandt.
Drei Sphären unterscheidet der Marburger Philosophieprofessor bei der Frage nach dem besseren Leben. Die Vermehrung der äußeren Güter entspreche einem fundamentalen Trieb des Menschen. Dieses Streben zeichne sich durch eine Art Grenzenlosigkeit aus. Grenzen bekomme der Mensch hingegen im Umgang mit dem eigenen Körper gesetzt. Körperliches Wohlbefinden, also Gesundheit, Fitness und Schönheit, besäßen zentrale Bedeutung für ein besseres Leben. Im Mittelpunkt des besseren Lebens steht für Brandt aber unser unsichtbarer Teil, die Psyche. Der Mensch besitze eine ausgeprägte Gabe, an sich selbst zu leiden. Sei es am Neid auf andere, an seiner Eitelkeit oder auch an seiner Impulsivität. "Diese Menschen könnten besser leben, wenn sie dies im Griff hätten", sagt Brandt. Das könne man schon bei Kant lernen. Gelassenheit erlange man aber nur durch einen vernünftigen Umgang mit sich selbst.
Schon das Kleinkind dürstet nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Wird sie ihm verweigert, wird es krank. "Der Mensch existiert nur über den Blick der anderen", beschreibt Brandt das Spannungsverhältnis zwischen Selbstfindung und Außenwahrnehmung.
Die Rahmenbedingungen für ein besseres Leben sind gut in Deutschland, befindet der Philosophieprofessor. "Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich in Deutschland und den westlichen Ländern viel getan, damit die Menschen besser leben", ist Brandt überzeugt. "Der Befehlston ist aus dem Umgang miteinander verschwunden." Brandt sieht eine "Sensibilität des Öffentlichen", eine gemeinsame Sympathie für ästhetische Werte, für die sich die Bürger einsetzten. Nichts anderes seien Wettbewerbe wie "Unser Dorf soll schöner werden". Die Gesellschaft sei auf einem guten Weg.
Glücklich könnten sich die Menschen in Deutschland schätzen, dass sie "nicht zur Korruption gezwungen" werden. In vielen Ländern der Welt verhindere Korruption ein besseres Leben, da sie die Eigeninitiative des Menschen zerstöre. In Deutschland seien die sozialen Mechanismen für das Zusammenleben hingegen gut. Gefahren lauerten allerdings in der immensen Staatsverschuldung und der Ausplünderung der Natur, warnt der Philosoph.Zur Person
Reinhard Brandt, geboren 1937, studierte Latein, Griechisch und Philosophie in Marburg, München und Paris. 1972 wurde er Professor für Philosophie in Marburg.. Reinhard Brandt lehrte an vielen Universitäten, so etwa in Caracas an der Simón Bolívar und in Venedig.Seine Publikationen befassen sich mit der Philosophie der Aufklärung, besonders in England und Deutschland. 1982 gründete er zusammen mit Werner Stark das Marburger Kant-Archiv. Zuletzt veröffentlichte er "Immanuel Kant – was bleibt?"












