Eine Mission mit offenem Ende

ROLLSTUHLBASKETBALL Andreas Joneck, Manager des RSV Lahn-Dill, wird 50 - und hat noch viel vor

Auch bei den Spielen des RSV Lahn-Dill am Rande des Geschehens stets im Einsatz und im Gespräch: Andreas Joneck (l.), hier mit Management-Mitglied Sebastian Mende (r.) und Fotograf Armin Diekmann. ()

Im Januar 2011 auf dem Packeis des zugefrorenen Tempelfjorden auf Svalbard unweit des Nordpols. ()

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Bei Andreas Joneck vibrierte das damals noch einem Bügeleisen gleichende Handy. Und da der Manager des Rollstuhlbasketball-Bundesligisten vor über 13 Jahren noch keine Freisprechanlage im Auto hatte, stoppte er am Fahrbahnrand, um zu telefonieren. Am Apparat war Hartmut Retzlaff, damals wie heute Vorstandsvorsitzender der Stada Arzneimittel AG. Dem Hauptsponsor der Wetzlarer Rollis war zu Ohren gekommen, dass Joneck als Nachfolger von Jens Ihle Manager der zu dieser Zeit noch als Avitos Gießen firmierenden Basketballer aus der Universitätsstadt werden sollte. Und überzeugte den damals 36-Jährigen, nicht zu wechseln und dem RSV die Treue zu halten. Wie, darüber schweigt sich Joneck auch heute noch aus. Dass er "perplex, geehrt, ja fast gerührt" war über den Anruf des mächtigen Stada-Bosses, so viel lässt sich der Lahn-Dill-Macher jedoch wenigsten entlocken.

Sport von Menschen mit Behinderung hat seinen Stellenwert auf Augenhöhe mit den Gesunden verdient

Auf 32 Titel - zwölf deutsche Meisterschaften, zwölf Pokalsiege, sechs Erfolge in der Champions League, einen im Willi-Brinkmann-Cup sowie einen im Weltpokal - blickt Andreas Joneck inzwischen zurück. Es ist die weit und breit einzigartige Erfolgsgeschichte eines Mannes, der stets bescheiden und zurückhaltend geblieben ist, der auch noch in sich ruht, wenn rundherum Chaos ausbricht und der freundlich und zuvorkommend ist, auch wenn ihm der Kragen zu platzen droht. Vor allem aber, der sich als Privatmann immer zurückgestellt hat, um jenen Nischen-Sport, der anderswo in Europa oft nur belächelt wird, voranzubringen, ihn bekannt zu machen, ihm Anerkennung zu generieren und der Bevölkerung zu zeigen, dass Sport von Menschen mit Behinderung seinen Stellenwert auf Augenhöhe mit den (vermeintlich) Gesunden in dieser Gesellschaft verdient hat.

Am kommenden Montag wird Andreas Joneck 50 Jahre alt. Für die an diesem Abend stattfindende Wetzlarer Sportlerwahl hat er sich entschuldigt. Aus gutem Grund: An der Seite seiner Lebensgefährtin Sabine verbringt er den Abend in der Oberpfalz, wo genau will er nicht verraten. Ehe vier Tage danach Hochzeit gefeiert wird. Nicht nur der RSV Lahn-Dill hat Andreas Joneck viel zu verdanken, sondern der einstige Junggeselle aus Überzeugung auch dem Verein, dass er doch noch unter die Haube kommt.

Dass Joneck in der langen Erfolgsgeschichte des RSV Lahn-Dill nur die Nummer zwei ist, kann er verschmerzen. Denn Center und Ex-Nationalspieler Dirk Köhler hat 33 Titel vorzuweisen - und damit einen mehr als sein Vorgesetzter. Schließlich trägt "Shaq" seit 1992 das Wetzlarer Leibchen und war dementsprechend schon im Einsatz, als das Team 1998 erstmals Deutscher Meister wurde. Erst ein Jahr später stieß Joneck, der aus der Basketballabteilung des TV Wetzlar stammt, zur Mannschaft. Erst als Pressesprecher, später als Manager, alles zunächst aber nebenberuflich und finanziell auf kleiner Flamme. Bis zum Anruf von Hartmut Retzlaff …

Inzwischen bewegt sich der RSV Lahn-Dill auf Augenhöhe mit den Großen der Branche wie der HSG Wetzlar und den Gießen 46ers. Nicht eben finanziell, aber vom Ansehen her. "Eine unserer größten Errungenschaften ist es, dass Medien, Politik und Wirtschaft zwischen uns und den anderen keinen Unterschied machen." Rollstuhlbasketball genießt in Mittelhessen hohes Ansehen, regelmäßig über 1000 Besucher pilgern zu den Heimpartien in die Sporthalle der August-Bebel-Schule. "Das hat dazu geführt, dass wir auch ausländische Spitzenspieler nach Wetzlar holen konnten, denn sie wissen, dass sie ihren Sport bei uns nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sondern im Fokus der Öffentlichkeit ausüben", ist Joneck sehr zufrieden, mit dem, was er bisher erreicht hat.

Auch wenn sein Club finanziell mit anderen noch lange nicht mithalten kann. "Als ich begann, betrug unser Etat 9000 Mark. Fast 20 Jahre später liegen wir bei einer Dreiviertelmillion, Euro wohlgemerkt", huscht ein zufriedenes Lächeln über die Lippen des Noch-Junggesellen, der in jedem seiner Sätze das "Wir" voranstellt. "Wir machen alles als Team", ist es Joneck wichtig zu berichten, dass Cheftrainer Nicolai Zeltinger, Sven Köppe, Sebastian Mende, Jörg Fink und Daniel Stange im Management, einige davon schon fast zwei Jahrzehnte, gut und vertrauensvoll zusammenarbeiten.

"Ohne meine fünf Mitstreiter könnte ich die anfallende Arbeit nicht bewältigen"

"Ohne meine fünf Mitstreiter könnte ich die anfallende Arbeit nicht bewältigen", weiß Joneck um die Bedeutung der Führungscrew und setzt noch einen drauf: "Ich fahre jeden Morgen in die Geschäftsstelle in der Gewissheit, einen harmonischen Tag vor mir zu haben. Wer hat ein solches Glück schon in seinem Berufsleben?"

Und wenn Andreas Joneck nach einer arbeitsintensiven und aufreibenden Saison eine Sieben-Tage-Woche an die nächste gerückt hat, dann geht er wie immer auf Reisen. Auf weit über 100 Länder diese Erde hat er schon seinen Fuß gesetzt und als Hobby-Fotograf teilweise beeindruckende Motive mit nach Hause gebracht. Was die Frage nach den nächsten Zielen aufwirft: "Patagonien, Zentralafrika mit Ruanda und der Republik Kongo sowie Grönland habe ich auf der Agenda", zieht es den noch 49-Jährigen im kommenden Sommer sicher wieder weg von Wetzlar, weg von seinem Club, mit dem er noch einiges vor hat. "Meine Mission ist erst erfüllt, wenn auf den Anzeigetafeln in den Stadien der Fußball-Bundesliga die Ergebnisse der Rollstuhlbasketballer eingeblendet werden."

Andreas Joneck wird sicher noch einige Zeit für den RSV Lahn-Dill arbeiten dürfen …


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