Die Köpfe gehen früh nach unten

HANDBALL Ernüchterung und klare Worte beim TV Hüttenberg nach Heimdebakel

Vom Kreis erfolgreich, mit seinem TV Hüttenberg aber unterlegen: Moritz Lambrecht, der sich in dieser Szene gegen den Coburger Tomas Riha durchsetzt. (Foto: Fingerhut)

Marius Liebald lehnte zehn Minuten nach der Schlusssirene noch immer gedankenverloren an der Wand im Kabinentrakt und konnte die unterirdische Darbietung an diesem "schwarzen Freitag" nicht begreifen: "Alles Scheiße", sagte der 24 Jahre alte Rückraum-Allrounder gequält und schob kleinlaut nach: "Ein peinliches Ergebnis." Auch Alois Mraz unternahm erst gar nicht den Versuch, die Schmach gegen den vom Hüttenberger Ex-Trainer Jan Gorr spielerisch, taktisch und kämpferisch perfekt eingestellten Neuling aus Oberfranken schönzureden. "Als es nach zehn Minuten 1:5 stand, sind bei uns schon die ersten Köpfe runtergegangen. Viel zu früh."

"Die erste Halbzeit war schlichtweg eine Katastrophe, eine Bankrotterklärung", legte Manager Lothar Weber seine Finger in die Wunde und redete Tacheles, während die Spieler im VIP-Raum missmutig an ihm vorbei zum rustikalen Büffett schlurften: "Nur sieben Tore bis zur Pause, damit kannst du kein Spiel gewinnen. Und erneut versieben wir vier Siebenmeter. Aber die sind ja ohnehin seit Jahren ein Strafe für uns und nicht für den Gegner. Im Grunde wusste ich schon beim 1:5, dass das nichts mehr wird. Weder die Abwehr noch der Angriff und auch nicht die Torhüter konnten annähernd überzeugen."

Die Analyse von TVH-Trainer Axel Spandau fiel humaner aus, wenngleich er nicht verhehlte: "Coburg war eine Klasse besser als wir." Sein Team habe zwar gut ins Spiel reingefunden, sich nach dem 1:0 aber von HSC-Torhüter Oliver Krechel "den Schneid abkaufen lassen". Dass es der Coburger Keeper auf insgesamt 25 Paraden bringen konnte, war allerdings auch das "Verdienst" der TVH-Angreifer, die den von den 160 HSC-Schlachtbummlern frenetisch gefeierten 23-Jährigen regelrecht warmschossen.

Mit seinen überschwänglichen Siegposen einerseits und abfälligen Gebärden im Stile von Berlins Torwart Silvio Heinevetter den Kontrahenten gegenüber andererseits heizte Krechel die Stimmung in der mit 1141 Zuschauern gut gefüllten Hüttenberger Sporthalle immer weiter an und zeigte sich verantwortlich dafür, dass die desolaten Hausherren beim 8:20 (38.) erstmals mit zwölf Treffern ins Hintertreffen gerieten und lediglich beim 18:23 (51.) noch etwas näher herankamen. "Der verströmte schon nach einer Viertelstunde 1000 Volt", bemerkte Lothar Weber.

Jan Gorr jubelt: "Heute bin ich zum Fan meines Teams geworden"

Coburgs Jan Gorr schwebte derweil nach der beeindruckenden Vorstellung des Aufsteigers auf Wolke sieben. "Es war für mich wunderbar anzusehen, wie Torhüter und Abwehr bis ins Detail überragend funktionierten. Aber auch nach vorne klappte unser Spiel klasse. Heute bin ich zum Fan meines Teams geworden", bejubelte der HSC-Coach die triumphale Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte, wo er als Höhepunkt den TVH zurück in die Bundesliga geführt hatte.

Ein ähnliches Kunststück ist dem feinen akribischen Taktiker und seinen Gelb-Schwarzen zumindest mittelfristig zuzutrauen. Denn neben Krechel besitzt Gorr in dem pfeilschnellen Linkshänder Florian Billek, am Freitag mit sechs blitzsauberen Treffern bester Schütze des Neulings, und dem baumlangen Matthias Gerlich (5) zwei Shooter erster Güte, die beide früher ebenfalls in Hüttenberger Diensten standen. Während sich Billek einen kleinen Seitenhieb gegenüber seinem alten Club ("Handball ist harte Arbeit, und die haben wir eindeutig besser erledigt als Hüttenberg") nicht verkneifen konnten, verriet Gerlich ein Gänsehautgefühl: "Es war eine abstruse Situation. Eigentlich hatte alles auf ein ganz knappes Duell hingedeutet. Dann diese schnelle klare Führung für uns. Da war Hüttenberg plötzlich völlig verunsichert."

In die andere Richtung muss sich Hüttenberg orientieren. Für die Blau-Roten ist jetzt Konsolidierung angesagt. Ganz schnell. "Bei meinen Spielern ist der Grat zwischen Motivation und Übermotivation verdammt schmal", meinte Spandau. "Diese Partie gegen Coburg muss jetzt ganz schnell aus den Köpfen raus. Wir fahren nächstes Wochenende natürlich als krasser Außenseiter zum Bundesliga-Absteiger Emsdetten. Aber in dieser Klasse ist nichts unmöglich." Nur dürfen dann die Köpfe nicht wieder so früh nach unten gehen.


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