Axel Schmidt, seit vier Jahren Simons Bereiter, probiert sich gerade mit Ukinda, dem derzeit besten Exemplar im Stall des Wahl-Österreichers, an Steilsprüngen und Oxern. Margit Herzau, als Mädchen für alles quasi schon ewig auf dem stattlichen Anwesen in der Pfalz an der Seite des Olympia-Zweiten von 1992, hilft beim Wiederauflegen der Hindernisse. Und Hugo Simon, der als Dreijähriger aus dem tschechischen Krummwasser nach Heuchelheim bei Gießen kam und dort bis 1966 blieb, findet zwischen Tipps und Ratschlägen genug Zeit, Geschichten aus seinem bewegten Leben zu erzählen.
Herr Simon, ist es ein komisches Gefühl für Sie, hier in Ihrer Halle zu stehen und wegen der Verletzung am Daumen zum Zuschauen verurteilt zu sein?
Hugo Simon: Nicht wirklich. Denn ich reite nicht mehr so viel, sondern gehe oft ins Büro oder fahre zu meinen Immobilien. Damit verdiene ich seit 40 Jahren gemeinsam mit meinem Geschäftspartner Michael Ritter das Geld. Reiten ist mein Hobby, meine Leidenschaft. Aber zurück zu Ukinda: Es ist interessant, mal von hier unten zu sehen, wie sie über die Hindernisse geht. Wobei ich Axel Schmidt vertraue, der hat ja nicht umsonst das goldene Reitabzeichen bekommen. Eines ist aber allen hier klar: Bei mir wird nie gesprungen, wenn ich nicht dabei bin.
Mit Ukinda sind Sie kurz vor Weihnachten beim Festhallenturnier in Frankfurt an den Start gegangen. Waren Sie zufrieden?
Simon: Es lief nicht ganz so gut. Doppelt schade, denn Frankfurt ist ein wichtiges Turnier für mich. Ukinda war im letzten Jahr längere Zeit wegen Verspannungen außer Gefecht gesetzt. Und wenn ich wie in der Festhalle merke, dass ich mit einem VW gegen viele Ferraris antreten muss, dann wird es peinlich. Denn ich gehe nicht nur in den Parcours, um teilzunehmen, sondern ich will gewinnen. Aber sie ist zurzeit mein einziges Pferd für die international schwere Tour. Zu viele Starts gehen wiederum auf die Substanz, das ist bei den Menschen doch auch so. Deshalb konzentriere ich mich auf die dicken Prüfungen. Ich hätte gerne ein weiteres Pferd dieser Klasse, aber die Preise steigen vor Olympia in London gerade ins Unermessliche. Also fehlt mir momentan ein wenig der Untersatz.
Da gibt es aber doch noch C.T., von dem die Experten viel halten ...
Simon: C.T. ist mein bestes Nachwuchspferd, muss sich aber noch weiterentwickeln mit seinen acht Jahren. Er ist ein Siegertyp in seiner Liga und es macht mir unheimlich viel Spaß, auf ihm zu sitzen und mit ihm zu gewinnen. Er ist ein Fuchs, klein und Sportler durch und durch. Er erinnert mich stark an E.T., weil er den gleichen Charakter und das gleiche Aussehen hat. Ach, ja, E.T., das nach wie vor gewinnträchtigste Springpferd aller Zeiten, das Sie nach dem Ende seiner Karriere Ihrer Pferdepflegerin geschenkt haben. Wo steht der denn?
Simon: Er ist jetzt 25 und steht oben auf meiner Koppel, gemeinsam mit dem 28-jährigen Apricot. Den beiden geht es gut, sie werden jeden Tag betüttelt und wie Millionäre behandelt. Wobei ich immer sage, dass die beiden ja auch schon früh in die Rente einbezahlt haben.
Apropos Rente, Hugo Simon scheint auch mit 69 Jahren noch nicht ans Aufhören zu denken. Wie halten Sie sich fit?
Simon: Ich habe gar keine Zeit, krank zu werden. Ich gehe jeden Morgen 15 Minuten Schwimmen. Auch der lädierte Daumen bedeutet für mich keinen Stillstand, außer dass ich jetzt nicht mit meinen Kindern Skifahren kann. Bei mir wird alles im Laufschritt erledigt. Und ein Motto gilt immer: Keiner auf meinem Hof muss mehr arbeiten als ich. Natürlich hat mir der liebe Gott etwas geschenkt: eine gute Gesundheit. Denn man muss im Sattel immer elastisch sein. Und wenn ich merke, dass ich dort oben auf dem Pferd unsicher werde, höre ich sofort auf. Aber jetzt freue ich mich erst mal auf das, was ansteht. Mein erster Start 2012 ist in Villach geplant, zu den Österreichern habe ich nach wie vor eine sehr gute Verbindung.
Womit wir bei einem wichtigen Punkt in Ihrem Leben wären. Wie war das 1972 kurz vor Olympia in München mit dem Wechsel aus dem deutschen ins österreichische Lager?
Simon: Ach, das ist doch schon so lange her. Mein Pferd My Fair Lady und ich waren damals das erfolgreichste deutsche Paar. Das NOK wollte mir auch als Ersatzreiter einen Olympia-Pass geben, aber nur unter der Voraussetzung, dass ich mein Pferd einem anderen, erfahreneren Kollegen leihen kann. Ich wollte aber selbst in München reiten. Also bin ich nach Wien gefahren, habe als gebürtiger Tscheche sehr schnell einen österreichischen Pass bekommen und wurde dann Olympia-Vierter. Die Leute in Österreich nennen mich bis heute "Hugo Nazionale". Das ehrt mich, das haben nicht mal Franz Klammer oder Toni Innauer geschafft. Höchstens Toni Sailer. Durch mich ist mit dem Reitsport dort ein ganzer Industriezweig mit 60 000 neuen Arbeitsplätzen entstanden. Das ist eine tolle Geschichte.
Waren Sie eigentlich mal wieder in Ihrem Geburtsort Krummwasser, dem heutigen Krivá Voda, und wie oft sind Sie noch in Heuchelheim?
Simon: Sie werden es nicht glauben, letztes Jahr war ich das erste Mal seit der Umsiedelung wieder in Krummwasser. Ich habe tatsächlich auch mein Elternhaus mit der alten Scheune gefunden. Ansonsten war es dort eher enttäuschend, ein Dorf wie ausgestorben. Mit Heuchelheim verbindet mich die Erinnerung an meine Kindheit. Dass ich erst Angst hatte zu reiten und sich mein Vater als Pferdehändler schließlich doch durchgesetzt hat. Dass ich gemeinsam mit Neckermanns und Prachts geübt habe. Dass ich mit dem Fahrrad von Wetzlar nach Herborn zum Reittraining gefahren bin, das würde heute kein Mensch mehr machen. Und in Heuchelheim wohnt nach wie vor mein Neffe, der dort das Haus meiner Eltern geerbt hat. Wir sehen uns regelmäßig und ich helfe, wo ich kann. Obwohl ich in der Pfalz lebe und für Österreich starte, weiß ich eines: Ich bin in Hessen groß geworden und bleibe immer ein Hesse.Wie ist der Weltmann Hugo Simon in all den Jahren mit seiner Popularität klargekommen?
Simon: Sie meinen den Druck? Der war und ist für mich da, wenn ich merke, dass ich mit dem Pferd, das ich gerade reite, nicht die Leistung bringen kann. Das ist aber das, was die Leute von mir sehen wollen und was ich will. Denn ich bin ein volksnaher Typ, der Hugo eben. Wenn ich im Sattel sitze, geht´s los. Diesen gesunden Ehrgeiz braucht doch jeder Sportler. Ich bin ein Kämpfer, ganz einfach.
In diesem Jahr werden Sie 70 Jahre alt. Wie wird gefeiert?
Simon: Auf keinen Fall mehr so wie bei meinem 60. Geburtstag. Da waren 560 Gäste bei mir in Weisenheim auf dem Hof, und einige haben sich doch tatsächlich beschwert, dass ich mich nicht um sie gekümmert habe. Aber man lernt ja. Zu meinem 65. bin ich mit zwei Freunden in die Rocky Mountains geflogen, wir haben uns zwei Indianer als Scouts engagiert und sind die alte Strecke von Kanada nach Kalifornien geritten. Das war der schönste Urlaub, den ich je gemacht habe.
Na, dann fragen wir mal so rum: Was wünschen Sie sich zum 70.?
Simon: Olympia werde ich mir als Zuschauer vor Ort anschauen. Championate und diese Quälerei von Mittwoch bis Sonntag auf Turnieren sind nicht mehr mein Ding. Ich wünsche mir, dass ich noch so lange es geht mit Pferden zu tun habe und mein Publikum begeistern kann.








Kommentare (0)





