Dass sich der Mann der ersten Fußball-Bundesligastunde auch außerhalb der Welt der Pedaleure auskennt und herrliche Geschichten erzählen kann, erfuhren rund hundert freie Mitarbeiter und Freunde der Sportredaktion dieser Zeitung bei ihrer alljährlichen Zusammenkunft im Casino der Wetzlarer Sparkasse.
Herr Watterott, Sie haben 41 mal für die ARD von der Tour de France berichtet. Zunächst mit Günther Isenbügel, später mit Werner Zimmer, Jürgen Emig, Hagen Boßdorf und zuletzt mit Florian Naß. Wie hat alles begonnen?
Herbert Watterott: Mein erster Einsatz 1965 begann ganz zufällig in meiner erweiterten Heimatstadt Köln (der 70-Jährige wurde im benachbarten Bensberg geboren und lebt in Bergisch Gladbach, die Redaktion). Es ging vom Dom durch die Schildergasse, die Hohe Straße am Müngersdorfer Stadion vorbei in Richtung Lüttich. Damit begann für mich ein Traum wahr zu werden.
Haben Sie von Anfang an mitkommentiert?
Watterott: Nein. Im ersten Jahr habe ich Zeitungen geholt oder das Auto aufgetankt. Also all die Dinge, für die die Herren Kollegen keine Zeit hatten, oder keine Zeit haben wollten.
Später waren Sie dann selbst am Mikrofon, wurden die deutsche "Stimme der Tour de France" und hatten nicht nur schöne Dinge zu berichten ...
Watterott: Ich habe miterlebt, wie Tom Simpson 1967 am Mont Ventoux einem Herzversagen erlag. Der Engländer war in der Tat gedopt und auch nicht ganz gesund. Und auf dem Anstieg hat er auch noch Cognac draufgeschüttet. Das war ein tödlicher Cocktail. Ein ganz schlimmes Erlebnis. 1910 war der französische Rennfahrer Adolphe Helières an einem Ruhetag in Hyères an der Côte dAzur ertrunken. Der Spanier Francisco Cepeda stürzte 1935 bei L\'Alpe d\'Huez in eine Schlucht.
Und dann war ja noch die Tragödie um Fabio Casartelli ...
Watterott: Als der italienische Olympiasieger von Barcelona 1995 auf der Abfahrt vom Portet-d\'Aspet schwere Kopfverletzungen erlitten hatte, denen er kurz darauf erlag, waren Jürgen Emig und ich live auf dem Sender. Wir bekamen auf der Pressetribüne im Ziel mit, da ist einer schwer gestürzt. Dann rissen die Informationsketten ab. Die Verantwortlichen wollten zunächst die Familie am Comer See informieren. Wir hatten natürlich schon befürchtet, was nachher auch eintrat. So schlimm die Umstände auch waren, diese Übertragung wurde zur besten Kooperation mit Jürgen Emig. Das konnte er. Die richtige Diktion finden. Auch mal Pausen setzen.Der große Miguel Indurain, fünffacher Toursieger, reagierte später nicht so taktvoll ...
Watterott: Das ist das Einzige, das ich dem Basken bis heute krumm nehme. Statt einfach, wie einst einmal Eddy Merckx, nur das Gelbe Trikot entgegenzunehmen und es dem toten Kollegen zu widmen, ließ er sich im Ziel feiern, als wäre nichts geschehen. Tempi passati. Lange vorbei.
Aber Ihre persönlichen Karteikarten haben die Zeit überlebt, oder?
Watterott: Es sind bestimmt über tausend mit Namen, Daten und Wissenswertem über die einzelnen Fahrer. Und wenn ich die nicht in Sicherheit gebracht hätte, wären sie von meiner Frau sicherlich längst entsorgt worden. Die sind noch alle da. Bis auf 35 Karten über Erik Zabel. Als er 2009 zum Abschied sein erstes und einziges Sechstagerennen in Berlin fuhr, wo ich 15 Jahre lang Hallensprecher war, habe ich sie ihm in einer Zigarrenkiste geschenkt. Wir waren beide den Tränen nah.
Diese Karten schienen ja überhaupt sehr begehrt gewesen zu sein?
Watterott: Der Karteikasten stand am Reporterplatz immer in meiner Nähe. Ich konnte meine Karten immer schneller herausziehen als entsprechende Informationen aus dem Computer. Mein Motto war immer: "Wer am besten vorbereitet ist, kann auch am besten improvisieren." Mein Kollege Jürgen Emig sah das etwas lockerer. Für ihn war auf Sendung einfach mein Archiv auch sein Archiv. Bis es zum Bruch kam. Bei Mailand-San Remo war er noch am Swimming- Pool, als ich schon auf der Tribüne saß. Als er kurz vor Übertragungsbeginn mit Kugelschreiber, Sonnenbrille und der "Gazzetta dello Sport" unterm Arm eintraf, kam wieder der Satz "Wieso steht mein Archiv da hinten links bei dir?" Da habe ich ihm richtig die Meinung gesagt, "auch wenn wir nie mehr zusammen kommentieren." So kam es dann auch.
Da lief die Zusammenarbeit mit dem neuen Partner vom Hessischen Rundfunk besser ...
Watterott: Ich war wahnsinnig froh, dass ich mit Florian Naß zusammenkam, nachdem sich einige Herren bei der ARD selbst entsorgt hatten. Er hat die gleiche Mentalität wie ich, bereitet sich ebenso akribisch vor.
Sie kauften während der Tour jeden Morgen die Fachzeitschrift "L'Equipe". Warum gleich zwei oder gar drei Exemplare?
Watterott: Zum Ausschneiden und Aufkleben als Vorbereitung. Und machmal steht halt auch was Interessantes auf der Rückseite. Da habe ich nie etwas dem Zufall überlassen und war auch fast immer als Erster am Kiosk.
Und dennoch haben Sie einmal eine komplette Zielankunft verpasst ...
Watterott: Ich muss vorausschicken: Bei einer schweren Alpenetappe 1971 hatte der Spanier Luis Ocana achteinhalb Minuten Vorsprung auf Favorit Eddy Merckx herausgefahren und ihm das Gelbe Trikot abgejagt. Dann war Ruhetag. Mein Kollege Günther Isenbügel, Anhänger des Feudalsystems, hatte uns im Grand Hotel Beauvau auf der Prachtstraße Cannebière einquartiert. Als wir uns auf den Weg zum Ziel im alten Hafen machten, rief uns der Portier zu: "Sie sind schon da. Sieger Luciano Armani vor Eddy Merckx und Lucien Aimar". Ich dachte, ich bin im falschen Film. Wir liefen im Schweinsgalopp los. Die Zuschauer waren weg, die Fernseh- und Radiotribüne abgebaut, die Rennfahrer zur Massage in ihren Hotels. Nur ein blaues Auto des Saarländischen Rundfunks stand noch da. Die Profis waren aufgrund des Höllenritts vom Merckx-Team Molteni neunzig Minuten früher als erwartet in Marseille angekommen. Zum Glück hatte unser Techniker die gute Idee gehabt, sein Tonband anzuschmeißen, als die Fahrer zum Endspurt antraten. Da ohnehin nur eine Zusammenfassung angekündigt war, ließ sich Kollegen Isenbügel die Ergebnisse bringen und kommentierte die Zielankunft, als wären wir dabei gewesen. Sowas hieß in der Fachsprache "Radio Atatürk", eine getürkte Reportage also. In der heutigen Zeit unmöglich.Apropos alten Zeiten. Sie haben auch die Geburtsstunde der Fußball-Bundesliga im August 1963 im Stadion miterlebt ...
Watterott: Ich war in Bremen für die Sportschau zum Spiel von Werder gegen den damals amtierenden Meister Borussia Dortmund. Nach 55 Sekunden fiel das erste Tor der Bundesligageschichte. Erzielt vom Dortmunder Friedhelm Konietzka. Doch davon gibt es weder ein Foto noch bewegte Bilder. Alle Fotografen hatten sich hinter das Tor von BVB-Schlussmann Heinz Kwiatkowski gesetzt. Und wir hatten es auch nicht drauf. Denn Helmut Poppen, der Reporter von Radio Bremen, hatte sich verquatscht und leicht verspätet. Und sein Kameramann begann erst zu drehen, als er den ausdrücklichen Auftrag dazu erhielt.
Sie sind nicht nur eine Radsport-Legende der ARD, die gehörten auch beim Eishockey zum Inventar. Erzählen Sie Ihre ganz persönlich kurioseste Geschichte?
Watterott: Es war das Spiel Russland - Österreich bei Olympia 1994 in Lillehammer. Wenn du 25 Jahre unterwegs warst und die Russen immer in Rot mit "CCCP" auf der Brust spielten, dann sind die in den roten Trikots die Russen. Ich beginne die Reportage, nenne die wichtigsten Namen und plötzlich ein Tor für die Weißen. Ich spreche von einer Sensation. Der krasse Außenseiter führt. Nächster Angriff: 2:0! Als dann das 3:0 fiel, konnten mich die Kollegen endlich stoppen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich bei den Zuschauern zu entschuldigen und ihnen zu sagen: Es ist mir zwar noch nie passiert, aber ich habe einfach die Mannschaften verwechselt. Russland - in Weiß - besiegte die in Rot gekleideten Österreicher 7:1.







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