Realist im weißen Kittel

ROLLSTUHLBASKETBALL Felix Schell arbeitet vier Jahre nach seiner Beinamputation als Arzt

Das Ziel im Blick: Felix Schell vom RSV Lahn-Dill. (Foto: Weis)

Diese persönliche Vorgabe hat der 26-Jährige nicht nur, aber vor allem auch in den vergangenen vier Jahren in die Tat umgesetzt. Am 4. Februar 2012 bestreitet Schell sein letztes Spiel für mehrere Monate. Die Prothese im rechten Knie, an dem er mit 14 Jahren wegen eines Knochentumors operiert worden war, hat sich entzündet. Die Frage nach einer Beinamputation steht schon länger im Raum. Auch den Rat seines Mitspielers Dirk Köhler sucht er - und entscheidet sich für den Eingriff. "Es war definitiv die richtige Entscheidung", sagt Schell heute.

In der Zwischenzeit ist viel passiert. Er war bei der Europameisterschaft 2013 und der Weltmeisterschaft 2014 dabei - und wahrscheinlich noch wichtiger: Am 3. Dezember des vergangenen Jahres hat er sein 3. Staatsexamen abgelegt. Seit Januar arbeitet Schell als Arzt in der Hämatologie des Uniklinikums in Gießen, beschäftigt sich dort mit Bluterkrankungen wie Leukämie. Die eigene Krankheitsgeschichte habe das Interesse für die Medizin geweckt, sei aber nicht ausschlaggebend für die Berufswahl gewesen, erklärt Schell.

Die Prioritäten haben sich nun zwangsweise ein wenig verschoben. Zehn- bis Zwölf-Stunden-Schichten sind normal, bald kommen Wochenenddienste hinzu. "Ich will mich jetzt erst einmal einarbeiten und sehen, wie ich Sport und Beruf unter einen Hut kriege", sagt Schell, der mit Freundin Anja in Gießen lebt. Sein Trainer Nicolai Zeltinger hatte im Interview mit dieser Zeitung bereits angekündigt, dass der 26-Jährige künftig nicht mehr so regelmäßig zur Verfügung stehen werde. Schell geht aber auch diese Situation völlig entspannt, eben realistisch, an: "Ich lasse das auf mich zukommen." Es ist noch so ein Satz, der den Rollstuhlbasketballer gut charakterisiert. Schauen wie sich die Situation entwickelt, dann das Beste daraus machen. "Ich habe in den ersten zwei Wochen schon gemerkt, dass es hart ist: Arbeit, ins Auto, Training. Aber ich brauche das auch als Ausgleich. Wir sind wirklich Freunde und es ist immer schön, die Jungs abends zu sehen", sagt er über die Bedeutung des Teamsports.

Die sportliche Zukunft soll nach der Saison geklärt werden, denkbar ist auch ein Einsatz in der Reserve

Für die EM im vergangenen September in Worcester musste der Gießener wegen des Examens absagen, ob es für den Kader gereicht hätte, weiß er nicht. Zum vorläufigen Aufgebot für die Paralympics in Rio gehört Schell auch nicht. "Das hätte zeitlich nicht gepasst. Außerdem gibt es auf meiner Position mit Aliaksandr Halouski, Dirk Passiwan und Dirk Köhler auch drei Ausnahmespieler." Nach der Saison soll es Gespräche mit Zeltinger und RSV-Manager Andreas Joneck geben. Bis dahin will Schell sehen, ob es auch mit weniger Training für die Bundesliga reicht oder ob er künftig in der zweiten Mannschaft als einer der Erfahrenen vorangeht. "Man muss die Ansprüche an die Gegebenheiten anpassen", so der Realist.

Dass er überhaupt beim Rollstuhlbasketball gelandet ist, hat er auch seiner Mutter zu verdanken. "Sport habe ich als Jugendlicher eigentlich nur in meiner Freizeit betrieben, nicht im Verein. Fußballspielen oder ähnliches ging mit dem Knie aber irgendwann nicht mehr. Meine Mutter hat gesagt: Geh doch mal zum Rollstuhlbasketball." Das hat er kurz vor dem Abi erstmals gemacht. In seiner Heimat spielte er für Bayreuth, über den heutigen Zwickau-Akteur Günther Mayer entstand der Kontakt nach Wetzlar. Da Schell ohnehin Medizin studieren wollte, erfolgte 2008 der Wechsel in die Domstadt.

Dort hat er bis heute in RSV-Urgestein Dirk Köhler einen schier unüberwindbaren Konkurrenten auf seiner Position. Grund für Neid oder Missgunst ist das aber nicht. "Wir verstehen uns super, teilen uns bei Auswärtsspielen meistens ein Zimmer. Ich finde es beeindruckend, dass er so lange auf diesem Niveau spielt", schwärmt Schell. Der sportliche Erfolg steht für ihn über dem Einzelnen. Und da gibt es für den Tabellenzweiten ja noch einige Ziele. Meisterschaft, Pokal und Champions League sind die anvisierten Titel. "National ist wieder alles möglich. Die Niederlage gegen Thüringen ärgert uns. Im Idealfall holen wir uns den direkten Vergleich zurück."

Der Alltag mit der Beinprothese ist für den 26-Jährigen heute kein Problem mehr. "Klar war das damals ein Einschnitt. Ich habe mich umstellen müssen. Aber ich kann heute fast alles ohne große Einschränkung machen." Er habe sich damit arrangiert - ganz realistisch das Beste rausgeholt könnte man sagen. Eine Zukunft als Chirurg zum Beispiel ist für ihn aber nicht denkbar, weil das dauerhafte Stehen zu anstrengend wäre. In der Inneren Medizin fühlt er sich ohnehin wohl. Sein Ziel ist es, sich später Facharzt für Hämatologie nennen zu dürfen. Auch der Doktortitel soll es irgendwann sein, "aber ich weiß noch nicht wann". Felix Schell lässt erstmal alles auf sich zukommen. Damit ist er bislang ganz gut gefahren.


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