Statt wie beispielsweise seine ehemaligen Nebenleute aus der U 16-Nationalmannschaft, Matthias Sammer, der beim VfB Stuttgart anheuerte, oder Rico Steinmann, den es zum 1. FC Köln zog, landete "Ed", wie ihn seine Freunde nennen, im Siegerland, später noch bei Eintracht Haiger und dem FC 80 Herborn. Weit ab von den Fleischtöpfen des "goldenen Westens", die aus so manchem talentierten Ost-Kicker einen wohlhabenden Nationalspieler machten.
Herr Ettrichrätz, Sie haben für Rot-Weiß Erfurt in der DDR-Oberliga gespielt. Warum sind Sie im Westen nie in der ersten oder zweiten Bundesliga aufgetaucht?
Dirk Ettrichrätz: Das hatte zwei Gründe. Zum einen war ich für die ganz große Karriere nicht schnell genug. Hätte ich besser sprinten können, hätte ich wahrscheinlich auch mehr erreicht. Zum anderen war es wohl ein Fehler, gleich nach der Wende in den Westen und dann auch noch in die vierte Liga, die für mich eindeutig zu niedrig war, zu gehen. Vielleicht hätte ich, statt mich den Sportfreunden Siegen anzuschließen, im Osten noch das eine oder andere Jahr dranhängen und mich so empfehlen sollen. Denn begehrt waren wir Spieler aus dem Osten allemal.
Ihre Eltern waren in der DDR begeisterte Pferdesportler. Warum sind Sie Fußballer und nicht Reiter geworden?
Ettrichrätz: Für mich gab es schon immer nur Fußball, zudem hatte ich immer vor Pferden großen Respekt, denn sie sind ja nicht gerade klein. Ich war ein typischer Straßenfußballer und habe wie viele Jungs in der DDR davon geträumt, mal groß rauszukommen und dadurch vielleicht Privilegien genießen zu können, die anderen Menschen in unserer Republik nicht vergönnt waren.
Und? Hat es denn funktioniert mit den Privilegien?
Ettrichrätz: Ja. Schon als 13-Jähriger durfte ich bei uns in Erfurt auf die Kinder- und Jugendsportschule gehen. Das war ein Internat, in dem für mich der Fußball im Vordergrund stand. Wir haben meistens zweimal pro Tag trainiert, dazwischen die Schule erledigt. Das war schon eine ganz tolle Ausbildung, die ich dort genießen durfte. Auf dieser Kinder- und Jugendsportschule waren nicht nur Fußballer, sondern auch Schwimmer, Leichtathleten, Radsportler und Eisschnellläufer, von denen später einige Weltmeister und Olympiasieger wurden. Zudem hatten wir Hochleistungssportler die Möglichkeit, schneller an ein Auto oder an eine Wohnung zu kommen als üblich. Unter dem Strich: Meine Zeit bei Rot-Weiß Erfurt war richtig toll, ich möchte sie nicht missen, mir fehlte es an nichts.Sie waren DDR-Jugendnationalspieler, haben es an der Seite von Rico Steinmann, Matthias Sammer und Dirk Schuster aber nur auf zwei Einsätze gebracht ...
Ettrichrätz: Ja, leider. Unser Trainer Frank Engel, der später lange Jahre Assistent von Jörg Berger war, lud mich zu zwei Länderspielen gegen die Tschechoslowakei ein. Eines haben wir 1:2 verloren, das andere ging 1:1 aus. Leider konnte ich wohl die Herren Nationaltrainer nicht voll überzeugen. So blieb es bei zwei Länderspieleinsätzen.
Können Sie sich noch an Ihr Oberliga-Debüt für Rot-Weiß Erfurt erinnern?
Ettrichrätz: Aber natürlich, ein solches Ereignis vergisst man nicht. Ich war gerade 20 und damals Vorstopper. Wir spielten beim FC Karl-Marx-Stadt. Meine Aufgabe war es, Steffen Heidrich (später Spieler beim Chemnitzer FC, dem VfB Leipzig und Dynamo Dresen sowie Manager von Energie Cottbus, Anm. d. Red.) zu bewachen. Er war ein Klassemann, wir haben 1:1 gespielt und nach der Partie war ich total ausgepumpt. Da wusste ich, was es heißt, Profi zu sein.
Wie haben Sie die Wende erlebt?
Ettrichrätz: Eigentlich relativ unaufgeregt vor dem Fernseher. Wir hatten ja immer Training und konnten nicht weg. Später haben meine Kumpels und ich uns in mein Auto gesetzt und sind mal nach Kassel gefahren, um uns den Westen anzusehen.
Wie hat es Sie nach der Wende zu den Sportfreunden Siegen verschlagen?
Ettrichrätz: Ich spielte Ende 1989 kurzzeitig für den DDR-Zweitligisten Union Mühlhausen. Meine damaligen Mitspieler Peter Zelsmann und Jürgen Gallerach, der mein bester Freund war und leider früh verstorben ist, gingen beide nach Siegen und haben mich überredet, mit ihnen zu kommen. Das war vielleicht ein Fehler, denn Rüdiger Schnuphase (damals Trainer in Erfurt, Anm. d. Red.) wollte mich aus Siegen nach Thüringen zurückholen, ich habe dies aber nicht getan. Thomas Linke hat das damals cleverer gemacht. Er ist erst noch in Erfurt geblieben, hat durch starke Leistungen auf sich aufmerksam gemacht und dann bei Schalke 04 und Bayern München eine ganz große Karriere hingelegt.
Immerhin hatten Sie bei den Sportfreunden Siegen, mit denen Sie den Klassenerhalt in der Verbandsliga geschafft haben, das ehrgeizige Ziel, noch mal zu einem höherklassigen Club zu wechseln ...
Ettrichrätz: Ich habe schnell gemerkt, dass die Verbandsliga zu niedrig für mich war. Können Sie sich zum Beispiel vorstellen, wie ich als ehemaliger DDR-Leistungssportler geschaut habe, als irgendjemand nach unserem ersten Spiel in Siegen eine Kiste Bier in die Kabine brachte. Die unterschiedlichen Bedingungen waren einfach zu krass. Nach eineinhalb Jahren bei den Sportfreunden wechselte ich dann zum VfB Wissen in die Oberliga Rheinland-Pfalz. Dort habe ich eine sehr schöne Zeit unter Trainer Elmar Müller gehabt. Dort wurde ich in die Rheinland-Auswahl berufen und erinnere mich sehr gut noch an ein Match gegen Bayern München mit Lothar Matthäus, Thomas Helmer, Jorginho und anderen. Anschließend spielte ich noch mal für die Sportfreunde, dann für Eintracht Haiger, den VfL Hamm und den FC 80 Herborn. Leider fingen dort, durch die ständige Doppelbelastung von Beruf und intensivem Sport, meine muskulären Probleme an und ich musste mit 33 Jahren meinen geliebten Fußball viel zu früh aufgeben.Das klingt alles ein wenig ernüchternd ...
Ettrichrätz: Nein, denn gerade im Dillkreis habe ich tolle Menschen kennengelernt. Meinem Engagement bei Eintracht Haiger habe ich es beispielsweise zu verdanken, dass ich beruflich Fuß fassen konnte. Auch 15 Jahre nach meinem letzten Kick auf dem Haarwasen arbeite ich noch immer bei Cloos-Schweißtechnik und fühle mich dort sehr wohl. Heute halte ich mich mit Joggen, Radfahren und Tennis fit, da ich meine geliebten Fußballschuhe an den berühmten Nagel gehängt habe.














