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03.09.2010, 11:14 Uhr
Von Regina Tauer

Wiesbaden

"Abschreckung ist keine Lösung"


Kriminologe sieht bei vielen Delikten deutlichen Rückgang / Frauen werden selten rückfällig


Wiesbaden. Eine Gesellschaft ohne Verbrechen ist eine Wunschvorstellung. Doch was ist nötig, damit Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, resozialisiert werden? Darüber sprachen wir mit Professor Axel Dessecker, stellvertretendem Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden.






Ein positives Umfeld ist wichtig: Kriminologe Dessecker zu den Chancen von Resozialisierung. (Foto: Kubenka)zoomEin positives Umfeld ist wichtig: Kriminologe Dess... | mittelhessen.de
Laut einer Darstellung des Statistischen Bundesamtes steigt die Rückfallhäufigkeit bei Straftätern mit der Höhe der Strafe. Versagt der Strafvollzug als Mittel der Resozialisierung?

Professor Axel Dessecker: So einfach kann man das nicht sagen. Personen, die ein Tötungsdelikt begangen haben, das üblicherweise mit einer langen Haftstrafe sanktioniert wurde, werden ziemlich selten rückfällig. Welche Art von Delikten zeichnen sich denn durch eine hohe Rückfallquote aus?

Dessecker: Raub, schwerer Diebstahl, Einbruch, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Drogendelikte. Die Sexualdelikte gehören nicht dazu, auch wenn diese Meinung in der Bevölkerung verbreitet sein mag. Wie sieht das klassische soziale Umfeld aus, damit eine Resozialisierung gelingen kann? Sind Familie und feste Beziehungen Schlüsselmomente oder ist das eher ein Klischee?

Dessecker: Familie und feste Beziehungen gelten als wichtige Momente, das ist sicher kein Klischee. Es kommt allerdings darauf an, wie gut eine Familie funktioniert, wie tragfähig die Beziehungen zwischen Menschen sind. Sind die Beziehungen durch Gewalt gekennzeichnet oder gegenseitige Missachtung, bieten sie keine guten Voraussetzungen für eine dauerhafte Straflosigkeit. Wenn ein entlassener Straftäter jedoch damit rechnen kann, dass die Menschen in seinem sozialen Umfeld ihn positiv aufnehmen, dann sind das gute Voraussetzungen. Werden Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, immer noch stigmatisiert?

Dessecker: Es gibt Stigmatisierungen gegenüber ehemaligen Straftätern. So neigen Arbeitgeber zum Beispiel nicht dazu, als erstes eine Person einzustellen, die ihnen sagt: "Ich komme aber aus dem Gefängnis." Was kann der Strafvollzug dazu beitragen, damit ehemalige Strafgefangene leichter in der Gesellschaft Fuß fassen?

Dessecker: Der Strafvollzug kann dies ein bisschen steuern. So können zum Beispiel Strafgefangene, die keinen Schulabschluss haben, diesen im Gefängnis machen. Menschen, die keine Ausbildung haben, können eine solche im Gefängnis absolvieren. Das sind Maßnahmen, die die Chancen für soziale Integration steigern.

Bekommt denn jeder Strafgefangene, der dies will, seine Chance geboten?

Dessecker: Das hängt stark von den Bedingungen in den einzelnen Justizvollzugsanstalten ab. Nach meiner Kenntnis gilt zumindest für den Jugendstrafvollzug, dass jeder, der eine Ausbildung oder einen Schulabschluss machen will, dies auch tatsächlich tun kann. Ich denke nicht, dass es im Strafvollzug zu wenig Anstrengungen gibt, etwas für die Resozialisierung der Täter zu erreichen. Dies gilt jedenfalls für die Bereiche, in denen Strafgefangenen damit rechnen können, nach einer überschaubaren Zeit wieder aus der Haft entlassen zu werden.In Deutschland wird darüber gestritten, ob der Strafvollzug im Jugendbereich zu lax ist. Jugendliche Straftäter weisen eine hohe Rückfallquote auf. Brauchen wir mehr Härte?

Dessecker: Es gibt eine Gruppe von jugendlichen Strafgefangenen, die nach einer Reihe von Straftaten im Gefängnis gelandet sind. Sie sind also schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten und das begünstigt eine hohe Rückfallquote. Der typische jugendliche Strafgefangene ist männlich, hat eine schlechte Schulausbildung oder keine und meist keinen Berufsabschluss. Das ist eine Gruppe, die von vornherein schlechte Voraussetzungen besitzt, sich in der Gesellschaft zu integrieren. Ich denke aber nicht, das Abschreckung eine Lösung wäre. Der typische jugendliche Gewalttäter - um mal ein Klischee zu bemühen - denkt im Moment der Tat nicht darüber nach, welche Strafe ihn jetzt dafür erwartet. Meist handeln diese Menschen sehr impulsiv. Härtere Strafen sind auch keine Lösung, denn die Möglichkeiten, Resozialisierung hinter Gittern zu fördern, sind schlechter als außerhalb des Gefängnisses.

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Resozialisierung? Werden Frauen weniger rückfällig?

Dessecker: Innerhalb des Strafvollzugs sind Frauen eine kleine Minderheit - in der Bevölkerung sind sie eine knappe Mehrheit. Untersuchungen zeigen, dass straffällig gewordene Frauen weniger rückfallgefährdet sind als Männer. Dies gilt vor allem auch für Freiheitsstrafen. Welche Bedeutung besitzt der Täter-Opfer-Ausgleich für eine gelungene Resozialisierung? Dessecker: Ich denke, dass solche Modelle geeignet sind. Das Problem ist, dass beide Seiten mitmachen müssen. Opfer von Straftaten, die mit Gewalt verbunden sind, sind weniger bereit, sich auf so etwas einzulassen. Sie werden vielmehr jede Begegnung mit dem Täter vermeiden wollen. Allerdings spricht die Schwere des Delikts nicht von vornherein gegen einen Täter-Opfer-Ausgleich. Das wird in Deutschland etwas zu wenig versucht.

Ist unsere Gesellschaft "krimineller" geworden oder vermitteln die Medien ein falsches Bild?

Dessecker: Die Gesellschaft ist nicht krimineller geworden. Die Aufbereitung in den Medien und die Ergebnisse der Kriminalstatistik klaffen auseinander. Wir haben in den letzten Jahren bei vielen Delikten deutliche Rückgänge. Jedenfalls, soweit sie der Polizei bekannt sind.

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Dokument erstellt am 06.09.2010 um 11:17:26 Uhr
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