Zum Beispiel bei Tom-Eric Moraweck. Ein 29-jähriger Profi-Musiker aus Nordhausen in Thüringen. Er ist Bassist der Hardcore-Punk-Band "Maroon". Früher lebte er in einem Dorf, hörte Punk-Musik und Metal. Im Alter von zwölf Jahren habe er angefangen, regelmäßig Alkohol zu trinken und Haschisch zu rauchen.
Was ihm auffiel: Drogen spielten bei Konzerten und Demonstrationen eine große Rolle. Aber er wollte nicht auf Konzerte, um sich zu besaufen, merkte jedoch, dass es für viele immer wichtiger wurde - "auch bei Freunden, die leider immer noch an der Flasche hängen und daran zu Grunde gehen werden".
Als er 15, 16 Jahre alt war, verzichtete Tom-Eric Moraweck. Durch die Punk-Musik hörte er von "Straight Edge" und fand, das sei "cool" und eine "gute Sache". Als Spaßbremse hat er sich bei den Partys in seinem Heimatdorf danach trotzdem nicht gesehen. "Ich konnte auch ohne Alkohol Spaß haben, und ich war auch nie der Typ, der auf den Tischen getanzt hat." Inzwischen ist er 29 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder - und ist "straight edge" geblieben.
Die Hamburger Soziologin Merle Mulder hat ein Buch über das Thema "Straight Edge" geschrieben. Sie kennt die Hintergründe der Bewegung: Laut einer Jugendstudie gebe es in Deutschland zwischen 40 000 und 60 000 Hardcore-Punks. Der Anteil der Straight Edger unter ihnen wird wiederum auf 20 Prozent geschätzt.
Es ist eine Gegenbewegung zum Drogen- und Alkoholkonsum der "normalen" Punk-Musiker. Motto: Wer in der Gesellschaft wirklich etwas verändern will, braucht einen klaren Kopf. Das Erkennungsmerkmal der "Straight Edger" ist das X. In den USA hatten Türsteher Minderjährige, denen kein Alkohol ausgeschenkt werden durfte, kenntlich gemacht und ihnen ein mit Filzstift ein schwarzes X auf den Handrücken gemalt.
"Ich sehe keinen Sinn darin, mich zu berauschen. Ich brauche das nicht."
Der "unbedröhnte Weg" sei allerdings keine Selbst-Kasteiung. Und keine Entscheidung für einen Zeitraum, erklärt Soziologin Mulder. "Wer damit anfängt, sagt sich: Es ist eine Art zu leben, die ich anstrebe." Manchem falle das leicht, weil er vorher schon keinen Alkohol getrunken oder Zigaretten geraucht habe. Aber es gebe auch Straight Edger, die vorher exzessiv getrunken und Drogen genommen hätten. "Durch ein Schlüsselerlebnis verfallen sie dann ins andere Extrem."
Merle Mulder sagt: "Wer Straight Edger wird, will es ein Leben lang sein." Das sei zumindest der Vorsatz. Aber nicht jeder, der im Alter von 15 oder 20 Jahren damit anfange, sei es auch mit 60 oder 70 noch. Meist ab dem 30. Lebensjahr wendeten sie sich ab - wenn sie berufstätig werden beziehungsweise eine Familie gründen. "Sie halten dann vielleicht noch am Grundgedanken fest und verzichten auf Drogen und Tabak, aber sie bezeichnen sich nicht mehr als Straight Edger", sagt die Soziologin.
Auch für Tom-Eric Moraweck war es als 15-Jähriger eine Entscheidung fürs Leben gewesen. Und nach wie vor sei er gerne "straight edge", er könne aber nicht mehr sagen, ob es für immer ist. Der Verzicht auf Alkohol, Zigaretten und Drogen sei inzwischen normal, nichts Besonderes. "Ich sehe keinen Sinn darin, mich zu berauschen. Ich brauche das nicht", sagt er. Und er will vor seinen Kindern "so sein, wie ich bin". Er habe auf Dorffesten Kinder gesehen, die ihre angetrunkenen Väter ängstlich angeschaut hätten. Das habe ihn abgeschreckt.













