In der Hintergasse in Wetzlar steht ein schmales altes Haus, in dem der Verein "Soziale + missionarische Netzwerkarbeit", zu dessen Gründern Krahé gehört, das Projekt "Noahs Arche" betreibt. In dem "Gästehaus für Jedermann" werden Menschen unterstützt, die Hilfe zum Leben brauchen. Im Rahmen des Projektes verbindet Hanne Krahé ihre Vorliebe für mittelalterliches Leben und ihr soziales Engagement. In der kleinen Nähstube unter dem Dach wird mittelalterliche Kleidung produziert, die auf Mittelaltermärkten, wie auf Greifenstein oder in Braunfels, feilgeboten werden.
"Ich bin 2001 aus meinem behüteten Leben in Laufdorf ausgestiegen", sagt Krahé. Ermutigt von ihrem 15-jährigen Engagement in einer Jugendkirche, ging die Theologin in Wetzlar zu den Menschen, die auf der Straße leben. Ohne festes Dach über dem Kopf begann sie ein Netzwerk zwischen den Kirchen und Gemeinden Wetzlars zu knüpfen.
Für ihr persönliches Leben wählte sie sich mit Klara von Assisi ein strenges Vorbild. Klara wurde als Tochter des Adligen Favarone di Offreduccio di Bernadino 1193 oder 1194 geboren. Nachdem sie im Dom von Assisi eine Predigt des heiligen Franziskus gehört hatte, verließ sie ihr wohlhabendes adliges Elternhaus und legte das Armutsgelübde ab. Franziskus bekleidete sie "mit einem ärmlichen Gewand" und schnitt ihr die Haare ab.
Klara widmete sich der Nachfolge Christi in radikaler Armut. Dazu gehörte die Regel, in "steter Bereitschaft für das Himmelreich" zu leben, was bedeutete, bis zum Abend allen Besitz verzehrt oder verschenkt zu haben, um immer unbelastet hinüberwechseln zu können. Zum Wirken Klaras gehörte, dass sie ledige Mütter und Waisenkinder aufnahm.
Mit dem Schlafen mit mehreren in einem Zelt kann sie sich nicht recht anfreunden
Hanne Krahé trägt ihr selbst genähtes "ärmliches Gewand" nur auf den Mittelaltermärkten, auf denen die Mitglieder der Arche ihre Gewänder verkaufen. Im Alltag trägt sie praktischere Kleidung, zwar selbst genäht, aber optisch heutiger Kleidung stärker angepasst. In ihrer Arbeit in Wetzlar schafft die Missionarin den Spagat zwischen ihrem Faible für mittelalterliches Leben und dem Management einer privaten sozialen Einrichtung. In der Arche wird Essen von der "Wetzlarer Tafel" verteilt, Obdachlose können Tee trinken und sich aufwärmen.Das ganz authentische Leben im Mittelalter muss auf etwa drei Monate im Jahr beschränkt bleiben, wenn die Arche ihren Gewandhandel auf den Märkten betreibt. "Wir leben im Zelt und schlafen auf Stroh, da wir zum einfachen Volk gehören", so Krahé. Zum Frühstück gibt es Haferschleim, das Brot wird selbst gebacken, nachts hoffen die Marktleute, dass der Mond scheint, denn Taschenlampen haben sie nicht.
"Wenn ich allein wäre, würde ich mit meiner Schale umher gehen und mir milde Gaben erbitten", sagt die Projektleiterin, ihre Verantwortung für fünf bis sechs Mitarbeiter verbietet das aber. So gibt es zu Mittag Hirsebrei mit Bohnen und Knoblauch und im Verkaufszelt, das Langzeitlose aus dem Projekt nach dem Vorbild mittelalterlicher Marktstände gebaut haben, werden die Gewänder verkauft. Diesen Teil des Projekts fördert das Arbeitsamt mit einer "Ein-Euro-Stelle", die Martina Maage inne hat. Die Hartz-IV-Empfängerin ist vom mittelalterlichen Leben so angetan, dass sie auch nach Ablauf der Förderung bleiben will.
Die Idee, eine "Gewandschneiderei" zu eröffnen, kam Hanne Krahé übrigens, als sie mit ihren Töchtern vor zehn Jahren einen Mittelaltermarkt besuchte und sich nach den Preisen für die Gewänder erkundigte. Schon ein schlichtes Kleid hätte das Budget gesprengt. So stieg sie in die Produktion ein. Die Stoffe sind gespendet, die Schnittmuster aus speziellen Zeitschriften. Für die Langzeitarbeitslosen im Arche-Projekt hat die Schneiderei den unschätzbaren Vorteil, dass weitgehend mit Mitteln des Mittelalters gearbeitet wird und so keine großen Investitionen nötig waren. In einem leerstehenden Geschäft am Karl-Kellner-Ring lagert die Kleidung. "Das einzige, mit dem ich mich nicht so richtig anfreunden kann, ist das gemeinsame Schlafen im Zelt", sagt Krahé. Die Nächte mit sechs oder sieben Menschen auf engem Raum, nur getrennt durch eine dünne Zeltbahn, haben zu viele "Erweckungsmomente", wie die Theologin scherzhaft erklärt. Da bleibe der erholsame Schlaf mal auf der Strecke.
Eine Tradition der heiligen Klara setzt Hanne Krahé bereits seit acht Jahren um. Regelmäßig finden die "Wetzlarer Gebetsnächte" in einer der 17 Kirchengemeinden des Netzwerks statt. Jeder ist eingeladen, seine Sorgen und Nöte im Gebet vorzutragen.
Die nächste Gebetsnacht findet am 22. Oktober ab 18 Uhr im Gemeindesaal der Hospitalkirche statt. Info: Gudrun Schneider, (06441) 447702








