Murat K. ist in Deutschland geboren, hat zwei ältere Brüder. Keiner aus der Familie habe jemals etwas mit der Polizei tun gehabt. Und auch bei Murat läuft zunächst alles normal. Er besucht die Grundschule, wechselt dann zur Realschule. "Von da an lief alles falsch", erinnert er sich. Mit den Lehrern kommt er nicht klar, auch mit den Mitschülern habe er Probleme gehabt. "Auslöser war, dass ich wegen meiner Größe - ich bin 1,65 Meter groß - gehänselt wurde, so nach dem Motto ,Der Kleine kann ja eh nix." Daraufhin sei er immer aggressiver geworden. "Anfangs konnte ich die Dinge noch verbal regeln. Irgendwann hat das dann nicht mehr geklappt." 13 sei er da gewesen. Die Jugendlichen bilden Gruppen, provozieren sich gegenseitig. "Da habe ich mich herausgefordert gefühlt", schildert Murat K. Sich schlagen gehört plötzlich dazu - auch zum Schulalltag. Seinen Eltern und Brüdern erzählt er nichts davon, lügt, wenn sie nach seinen Verletzungen fragen. "Ich habe immer gesagt, dass ich hingefallen bin."
"Wir waren wie Brüder, haben uns gegenseitig Halt gegeben"
Die Clique wird für den damals 14-Jährigen zur Familie. "Wir waren wie Brüder, haben uns gegenseitig Halt gegeben", schildert er. Der Weilburger Bahnhof wird zum regelmäßigen Treffpunkt der Jungen, dort kommt es auch zu Schlägereien. Wenn die Polizei kommt, schaffen es die Jugendlichen meist wegzulaufen. "Einmal war es aber richtig schlimm." Die Polizei bringt Murat K. nach Hause. Die Eltern sind geschockt. Auch wenn seine Eltern ihn bestrafen, ändert sich nichts. "Ich konnte aus dem Umgang nicht mehr raus", meint er. Er erinnert sich noch, warum er das erste Mal vor Gericht landete. "Auf dem Schulweg hat mich ein Freund im Spaß geschubst, ich bin dann gegen einen anderen Jungen gestolpert. Seine Freundin lief neben ihm, deshalb musste er es mir wohl zeigen." Es kommt zur Schlägerei, die Freunde der beiden Kontrahenten greifen ein, machen mit, anstatt zu schlichten. Wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung stehen die Jungen dann vor Gericht. Warum es soweit kommen musste, das versteht Murat damals und heute nicht. "Die Aggressivität ist einfach da. Auch wenn du nicht draufschlagen willst, es kommt einfach so." Fünf Jugendliche werden verurteilt, Murat ist damals 14 Jahre alt.
Der Prozess soll nicht der letzte gewesen sein. "Meine Eltern haben irgendwann gesagt ,Mach was du willst. Sicher haben sie es immer wieder versucht, aber auch ihnen gegenüber wurde ich immer aggressiver, habe viel rumgeschrieen. Das tut mir jetzt sehr leid."
Seine Strafen, die ihm das Gericht auferlegt, nimmt er hin: Wochenendarrest, Arrest, Arbeitsstunden. "Das hat alles nichts gebracht. Erst beim Anti-Gewalt-Training haben sie mir gezeigt, wie es normal sein sollte." Das Training absolviert Murat bei der Jugendhilfe Limburg-Weilburg (siehe Info-Kasten). Dort merkt er, dass die anderen Teilnehmer die gleichen Probleme haben wie er, dass er nicht allein ist. Auch in die Rolle seiner Opfer muss er sich versetzen. Er lernt, Provokationen gelassen hinzunehmen, sich in schwierigen Situationen umzudrehen und wegzugehen. Hilfreich seien auch die Einzelgespräche mit Michael Beckers von der Jugendhilfe gewesen. Der Sozialarbeiter habe ihm viel beigebracht, sagt Murat. "Er hat mich gefragt: ,Willst du immer so bleiben? Was soll aus dir werden?" Das nimmt er sich zu Herzen: Er macht seinen Hauptschulabschluss, sucht sich eine Ausbildungsstelle. Seit 1. August ist er Azubi bei einer Tiefbaufirma. Macht den Führerschein. Auch einen neuen Freundeskreis hat er sich aufgebaut. Und die Arbeit findet er prima. "Arbeiten hat mir schon immer Spaß gemacht. Dabei kann ich mich gar nicht genug austoben." Und wenn ihn nochmal einer blöd anquatsche, ignoriere er das. "Ich will nichts mehr riskieren." Nicht seinen Job, nicht sein neues Leben. Ja, er führe ein neues Leben, sagt Murat. "Ich fühle mich wie neugeboren." Murat K. ist sich sicher: "Wäre das Training nicht zur richtigen Zeit gekommen -ich wäre sicher im Gefängnis gelandet. Viele Leute denken, man kann sich nicht ändern. Aber es geht."












