
Nicht nur dem Coach des Bundesliga-Spitzenreiters war nach dem verdienten, aber zu hoch ausgefallenen 29:23 (14:14)-Sieg in der Rittal-Arena die Erleichterung anzumerken. "Wir haben heute gegen eine starke Mannschaft gewonnen", machte der 52-jährige Handball-Lehrer aus Reykjavik dem Verlierer ein ehrliches Kompliment. Zu mehr hat es für die Grün-Weißen trotz einer deutlichen Leistungssteigerung am Mittwochabend letztlich nicht gereicht.

"Wir hatten trotz des Sieges über Melsungen einiges gutzumachen. Bei uns war absolut der Wurm drin, doch umso schöner ist es, dass das Publikum heute nochmal so zahlreich in die Halle gekommen ist", blies Philipp Müller trotz der deutlichen Niederlage keineswegs Trübsal: "Wir mussten den Zuschauern einiges zurückzahlen, was uns teilweise gelungen ist." Die galt sowohl für den nicht in der Anfangsformation stehenden Halblinken wie für seinen zuletzt ebenfalls enttäuschenden und entsprechend kritisierten Zwillingsbruder Michael auf der anderen Rückraumseite. Es "müllerte" wieder bei der HSG. Doch insgesamt 13 Tore der künftigen Melsunger - acht von Philipp, fünf von Michael - reichten nicht. "Wir haben heute gesehen, warum die Löwen Spitzenreiter sind und sind an unsere Grenze gestoßen", räumte der keineswegs enttäuschte Trainer Kai Wandschneider nach dem Spiel ein.
Dabei hatte der Tabellensiebte die 4118 Zuschauer in der erneut prächtig gefüllten Arena zwischenzeitlich auf einen nächsten Coup hoffen lassen. Nach einer Auszeit, der Einwechslung des "ersten Sturms", und dem vielumiubelten Ausgleichstor kurz vor der Pause machte die HSG aus einem 7:11-Rückstand nach dem Seitenwechsel eine Führung (15:14 und 17:16). "Da waren wir fünf Minuten unkonzentriert und haben Wetzlar zu Tempogegenstoßtoren regelrecht eingeladen", schilderte Nationalmannschafts-Kapitän Oliver Roggisch hinterher die einzig bedrohliche Phase für die ohne den verletzt zuschauenden Handballer des Jahres Uwe Gensheimer angetretenen Badener. "Danach haben wir hinten einfach zugemacht", freute sich Trainer Gudmundsson darüber, dass die Müllers und Co. fast nichts mehr anrichten konnten. Auch wenn Michael auf Pass von Philipp per Kempatrick ein "Tor des Monats" gelang. Die Löwen zogen danach von 18:17 auf 24:17 davon. "Wir haben einfach keine Lösung gefunden und sind an einer Weltklasse-Abwehr gescheitert", geriet HSG-Coach Wandschneider ob der gegnerischen Defensive beinahe ins Schwärmen.
Auf der anderen Seite konnten die Gastgeber bei allem Engagement den achtmal erfolgreichen Schweden Kim Ekdahl du Riez und den überragenden Andy Schmid nicht bremsen. "Er ist in der Form seines Lebens", goutierte Kai Wandschneider. Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar bezeichnete den Schweizer in der Sport1-Live-Übertragung gar als "besten Spielmacher der Liga". "Schön, wenn solche Fachleute das über einen sagen", freute sich der sechsfache Torschütze und verließ die Halle am Lahnufer durch den Hinterausgang Richtung Bus: "Aber ich behalte die Beine auf dem Boden."
"Nach jeder Talfahrt kommt auch wieder ein Berganstieg"
Auch wenn die HSG am Ende keinen Fuß mehr auf die Erde brachte: Sie konnte das Parkett erhobenen Hauptes verlassen. "Abwehr und Einsatz haben gestimmt, da brauchen wir uns nichts vorzuwerfen", erklärte Linksaußen Kevin Schmidt, der wie sein wegen einer Knieverletzung im zweiten Durchgang auf der Bank gebliebener Nationalmannschaftskollege Tobias Reichmann auf rechts vom Tabellenführer fast zur Bedeutungslosigkeit verurteilt wurde.
Mit dem stark erkälteten Steffen Fäth und dem zuletzt nur noch humpelnden Spielmacher Adnan Harmandic waren zwei weitere Stammkräfte nicht in Vollbesitz ihrer Kräfte. Torwart Nikolai Weber, der am Vortag im Training auf einen Ball getreten war, musste wegen starken Schmerzen im Sprunggelenk ganz passen. "Hoffentlich sind alle bald wieder fit", dachte Trainer Wandschneider schon an die nächste schwere Aufgabe heute in einer Woche bei der "Mannschaft der Stunde", dem wiedererstarkten TBV Lemgo. "Nach jeder Talfahrt kommt auch wieder ein Berganstieg", sinnierte Philipp Müller: "Dort wollen wir noch besser spielen und die zwei Punkte holen."







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