Kennengelernt haben sie sich am anderen Ende der Welt. Da waren die 500 Kilometer zwischen Weilburg und München für Joachim W.und Martina S. kein Problem. Im November 2005 verliebten sich beide auf einer Neuseeland-Reise ineinander. Kaum zurück in Deutschland, packte Joachim W. schon wieder seine Tasche und fuhr nach München. Seither besuchen sie sich gegenseitig alle zwei bis drei Wochen. Mindestens jeden zweiten Tag wird telefoniert. "Das ist viel persönlicher als E-Mail", sagt Joachim W.. Für ihn sind die gemeinsamen Interessen das Geheimnis des Erfolgs ihrer Fernbeziehung, darunter Wandern und Städtereisen. "Wenn man sich ohnehin nur kurz sieht, darf man die Zeit nicht auch noch etwas Getrenntes machen", sagt er. "Wir harmonisieren so super, es ist gar nicht schwer, die Beziehung aufrechtzuerhalten.
"Wir sind selbst überrascht, dass es jetzt schon fünf Jahre sind"
Wir sind selbst überrascht, dass es jetzt schon fünf Jahre sind." Allerdings sucht Martina S. gerade in der hessischen Region einen Arbeitsplatz, damit sie doch einmal zusammenziehen können.
Wichtig fürs Gelingen einer Fernbeziehung sind verbindende Rituale wie die "Guten-Morgen-SMS" und bestimmte Zeitpunkte für Telefonate, sagt Fanny Jimenez, Psychologin an der Humboldt-Universität Berlin. Trotz Distanz Nähe schaffen, Vertrauen aufbauen und gemeinsame Perspektiven entwickeln, rät Peter Werndl, Kommunikationstrainer und Autor des Buchs "Gelingende Fernbeziehung". Er warnt vor überhöhten Erwartungen ans Wochenende. Viele Fernliebende leiden unter dem "Freitags-Streit-Syndrom", weiß der Paarexperte: "Kaum sieht man sich, schon knallt es." Deshalb sein Tipp: Raum geben zum Ankommen mit festen Wiedersehensritualen wie gemeinsam spazieren gehen, einkaufen, kochen. Gift ist laut Werndl, die knappe gemeinsame Zeit mit Aktivitäten zu überfrachten. Es gelte: "Weniger ist mehr." Fernliebende könnten weder innerhalb von zwei Tagen alles nachholen, was unter Woche fehlt, noch auf Vorrat buchen. Deshalb: Ansprüche runterschrauben.
25 Jahre sind Sabine und Rainer Bock aus dem kleinen Ort Mademühlen an der Krombachtalsperre im kommenden Jahr verheiratet. Was die Bocks von vielen Ehepaaren unterscheidet: In dieser langen Zeit haben sie nur vier Jahre täglich miteinander verbracht. Die Endvierziger führen eine Fernbeziehung. Mittendrin die jetzt 22-jährigen Zwillinge Anna und Sören. "Wir sind eine ganz normale Familie", behauptet Familienoberhaupt und Haupternährer Rainer. Ehefrau Sabine nickt mit dem Kopf. Sie könne sich überhaupt nicht mehr vorstellen, dass ihr Mann jeden Tag nach Hause kommt.Rainer betreut Baustellen überall in Europa, momentan im süditalienischen Apulien. Sohn Sören studiert in München an der Bundeswehr-Universität. Tochter Anna wird Polizistin und büffelt dafür in Gießen. Nur Sabine hält wie in den vergangenen Jahren die Stellung in dem Einfamilienhaus. Bereits bei der Hochzeit waren sich beide einig, dass derjenige, der als erster "Karriere" machen würde, dies auch mit der Unterstützung des Partners tun solle. "Um so zu leben wie wir, braucht es zwei Menschen mit hoher Autonomie", sagt Rainer. Nein, natürlich sei nicht alles nur Friede, Freude, Eierkuchen. Auseinandersetzungen gehörten auch bei ihnen dazu. Ihre Maxime aber laute: "Niemals im Streit auseinander gehen."
Dies und mehr ist in seinen Augen auch ein Grund für das Bocksche Erfolgsmodell "Familien-Fernbeziehung". Fakt sei, dass sie beide ihren Freiraum bräuchten und sich diesen mit viel gegenseitigem Vertrauen uneingeschränkt einräumen, ergänzt Sabine.
Durch die vermeintliche Belastung einer Fernbeziehung sei ihre Liebe sogar gefestigt worden, sagen Helga und Rouven Laukel aus dem Weimarer Ortsteil Niederweimar bei Marburg. Er ist Polizist im Frankfurter Bahnhofsviertel, sie arbeitet als Flugbegleiterin bei der Lufthansa. Häufig liegen also Kontinente und Ozeane zwischen ihnen.
Aber die gemeinsame Freizeit wird dann geradezu zelebriert. "Man muss alles sehr genau planen - das gilt auch für das Privatleben", erklärt der 36-jährige Polizeioberkommissar das Geheimnis ihres Glücks. "Wir freuen uns noch mehr darauf, unsere freie Zeit miteinander zu verbringen", stimmt seine sechs Jahre jüngere Frau zu.
Längst hat die exakte Lebensplanung dem jungen Ehepaar das gemeinsame Glück ermöglicht: Seit Frühjahr wohnen sie im eigenen Haus - und Töchterchen Amelie ist inzwischen drei Jahre alt. "Wir gehören nicht zu den Ehepaaren, die ständig zusammen sind und wirklich jede Minute des Lebens miteinander verbringen", sagt Rouven.
Wer erkannt habe, wie wichtig Freiräume seien, verstehe auch, worum es in einer guten Beziehung gehe. Dinge, die selten seien, würden ohnehin mehr gewürdigt, ergänzt Helga: "Man muss sich einfach immer wieder klarmachen, das gemeinsame Zeit etwas ganz Besonderes ist."
Übrigens zeigen Langzeitstudien, dass nach zwei bis drei Jahren meistens Schluss ist mit der Fernbeziehung: Entweder trennen sich die Paare oder sie ziehen zusammen.










