Ende 1995 kam der gebürtige Litauer zur damaligen HSG Dutenhofen/Münchholzhausen. Und fühlte sich von Beginn an pudelwohl. Auf Linksaußen war er neuneinhalb Jahre lang "Mr. Zuverlässig". Beeindruckend seine Schnelligkeit. Gemeinsam mit Linkshänder Björn Monnberg bildete der heute 42-Jährige die vermutlich beste Flügelzange, die die HSG je besaß. Heute hat Kestawitz, der mit seiner Lebensgefährtin Pia in Dutenhofen wohnt und vor vier Wochen erstmals Vater wurde, mit Handball weniger zu tun als früher. Die Prioritäten haben sich verschoben. Schon während seiner Karriere hat er sich ein zweites berufliches Standbein aufgebaut. Mittlerweile arbeitet er als Controller bei der Fresenius Medical Care GmbH in Bad Homburg.
Arvydas Kestawitz, Sie waren fester Bestandteil in den ersten sieben Bundesligajahren der HSG Dutenhofen/Münchholzhausen. Ihr Einstand in Mittelhessen begann aber mit einem blauen Auge
Arvydas Kestawitz: Das stimmt. Bevor ich im Dezember 1995 zur HSG kam, war ich noch im Probetraining beim TV Eitra. Dort habe ich kurz vor dem Ende einen Schlag ins Gesicht bekommen, so dass ich in Dutenhofen ankam und ein dickes Veilchen unter dem Auge hatte.
Der Beginn war unglücklich, Ihre Zeit im grün-weißen Trikot aber höchst erfolgreich: Aufstieg in die Bundesliga, zweimalige Teilnahme am Final Four in Hamburg, Europapokalfinale, jeweils der geglückte Klassenerhalt und dazu etliche überraschende Siege gegen die großen Clubs der ersten Liga. Was hat die Mannschaft damals so stark gemacht?
Kestawitz: Wir waren eine homogene Truppe. Es hat alles gepasst. Über die Jahre hatte sich ein Kern gebildet, um den herum dann das Team immer wieder verstärkt wurde. Es war ein stetiger und kontinuierlicher Prozess. Und Kontinuität zahlt sich immer aus. Ich habe mich von Anfang an voll mit dem Verein identifizieren können, mit dem, was die Mannschaft ausgezeichnet hatte. Mit Velimir Petkovic hatten wir außerdem auch einen klasse Trainer, der zu der Mannschaft und zum Umfeld sehr gut gepasst hat.
Und mit Ihnen und Björn Monnberg eine richtig gute Flügelzange
Kestawitz: Das war unser Konzept. Eine gute Abwehr und dann schnelle und leichte Tore über den Gegenstoß. Ich denke, als Flügelzange waren wir sehr erfolgreich, und mit Björn zusammen zu spielen, hat sowieso Spaß gemacht. Er war ein sehr guter Rechtsaußen. Leider haben wir nicht mehr so viel Kontakt. Ab und zu telefonieren wir noch miteinander. Aber das ist insgesamt schwierig. Es gibt nur wenige meiner ehemaligen Mitspieler, mit denen ich regelmäßig spreche. Über Sie wurde einmal folgendes geschrieben: "Unauffällig, aber ungemein zweckmäßig und mannschaftsdienlich." Können Sie mit der Beschreibung leben?
Kestawitz: Mein Bemühen war es immer, mannschaftsdienlich zu spielen. So bin ich erzogen worden. Handball funktioniert nur als Teamsport. Personen, die ihre Eigeninteressen in den Vordergrund stellen wollen, sind fehl am Platze. Manchmal muss man sich auch mal zurücknehmen. Dann muss man akzeptieren, dass es bei einem anderen besser läuft, und sich hinten anstellen.
Sie haben erst mit 16 Jahren angefangen, Handball zu spielen. Wie haben Sie diese Leistungsentwicklung hinbekommen?
Kestawitz: Ich habe schon immer Sport gemacht, unter anderem Leichtathletik. Ich kam mit 16 Jahren aufs Sport-Internat nach Siauliai. Für Basketball, die Sportart Nummer eins in Litauen, war ich zu klein. Ich habe mich dann für Handball entschieden. Wir hatten jeden Tag zweimal Training, dazu am Wochenende Spiele. Durch diesen enormen Aufwand habe ich mich schnell verbessert. Nach der Wende kam ich nach Norddeutschland. Über Verwandte in Oldenburg hatte ich Kontakte zum damaligen Zweitligisten SG/VTB Varel/Altjührden bekommen. Nach zwei Jahren bin ich zum HC Bad Salzuflen gegangen, ehe ich in Dutenhofen gelandet bin.
Wo Sie bis 2005 gespielt haben. Die ersten Auftritte in der Rittal-Arena haben Sie also noch mitgemacht. Ist die HSG von heute noch die gleiche wie zu Ihrer aktiven Zeit?
Kestawitz: Es ist ein anderer Verein. Der Schritt, nach Wetzlar zu gehen, war aber richtig. Durch die Professionalität verliert man allerdings die enge Bindung zu den Zuschauern, wie das vielleicht noch bei uns der Fall war. Dass das anonymer wird, war klar. Aber der Weg der HSG war vernünftig. Nur so war ein Überleben in der Bundesliga möglich.
Sie sind ab und zu bei Heimspielen vor Ort. Wie bewerten Sie die Entwicklung des Teams?
Kestawitz: Es kommen mehr Zuschauer, das ist sicherlich sehr positiv. Die Spiele sind mehr und mehr Events, und die HSG ist ein Werbeträger der Stadt geworden. Das Management macht gute Arbeit. Aber die Mannschaft hat sicherlich noch Steigerungspotenzial.
Sie haben schon während Ihrer Karriere beruflich vorgebaut. So viel Weitblick beweisen bei weitem nicht alle Handballprofis
Kestawitz: Man muss doch nur eins und eins zusammenzählen. Das Gehalt eines Handballers reicht für die Zeit nach der Karriere nicht aus. Mir war klar, dass ich irgendwann für mein Leben anders sorgen muss. Ich habe dann bei der Licher-Brauerei eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht, danach eine Weiterbildung zum staatlich geprüften Betriebswirt. Zum Ende meiner Karriere stand meine berufliche Entwicklung im Vordergrund. Handball und meine Arbeit ließen sich nicht mehr vereinbaren. Ich bin nun schon seit sieben Jahren bei der Fresenius Medical Care GmbH in Bad Homburg tätig und arbeite als Gruppenleiter im Controlling.
Und was ist mit Handball? Sehen wir Sie irgendwann einmal als Trainer wieder?
Kestawitz: Im Moment ist das zeitlich nicht machbar. Ich bin gut eingebunden, sowohl beruflich als auch privat. Seit vier Wochen bin ich Vater eines Sohnes. Vom aktiven Handball habe ich derzeit ein wenig Abstand genommen. Ich gehe ab und zu ins Fitnessstudio und spiele mit den Alten Herren in Dutenhofen Fußball. Vielleicht werde ich mal einen Job als Trainer annehmen, vielleicht steige ich aber auch ins Management ein. Man weiß ja nie. Die Zukunft wirds zeigen.








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