In direkter Nachbarschaft zum Schwanenteich genießen die freundlichen Tiere die täglichen Besuche der Menschen mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit. Besonders das muntere Fohlen mit seinen schlaksigen X-Beinen ist der erklärte Freund aller Kinder. Schon fit wie ein Turnschuh fetzt der kleine Wildfang meist kreuz und quer durchs Lama-Revier.
Seine Mutter, zwei Tanten und der junge "Onkel Horst" lassen es bedeutend gemächlicher angehen. Die Lama-Tanten haben ihre Niederkunft noch vor sich, und das wird im Lauf der kommenden Wochen passieren, weiß Thomas Rittner, Wildgehege-Chef im Nebenamt. Dem Herborner Förster mit dem mit 2500 Hektar zweitgrößten Revier Hessens liegt die weitläufige Anlage so am Herzen, dass er große Teile seiner knapp bemessenen Freizeit dort verbringt.
"Persönliche Entschleunigung", nennt er den täglichen Gang zu seinen Schützlingen. Und die hat der Mann, der neben seinem Hauptjob auch noch den Friedwald bei Hirschberg betreut und seit neuestem seine Mitarbeiter zum Winterdienst für die Stadt Herborn einteilen muss, nötig. Sein Forstwirtschaftsmeister Horst Rößler halte ihm auch bei der Ausbildung von drei angehenden Forstwirten den Rücken frei, und dafür sei er sehr dankbar.
Immer trifft Rittner bei seinen täglichen Gehege-Besuchen Menschen aller Altersgruppen, die ungeachtet des jeweiligen Wetters "ihre" Tiere sehen wollen. So auch neulich eine Familie nachts um 23 Uhr. Die Kinder hätten einfach nicht schlafen wollen, ohne die Lamas noch einmal zu sehen, erzählte der Vater.
Die Lage des 600 000 Quadratmeter (so groß wie mindestens 60 Fußballfelder) großen Wild-Geländes direkt am Stadtrand und locker zu Fuß erreichbar, ist nach Ansicht Rittners einmalig günstig. Vom Kallenbachparkplatz aus rechts am Hotel Garni vorbei, geht es entlang des alten Forstamts immer geradeaus bergauf. Ein neuer Parkplatz direkt nach Einfahrt in den Wald oder der alte am Ziegengehege bieten Pkw-Abstellmöglichkieten für Besucher, die nicht so gut zu Fuß sind oder für Familien mit sehr kleinen Kindern.
Das Gehege entstand Mitte der 60er Jahre im Zuge des Autobahnbaus, und der Zahn der Zeit hatte an den Einrichtungen genagt, als Rittner die Anlage vor sieben Jahren übernahm. Mittlerweile sind alle Gehege mit neuen Zäunen versehen und weitgehend auf Vordermann gebracht. Acht Hirsche, zehn Stück Damwild, elf Mufflons und zehn Ziegen tummeln sich hier. Die schon bald auf sieben Tiere angewachsene Lama-Herde soll in Kürze auf ein geräumtes Stück gegenüber dem Schwanenteich umziehen. Dann hat auch das Damwild wieder einen größeren Auslauf.Füttern mit mitgebrachten Leckerlis kann für die Lamas tödlich sein
Rittners größte Sorge gilt dem Besucherverhalten in Sachen Fütterung. Manche Menschen meinten es sicher gut mit den Tieren, indem sie diese mit mitgebrachten Leckerlis füttern. Das sei für die Lamas aber tödlich und für alle anderen Wildgehege-Bewohner völlig unnötig. "Meine Tiere bekommen alles, was sie brauchen - und dies genau auf die jeweilige Spezies abgestimmt", betont der Fachmann.
Einmal im Jahr kommt ein "Futtertanker" mit sechs Tonnen Mischfutter, und ein Nebenerwerbsbauer aus Schönbach liefert naturbelassenes Heu. Das reicht für alle. Mit 2000 Euro ist Rittner in der Lage, seine haarigen Freunde übers Jahr zu bringen. In der Vegetationsperiode ernähren sich Hirsch, Ziege oder Mufflon von dem, was der Waldboden hergibt.
Das einzige Zugeständnis an den "Fütterungstrieb" der Gehege-Besucher sei ein Futterautomat mit speziellem Futter am Ziegengehege. Der ist auch das einzige "Kontrollorgan" über die Besucherzahlen. So habe man im vergangenen Jahr damit 10 000 bis 15 000 Besucher gezählt. Dies sei aber lediglich eine "Hausnummer", die von der Realität weit übertroffen werde, ist sich Rittner sicher.
Die Beliebtheit des Geheges ist nach Einschätzung des Försters nicht nur durch die attraktiven Bewohner und die stadtnahe Lage zu erklären. Auch der freie 24-Stunden-Zutritt entlaste das Familien-Budget - bei gleichzeitig hohem Freizeitvergnügen.
Die Herborner Julia und Thomas Bunde mit ihrem dreijährigen Töchterchen Clara schätzen besonders die brandneuen Spielgeräte auf der Wiese zwischen Teich und Lama-Gehege. Auch an eine Rutsche hatte Rittner schon einmal gedacht. Die 4000 Euro dafür könne im Augenblick aber niemand aufbringen, berichtet er.
Weiter peilt Rittner den Ringschluss des Wanderweges an. Mit einem Rundweg vorbei an den Hirschen, oberhalb des Ziegen-Areals, könne die Attraktivität der städtischen Freizeiteinrichtung noch gesteigert werden, ist sich der Förster sicher. Auch weitere Spielgeräte kann er sich vorstellen. Er hofft, dieses Ziel irgendwann realisieren zu können.
Schon so lange sie denken können, steht das Wildgehege bei Bundes ganz oben auf der Liste ihrer Freizeit-Aktivitäten. Seit Clara da ist, noch um vieles mehr. Mutter Julia (31) ist sicher, dass die Aufenthalte bei den Waldbewohnern für die kleine Clara sehr lehrreich sind.
Die Lamas sind auch für die junge Herborner Familie schlichtweg der Hammer. Ganz sicher hat sich Rittners Zuschlag zu dem Angebot der Bischoffener Tierärztin Annette Gauly bereits bezahlt gemacht. Da die in Deutschland geborenen Tiere sehr pflegeleicht seien, gab es zu ihnen im Herborner Wildgehege keine Alternative. Eine aufwändige Artenvielfalt, wie in anderen Tierparks, sei aus Kostengründen nicht in Frage gekommen.
Nach Namen für die Lama-Damen gefragt, strahlt Rittner: "Wir hatten schon mal an die Namen der stellvertretenden Herborner Dezernatsleiterinnen gedacht, aber der Denkprozess ist noch nicht ganz abgeschlossen."









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