So wie am vorletzten Samstag. Da war wieder eine Feier angesagt. Für Musik sorgte die Essener Band "The Ballroom Rockets". Und die drei Musiker - Bassist Fabian Rosmarty, sein singender Bruder Christoph und Schlagzeuger René Lieutenant - passten perfekt zu ihrem Publikum.
Einer der Leute, die den RocknRoll-Stammtisch ins Leben gerufen haben, ist der 39-jährige Marburger Mike Hauer. Ein anderer ist Dirk Löchel aus Cölbe, ebenfalls 39 Jahre alt. Mit dem RocknRoll sind beide groß geworden. Schon seine Oma war Elvis-Presley-Fan, erzählt Mike. Was sie mit Elvis und seiner Musik verbinden, ist der Mythos der Wirtschaftswunderjahre, "die Freiheit zu leben", die in den alten Filmen zum Ausdruck kommt, und Amerika als Ursprungsland der Musikrichtung und des zu ihr gehörenden Lebensgefühls. Er stehe auch auf andere Musikstile, erzählt Dirk Löchel. Aber was heute so gespielt werde, sei vielfach zu kommerziell und lasse die Liebe zum Detail vermissen. Der RocknRoll - wie ihn die "Ballroom Rockets" an diesem Abend spielen -, das sei noch "echte, handgemachte Musik", sagt auch Mike Hauer. Und dann legen Dirk Löchel und seine Frau Regina vor der Bühne eine "heiße Sohle" aufs Holzparkett des "Knubbel".
Regina, gefühlte 20 Jahre alt, ist genauso RocknRoll-verliebt wie ihr Mann. Kennengelernt haben sich die beiden vor 13 Jahren in Wettenberg. Auf dem Golden-Oldies-Festival.
In den 1990er Jahren hatten die Marburger RocknRoller einander aus den Augen verloren, berichtet Mike Hauer.
Mit ihrem Aussehen ecken die RocknRoller heutzutage nicht mehr an
Kontakt zu halten, war nicht leicht, da die "Szene" weit weg war. Man musste schon nach Frankfurt fahren, um mit Gleichgesinnten feiern zu können. Aber wenn die Szene zu weit weg ist, dann baut man eben selbst eine auf. So ist vor zwei Jahren der RocknRoll-Stammtisch entstanden. Einmal monatlich, jeweils am zweiten Mittwoch, treffen sich dazu 15 bis 20 Leute im Knubbel. Und immer wieder organisieren sie rauschende Feiern mit Live-Musik. Im laufenden Jahr waren es schon acht Feste dieser Art. Sowohl zu den Festen als auch zu den Stammtischen seien alle Menschen willkommen, versichern Löchel und Hauer. "Kostümzwang" gebe es nicht. Mitmachen dürfen alle, die Spaß haben wollen. Einzige Voraussetzung: "Wir wollen keinen Stress haben." Für Dirk Löchel und Mike Hauer ist die Kleidung der 1950er Jahre übrigens keine "Kostümierung". Sie tragen solche Sachen täglich. "Wir kaufen nicht von der Stange. Es muss schon passen", sagt Hauer. Und Löchel schmunzelt mit Hinweis auf seine Frisur, die in der Elterngeneration gern als "Schmalzlocke" bezeichnet wurde: "Ohne gelegte Haare gehe ich morgens nicht aus dem Haus."
Ist das ein Problem im Alltag? Oder im Beruf? Hauer ist Hausmeister beim St.-Elisabeth-Verein, Löchel arbeitet als technischer Zeichner. Nein, es gibt keine Probleme, sagen beide. Hauer: "In den 80ern galt man fast als Aussätziger, wenn man eine Tätowierung oder ein Piercing hatte oder ,anders gekleidet war als die Masse der Menschen." Das habe sich inzwischen geändert. Die ganze Gesellschaft sei offener geworden.
Und die heutige Zeit erleichtere es, Kontakt zu Gleichgesinnten zu knüpfen und zu halten. Zum Beispiel über das Internet. Auch der RocknRoll-Stammtisch trägt dazu bei: Dort helfe man sich gegenseitig- zum Beispiel, wenn es um die Frage gehe, wo man Kleidung im passenden Stil bekommt oder in welcher Autowerkstatt man einen 1960er Chevrolet Bel Air reparieren lassen kann.
Nicht nur für Menschen mittleren Alters hat der RocknRoll seine Anziehungskraft behalten. Zu den Stammtischen in Marburg kommen auch viele junge Leute, erzählen Löchel und Hauer. Erst neulich hätten sie zusammen mit einem RocknRoll-Club der Philipps-Uni gefeiert.








