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04.09.2010, 11:12 Uhr
Von Olivia Heß

Köln

"Torte ist keine Sünde, sondern lecker"


Der Mediziner und Theologe Manfred Lütz plädiert für mehr Lebenslust statt Fitnesswahn


Köln. Nicht vergessen, das Leben zu leben. Das ist der Ratschlag von Dr. Manfred Lütz (Foto) an all jene Menschen, die einem Schönheitsideal hinterherhecheln. Der Mediziner, Theologe und Buchautor geht mit dem Diät-Sadismus und Gesundheitswahn - so einer seiner Buchuntertitel - hart ins Gericht. Im Interview mit dieser Zeitung erklärt er, warum die ständige Sorge um die Gesundheit und das Aussehen auch eine Krankheit ist.






Dr. Manfred LützzoomDr. Manfred Lütz | mittelhessen.de
Viele eifern heute einem vom Zeitgeist diktierten Schönheitsideal nach, besuchen regelmäßig das Fitnessstudio und zählen Kalorien. Führt das zu einem besseren Leben?

Dr. Manfred Lütz: Mein Eindruck ist, dass es heute Leute gibt, die leben nur noch vorbeugend und sterben dann gesund. Aber auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot. Natürlich ist es sinnvoll, auch ein bisschen auf die Gesundheit zu achten und ein bisschen Ausgleichssport zu machen. Aber das Ausmaß, in dem viele Leute das machen, hat quasi-religiöse Züge. Man hat den Eindruck, die Leute glauben nicht mehr an das ewige Leben, aber sterben möchte man auch nicht.






Wenn immer nur der eigene Körper zählt, dann ist das eine subtile Form des Egoismus, meint Dr. Manfred Lütz.(Foto: Colourbox)zoomWenn immer nur der eigene Körper zählt, dann ist d... | mittelhessen.de
Wann fängt Ihrer Meinung nach der Fitness-Wahn und Diät-Sadismus an?

Lütz: Wenn die Leute sich tatsächlich fragen, wann habe ich zuletzt gelebt, und darauf nicht mehr kommen, weil sie sich nur um Rahmenbedingungen des Lebens bemüht haben. Arbeit ist so eine Rahmenbedingung, die ja auch sinnvoll ist. Sich um die Gesundheit zu sorgen, ist auch sinnvoll. Aber man muss auch leben. Und wenn der Fitnessstudiobesuch so wichtig wird, dass man keine Zeit hat, sich mit Frau und Kindern zu beschäftigen oder auch mal für andere Menschen da zu sein, wenn immer nur der eigene Körper zählt, dann ist das auch eine subtile Form des Egoismus. Und es wird sehr kalt in unserer Gesellschaft, wenn nur noch diese Atmosphäre der Gesundheitsreligion herrscht. Die Hochreligionen wie Judentum, Christentum und Islam hatten auch immer einen sozialen Aspekt. Der gesundheitsreligiöse Mensch ist total egoistisch. Er interessiert sich für seine Laborwerte, seine Prognose und seine Zukunft. Und das macht viele Kämpfe im Gesundheitswesen auch so kalt und herzlos.

Was verstehen Sie unter Gesundheitsreligion?

Lütz: Viele Leute glauben heute nicht mehr an den lieben Gott, sondern an die Gesundheit. Und alles, was man früher für den lieben Gott getan hat - etwa Wallfahrten oder Fasten - macht man heute für die Gesundheit. Wir beobachten bei uns hier im katholischen Rheinland den bruchlosen Übergang von der katholischen Prozessionstradition in die Chefarztvisite. Es gibt Wallfahrtsorte. "Der neue Doktor, da müssen Sie mal hingehen", heißt es. Und es gibt Diätbewegungen, die wie wellenförmige Massenbewegungen übers Land gehen und in ihrem Ernst die Büßer- und Geißlerbewegung des Mittelalters übertreffen. Und der Ausdruck Sünde kommt bei uns im Rheinland selbst in der Kirche nicht mehr vor. Aber ich sage ihnen, wo der Begriff Sünde in der Umgangssprache heute noch verbereitet ist: im Zusammenhang mit Sahnetorte. Da heißt es dann: "Ich habe wieder gesündigt."Ein Stückchen Sahnetorte ist keine Sünde?

Lütz: Ich sehe Sahnetorte nicht als Sünde, ich finde das lecker.

Wann sind denn aber nun zu viele Pfunde auf den Rippen gefährlich?



Lütz: Diese abstrakten Normalwerte sind manchmal sehr problematisch. Meinen Sie den Body-Mass-Index (BMI)?

Lütz: Ja, der ist bei schweren Erkrankungen nützlich. Aber wenn inzwischen jeder deutsche Bürger weiß, was der BMI ist, und sich dauernd wiegt, ist das schon fast krankhaft. Es gibt einfach Menschen, die von ihrem Typ her mehr Gewicht auf die Waage bringen. Das gibt es natürlich auch in einem ungesunden Ausmaß und dann darauf zu achten, ist richtig. Aber wenn man nur auf das Körpergewicht achtet, ist man fast schon auf dem Weg in die Essstörung. Übergewicht kann sich aber auch negativ auswirken. Es kann Diabetes, Bluthochdruck und Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems begünstigen. Lütz: Untergewicht ist viel schlimmer. Anorexie ist eine der tödlichsten Erkrankungen, die es in der Medizin gibt. Natürlich bin ich auch dafür, dass man verantwortlich mit der Ernährung umgeht und sieht, dass man sich durch ungesunde Lebensweise nicht selbst ruiniert. Aber es gibt auch das Umgekehrte: Es gibt Menschen, die - um den Tod zu vermeiden - sich das Leben nehmen. Sie nehmen sich unwiederholbare Lebenszeit - im Fitnessstudio, mit Wellness oder Prophylaxemaßnahmen.

Wie kann man sich von dem Schönheitsdiktat befreien und die Lebenslust wiederentdecken?

Lütz: Wenn ich jedem Leser, während er das liest, das genaue, unaufschiebare Datum seines Todes nennen könnte, dann bin ich sicher, dass er morgen schon anders leben wird. Weil im klar wird, das ist ein unwiederholbarer Tag, der ist für immer weg. Das Bewusstsein der Unwiederholbarkeit jeden Moments - das kann einen von all diesen Gesundheitsfanatismen befreien und dazu bringen, zum Beispiel einen halbe Stunde durch den Wald zu gehen. Nicht aus gesundheitlichen Gründen oder um es seiner Frau zu erzählen, sondern um diese unwiederholbare halbe Stunde des Lebens zu riechen, zu schmecken, zu genießen. Oder wenn wir im Stau eine wunderbare Melodie im Autoradio hören, nicht gleich zu fragen, wo gibt es das auf CD, wie kann ich das wiederholen. Denn das lässt sich nicht wiederholen. Wir nehmen uns immer vor, wenn ich mal Zeit habe, höre ich mir das in Ruhe an. Aber wir wissen genau, dass es dazu nicht kommen wird. Und so bereiten wir ein Leben vor, das dann gar nicht stattfindet. Und während wir das vorbereiten, läuft das eigentliche Leben unwiderruflich ab.

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Dokument erstellt am 06.09.2010 um 11:17:23 Uhr
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