"Für uns wird es immer schwerer"

HANDBALL Lothar Weber zur Situation des Aufstiegskandidaten TV Hüttenberg / Teil 7

Die Vorbereitungen auf die 2. Liga laufen: Lothar Weber (l.) im Gespräch mit Redakteur Thomas Hain. (Foto: Weis)

"Keine Berührungsängste mit der HSG Wetzlar": Lothar Weber, der Macher des TV Hüttenberg. (Foto: Weis)

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"Wir wissen, was auf uns zukommt", sagt Lothar Weber, seit 22 Jahren Geschäftsführer der Marketing-GmbH, im "Winterview" mit dieser Zeitung. "Für uns wird es immer schwerer", äußert sich der "Macher" des Ex-Erstligisten zum Kampf des Dorfvereins gegen finanzstärkere Konkurrenten und das Verhältnis zum großen Nachbarn HSG Wetzlar.

Herr Weber, der TV Hüttenberg marschiert mit Riesenschritten in Richtung 2. Liga. Ist das für Sie wie eine Drohung?

Lothar Weber (lacht): Nicht unbedingt. Wir wissen ja, was auf uns zukommt. Sportlich ist die Klasse natürlich sehr, sehr reizvoll. Aber die Saison ist noch lang. Wenn in der Rückrunde die ersten vier, fünf Spiele gespielt sind und wir immer noch mit null Verlustpunkten dastehen, dann könnte es funktionieren.

Ist die eingleisige 2. Liga für einen Verein Ihrer Größenordnung nicht fast schon eine Nummer zu groß - sportlich, aber vor allem wirtschaftlich?

Weber: Absolut richtig. Deshalb bin ich - das wissen auch die Damen und Herren vom Deutschen Handball-Bund der Handball-Liga - ein Verfechter der Zweigleisigkeit. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens hätten dann wesentlich mehr junge Spieler die Chance, sich für die Bundesliga zu empfehlen. Zweitens hätten die dörflich strukturierten Vereine noch die Chance, auf diesem Niveau zu spielen. Gerade wirtschaftlich ist es für uns wahnsinnig schwierig. Nachdem sich die Gießen 46ers konsolidiert haben und wieder im großen Basketball mitspielen und die HSG Wetzlar überaus erfolgreich ist, was ich ihr gönne, wird es für uns immer schwerer, alles finanziell auf gesunde Beine zu stellen.

Aber aus sportlichen Gründe streben Sie den Aufstieg an?

Weber: Natürlich. Wenn es die Mannschaft sportlich schaffen sollte, werden wir nicht - wie in der Vergangenheit viele Drittligisten, die freiwillig verzichtet haben - sagen, wir wollen nicht aufsteigen.

Also laufen die Vorbereitungen für das neue Abenteuer 2. Liga beim TV Hüttenberg bereits?

Weber: Ja. Die Personalplanungen laufen erst einmal noch zweigleisig. Aber wir wissen genau, dass wir im Falle des Aufstiegs diverse Positionen neu bestücken müssen, weil es momentan für diese wahnsinnig starke Klasse noch nicht reicht.

Sind da auch Kandidaten aus dem Oberhaus dabei?

Weber: Ja. Wir sind aber auch mit mehr guten Drittligaspielern im Gespräch, die das Zeug haben, eine Klasse höher gut mitzuhalten.

Wie vielen Spielern aus dem aktuellen Kader trauen Sie den Sprung zu?

Weber: Das kann ich noch gar nicht genau absehen. Wir planen - wie schon gesagt - immer noch zweigleisig. Es wird personelle Veränderungen geben. Mitte, Ende Februar wissen wir sicherlich, wo die Reise hingeht.

Haben schon Spieler signalisiert, dass sie - aus welchen Gründen auch immer - nicht mit hoch wollen?

Weber: Nein. Keiner. Obwohl alle wissen, dass sie zeitlich noch einmal eine ganz große Schippe drauflegen müssen.

Welche Rolle spielt Trainer Adalsteinn Eyjolfsson bei der neuen Erfolgsgeschichte des TV Hüttenberg?

Weber: Eine ganz große. Er ist jetzt fast genau ein Jahr da. Wir haben schon nach ein paar Wochen gemerkt, dass er ein sehr guter Motivator und ausgewiesener Fachmann ist, der weiß, was er tut. Wir haben auch gesehen, dass nach seiner Verpflichtung noch einmal ein Ruck durch die Mannschaft gegangen ist. Deshalb haben wir auch bereits im März nicht ohne Grund den Vertrag mit ihm um gleich drei Jahre verlängert.

Er passt wohl auch nicht nur sportlich nach Hüttenberg.

Weber: Er passt auch menschlich sehr, sehr gut zu uns. Er fühlt sich hier sehr wohl. Er wohnt ja im HSG-Bau in Dorlar (lacht), wo auch Steffen Fäth, Maxi Holst, Lipovina und einige andere in der Nachbarschaft sind. Dort gibt es viele kleine Kinder. Es gefällt ihm, seiner Frau und dem kleinen Sohn sehr gut.

Der TV Hüttenberg betreibt seit Jahr und Tag erfolgreich Jugendarbeit. Profitieren davon nicht andere Vereine mehr als Sie selbst?

Weber: Das sehe ich genauso. Siehe HSG Wetzlar, siehe HSG Pohlheim, siehe SG Kleenheim, siehe SG Lollar/Ruttershausen. Und so weiter. Egal, wo man hinschaut. Da sind überall mindestens vier, fünf Spieler, die aus unserer Jugend kommen.

Aber Sie machen trotzdem weiter.

Weber: Wir haben immer noch die Hoffnung, und daran müssen wir uns auch festhalten, dass durch die gute Jugendarbeit auch der eine oder andere den Weg in die 2. Liga oder die 3. Liga findet. Wir müssen aber auch gewährleisten, dass ein talentierter Spieler nach der A-Jugend eine Perspektive hat. Ob er den Sprung gleich schafft, ist aber immer die Frage. Deshalb müssen wir jetzt auch noch Wert darauf legen, dass die 2. Mannschaft möglichst die Oberliga hält. Ein Ausbildungsverein wie wir hat immer das Problem, dass die, die es nicht gleich schaffen, ungeduldig sind und weggehen. Oft gibt es dann bei unterklassigen Vereinen für den halben Einsatz das gleiche Geld.

Sie haben schon Spieler an die HSG Wetzlar abgegeben, aber auch auch welche vom Nachbarn bekommen. Ist die Nähe zum Bundesligisten mehr Fluch oder Segen für den TV Hüttenberg?

Weber: Ich sehe das als Segen. Es wäre schlimm, wenn die HSG die Bundesliga einmal nicht halten würde. Allerdings sollte nicht der TV Gelnhausen der Wetzlarer Kooperationspartner sein, sondern wir. Allein schon wegen der kurzen Wegstrecke und der räumlichen Nähe. Es sind da letztes Jahr ein paar Dinge blöd gelaufen. Zum Beispiel hätten wir Moritz Zörb, der dann nach Gelnhausen gegangen ist, gern behalten. Die Perspektivspieler der HSG, die nicht gleich den Sprung in den Bundesligakader schaffen, sollten die Chance bekommen, sich über ein Zweitspielrecht bei uns weiterzuentwickeln.

Gehen Sie als Ur-Hüttenberger eigentlich zu HSG-Spielen?

Weber: Ja klar, ich habe eine Dauerkarte. Ich bin keiner, der kirchturmsmäßig unterwegs ist und sagt, da gehe ich nicht hin oder das gönne ich denen nicht. Ich finde es auch ganz toll, dass die HSG inzwischen drei Nationalspieler hat, die an der Europameisterschaft teilnehmen. Das ist eine Entwicklung des Vereins, die auch durch die Zuschauerzahlen bestätigt wird.

Es war immer wieder einmal sogar von einer möglichen Fusion der Erzrivalen die Rede. Wie sehen Sie zumindest die Möglichkeit einer Zusammenarbeit?

Weber: Ich habe gar keine Berührungsängste und spreche auch oft mit Martin Bender (HSG-Aufsichtsratschef, die Red.) und Björn (Seipp, HSG-Geschäftsführer, die Red.). Die Vereine sollten sich annähern. An eine Fusion denke ich nicht, aber an eine Kooperation. Vielleicht mit einer gemeinsamen Jugendarbeit.

Noch einem Wort zum deutschen Handball allgemein. Große Vereine wie jetzt der HSV Hamburg oder früher der VfL Gummersbach und TuSEM Essen haben mit dem Geld, das sie gar nicht hatten, um sich geworfen, sind aber immer wieder auf die Füße gefallen. Wie fühlt sich da ein TV Hüttenberg, der solide wirtschaftet, aber sportlich eher hinten dran ist?

Weber: Wenn es alle so wie wir machen würden, hätten wir die ganzen Probleme und die vielen negativen Schlagzeilen nicht. Wobei das personenbezogene Sponsoring immer mehr wird. In Hamburg, mit Abstrichen bei den Rhein-Neckar Löwen, in Melsungen und auch ein Stück weit bei der HSG Wetzlar.

Was ist gegen dieses Negativ-Image zu tun?

Weber: Wichtig ist zum Beispiel das Abschneiden der Nationalmannschaft bei der EM in Polen. Von ihren Erfolgen und ihren Auftreten können wir alle profitieren. Es wäre wichtig, dass der Handball wieder positiv von sich reden macht und nicht nur durch Pleiten und Insolvenzen.

Sie haben in der Vergangenheit immer wieder gesagt, mit 50, 55 oder 60 werde es langsam Zeit, aufzuhören. Jetzt sind Sie 62 und immer noch dabei. Was treibt Sie an. Und wie lange machen Sie das noch?

Weber: Wenn meine eigene Frau schon sagt, dir glaubt es eh keiner mehr, dass du aufhörst, dann nenne ich auch keine Zahl mehr. So lange es Spaß macht, mache ich es. Ich habe mit Martin Volk und Heiko Czech zwei gute Mitstreiter. Ohne die hätte ich vor Jahren schon das Handtuch geworfen. Das Problem ist, dass immer weniger Leute Verantwortung übernehmen wollen und für die GmbH auch finanziell den Kopf hinhalten.

Wo sehen Sie Ihren TV Hüttenberg in zehn Jahren?

Weber: Das kann ich nicht beantworten. Wenn die 2. Liga eingleisig bleibt, was ich befürchte, werden Vereine wie wir sicherlich nicht mehr vertreten sein.

 

Zur Person

Lothar Weber ist der Macher hinter den Kulissen des Handball-Traditionsvereins TV Hüttenberg und seit 22 Jahren Geschäftsführer der Marketing-GmbH. Der 62-jährige Ruheständler ist verheiratet, hat zwei Kinder und drei Enkel.


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