
Dort Britt Dillmann, 49, die als Querschnittgelähmte und Querkopf im Behindertensport Welt- und Europameisterschaften in verschieden Disziplinen feierte, dann das Sportgerät in den Keller befördern ließ, um nach 20 Jahren Wettkampfpause noch einmal anzugreifen und die Drecksarbeit auf dem Feld für ihre Kolleginnen zu verrichten. Die Jagd nach Titel und olympischen Ehren brachte die beiden zusammen. Mit durchschlagendem Erfolg, wie die gerade beendeten Paralympics beweisen.
Gratulation zur Goldmedaille, haben Sie den Triumph inzwischen verinnerlichen können?
Britt Dillmann: Noch nicht wirklich. Als ich auf dem Heimflug von London vom London die Zeitung aufgeschlagen, die Berichte gelesen und die Bilder von uns angeschaut habe, dachte. Wow, du hast es geschafft. Olympiasiegerin - das ist es, was ich immer wollte. Aber das Gefühl, es wirklich zu sein, hat sich noch nicht eingestellt. Auch zu Hause nicht. Das sacken zu lassen, braucht Zeit.
Gesche Schünemann: Mir geht's ähnlich. Nach dem Triumph jagt ein Termin den anderen. Erst die Siegerehrung, dann die Party im Casino in London und am nächsten Morgen ins Fernsehstudio. Und wieder in Gießen ging's mit einem großen Straßenfest, wo mich die Kinder mit Riesenplakaten und T-Shirts mit "Gesche" drauf überraschten, weiter. Dann wurde in "Tasch's Wirtshaus" mit Freunden gefeiert. Und am nächsten Tag der Empfang meiner Arbeitskollegen bei GeckoEnergies. Nach drei schlaflosen Nächten bin ich mit dem Gedanken ins Bett gefallen: Das war eine echt aufregende Zeit. Aber realisiert habe ich den Erfolg ebenfalls bisher nicht.
Es war das erste Gold seit 1984 im Rollstuhlbasketball, und dann noch das Meisterstück vor 17 000 Zuschauern in der North Greenwich Arena zu machen, wie fühlt sich das an?
Schünemann: Grandios. In dieser gewaltigen Halle konnten wir die obersten Ränge nur erahnen. Zudem diese Stimmung. Dass die meisten Fans die australische Mannschaft unterstützten, hat uns überhaupt nicht gestört.
Dillmann: Als die letzten Sekunden des Spiels abliefen, habe ich mal hochgeblickt und bin ob der vielen Menschen fast ein wenig erschrocken. Für mich war die Kulisse positiver Stress. Ohnehin wusste jede von uns um ihre Aufgabe auf den Feld. Und in so seinem Hexenkessel musst du funktionieren. Schade nur, dass ich nach dem Finale in dieser großartigen Halle zur Dopingprobe musste und ich beim Jubel des Teams in der Kabine nicht dabeisein konnte. Da habe ich mich schon etwas betrogen gefühlt. Erst im Casino ging's dann auch für mich rund. Um vier Uhr morgens bin ich ins Bett, aber schlafen konnte ich nicht. Die Eindrücke waren überwältigend.
Frau Dillmann, kann man sagen, dass sich für Sie mit dem Erfolg der Kreis geschlossen hat, nachdem 1988 in Seoul das Endspiel verloren worden war?
Dillmann: Das ist so. Schon in Südkorea wollten wir unbedingt Gold. Wir waren damals super drauf. Ich hatte extra das Studium zurückgestellt und mich geradezu exzessiv auf das Turnier vorbereitet.
Und dann ging das Unternehmen in die Hose, weil Ihr Trainer nicht den Mut besaß, eine Leistungsträgerin, die völlig von der Rolle war, nicht zumindest für kurze Zeit vom Feld zu nehmen ...
Dillmann: Das habe ich ihm nie verziehen. Es hat eine tiefe Wunde hinterlassen. Das war ein Grund, weshalb ich es noch einmal wissen wollte. Trotz meines Alters und meines Rufs als Querkopf habe ich viel Unterstützung bekommen. Einmal von meinem Coach Daniel Stange vom RSV Lahn-Dill II, dann von Bundestrainer Holger Glinicki und ganz besonders von meiner Familie. Die findet es supertoll, dass ich mit dieser Medaille wieder zu Hause bin. Am nächsten Tag habe ich übrigens schon wieder die Waschmaschine gefüllt.
Die deutschen Herren haben sich mit Rang sechs begnügen müssen, eine Enttäuschung aus Ihrer Sicht?
Schünemann: Auf keinen Fall. Für mich hat die Mannschaft ein gutes Turnier gespielt. Sie hatte im Viertelfinale gegen die USA einfach Pech. Bis zum 36:28 lief es auch klasse, doch dann riss der Faden und es gelang in zehn Minuten nur ein Korberfolg. Unerwartet kam jedoch die Niederlage um Platz fünf gegen Spanien. Die ersten vier mit Olympiasieger Kanada, Australien, den USA und Gastgeber Großbritannien stellen absolute Weltklasse dar.
Dillmann: Auch für mich haben die Herren nicht enttäuscht. Bis zum Viertelfinale lief alle programmgemäß. Mit Nicolai Zeltinger besitzen sie einen hervorragenden Trainer, der die Mannschaft noch nach ganz oben führen wird. Davon bin ich fest überzeugt. Als Trost habe ich der Mannschaft eine Riesenflasche Sekt überreicht, weil sie in der Niederlage Größe gezeigt hat.
Frau Schünemann, nach Silber in Peking 2008 nun der ganz große Wurf, welchen Stellenwert besitzt der Triumph für Sie als so genannte Fußgängerin?
Schünemann: Das Gold von London ist nicht nur wegen der Farbe weitaus höher zu bewerten. Denn 2008 gab es mit den USA, Australien und Deutschland nur drei Nationen auf Weltniveau, jetzt sind mit Holland, China und Kanada drei weitere Länder dazugekommen. Wenngleich Silber in Peking gerade für mich schon ein Traum war, weil ich erst 2007 mit dem Rollstuhlbasketball angefangen habe.
In der Meisterschaftsrunde spielen Sie bei den Herren mit, wie groß ist die Umstellung, wenn Sie im Nationalteam nur unter ihresgleichen sind?
Dillmann: Das ist kein Problem. In den Clubs lernen wir uns durchzusetzen, das kommt uns zugute, wenn wir für Deutschland spielen. Wir müssen uns nur auf den leichteren Frauenball einstellen.
Schünemann: Die Rollen, die wir in der Nationalmannschaft ausfüllen, sind allerdings ganz andere als im Club. Im Vereinsteam können wir nicht so viel Verantwortung übernehmen.
Nochmal zurück nach London - konnten sie dort das besondere paralympische Flair genießen?
Schünemann: Was ein Besuch der anderen Disziplinen wie Leichtathletik oder Schwimmen angeht, nein. Denn dafür hatten wir zunächst keine Zeit. Und als wir am Samstag zum Sitzvolleyball-Finale wollten, haben wir keine Karten bekommen und konnten das Spiel nur vorm Fernseher miterleben. Live dabei waren wir beim Gruppenspiel unserer Herren gegen Kanada. Und natürlich bei der Eröffnungs- und Schlussfeier, die sehr beeindruckend waren.
Dillmann: Beim Match der Herren gegen Kanada haben wir uns mit Fahnen und Wimpeln ausgerüstet und die Mannschaft richtig laut unterstützt. Genial fand ich vor allem die Abschlussveranstaltung. Diese Momente, als so viele Menschen beim Einmarsch durcheinanderwuselten und später die olympische Flamme nach einem beeindruckenden Programm erlosch, war genial und Gänsehaut pur.
Was hatte es eigentlich mit dem Bad von Trainer Glinicki in der Themse auf sich?
Schünemann: Unser Coach hatte die Aktion schon vorher im Falle des Finalsiegs in London angekündigt. Und Glinicki ist ein Mann, der Wort hält.
Dillmann: Wir haben ihn natürlich auch noch etwas gedrängt. Glinicki wollte, dass ich mitspringe. Denn wir haben noch eine Wette offen: Er glaubt, dass er gegen mich im Schwimmen gewinnt.
Wie sehen Ihre Planungen für die Zukunft aus?
Dillmann: In vier Jahren in Brasilien werde ich mit Sicherheit nicht mehr spielen. Ansonsten ist alles möglich. Mir liegen zwei Angebote von anderen Vereinen vor, aber ich weiß nicht: Mein Heimatverein ist der RSV Lahn-Dill. Und den will ich im Grunde nicht verlassen. Wenngleich ich mich schon darüber geärgert, dass ich vor Weihnachten aus dem Training der ersten Mannschaft gekegelt wurde. Klar kann ich verstehen, dass der RSV auf junge dynamische Spieler setzt. Aber getroffen hat mich das schon.
Schünemann: Mein Vertrag beim RSV läuft noch bis nächstes Jahr, was danach passiert - keine Ahnung.







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