"Das ist mein großes Hobby", sagt der inzwischen 74-jährige Rentner aus Aßlar. Mit seiner Frau Edith genießt der frühere Logistikbereichsleiter der Firma Loh in Wetzlar seinen Ruhestand und besucht mehrmals im Jahr Sohn Jörg, der in Kirchbichl bei Kufstein in den Tiroler Bergen lebt. Und nicht nur dort wird gewandert, sondern auch alljährlich für ein verlängertes Wochenende mit einigen Mitstreitern aus der "Oldie"-Gruppe des TV Wetzlar, deren Übungsleiter der Hobbyfotograf schon seit 45 Jahren ist. Jeden Mittwoch wird gemeinsam gesportelt.
Herr Manche, freuen Sie sich schon, wenn die Gartensaison wieder beginnt?
Detlef Manche: Natürlich. Ich warte schon und überlege, was es dann alles zu tun gibt. Bis dahin aber genieße ich den Blick ins Grüne und auf den Teich gerne bei einem guten Gläschen Rotwein, wenn ich mit meiner Frau hier im Wintergarten sitze. Das ist unser Lieblingsplatz.
Und wenn Sie sich umdrehen, blicken Sie direkt auf Ihren größten sportlichen Erfolg
Manche: Ja, da hängt die Urkunde von der Deutschen Meisterschaft, die ich 1958 zusammen mit Rolf Reebs und Hans-Wilhelm Wolff in Ludwigsburg errungen habe. Das war der absolute Höhepunkt meiner Karriere. Sehr viele Zuschauer haben uns damals angefeuert, was sonst nicht so der Fall war. Den Fünfkampf gibt es in dieser Form heute nicht mehr. Alles fand an einem Tag statt. Mit den 200 Metern ging es los. Das war meine Stärke, da konnte ich vorlegen. Es folgten Weitsprung, Speerwerfen, Diskuswurf und dann die mörderischen 1500 Meter. Für Wetzlar war es der erste nationale Titel nach dem Krieg. Wir sind anschließend überall geehrt worden. Und zu Weihnachten gab es sogar noch ein Paket von Adidas mit einer Karte, die Firmengründer Adi Dassler höchstpersönlich unterschrieben hatte. Darin waren ein Trainingsanzug, ein Paar Turnschuhe, zwei paar Spikes, ein Stollen, ein Schinken und Süßigkeiten.
Sie haben damals zu den Leichtathletik-Pionieren gehört, wie sind Sie zu den Wettkämpfen gekommen?
Manche: Zu den Deutschen mit dem Zug. Ansonsten haben wir oft das Fahrrad genommen. Mit meinem Freund Rainer Schumann, durch den ich auch zur Leichtathletik gekommen bin, bin ich zum Beispiel nach Bad Kreuznach zum Tag der Meister geradelt. Da waren wir eine Woche unterwegs. Übernachtet haben wir in Jugendherbergen. Spikes und Tornister hatten wir auf den Gepäckträger geschnallt. Meiner ist dann auch noch gebrochen und ich musste alles auf dem Buckel schleppen.Wann haben Sie mit der Leichtathletik begonnen?
Manche: Mit 16. Wir sind damals noch auf Aschenbahnen gelaufen und die Zeiten wurden handgestoppt. Gegenüber den heutigen Kunststoffbahnen mit elektronischer Zeitmessung hatten wir da natürlich einen großen Nachteil. Manchmal mussten wir sogar die Anlagen selbst herrichten. Wenn der Platzwart nicht konnte, haben wir die Aschebahn mit einem Kreidewagen markiert. Startblöcke gab es auch noch keine. Jeder Läufer hatte ein kleines Schippchen dabei und musste seine Startlöcher selbst buddeln. Bei trockenem Wetter war das nicht so einfach, da die Asche nach jedem Start wieder zusammenbrach. Dann haben wir wieder von vorne angefangen. Als Trainer Sepp Christmann als Sportamtsleiter nach Wetzlar kam, hat er uns die Leichtathletik richtig beigebracht. Wir wurden immer erfolgreicher. Er war unser großes Glück.
An welche Rennen erinnern Sie sich besonders gerne?
Manche: 1957 habe ich den schwedischen Sprintermeister über 100 und 200 Meter, Björn Malmroos, über 100 Meter geschlagen, und ein Jahr später über 400 Meter den deutschen Hochschulmeister, Ralph Seidel aus Darmstadt. 1958 war mein bestes Jahr.
Sie sind die 100 Meter in 10,6 Sekunden gelaufen. Haben Sie denn nicht von einer internationalen Karriere und von Olympischen Spielen geträumt?
Manche: Ich hatte zwar schnelle Füße, aber damit habe ich nie geliebäugelt. Bei Olympia war ich 1960 in Rom als Zuschauer mit der Hessischen Sportjugend. Das war ein großes Erlebnis. Mir hat immer das gereicht, was ich hatte. Alles andere war eine Klasse über mir. Da hätte ich zu einem der großen Vereine, wie Bayer Leverkusen, 1860 München oder dem ASV Köln wechseln müssen. Aber das hat sich nie ergeben. So bin ich dem TV Wetzlar immer treu geblieben.
Wenn Sie die heutigen Sprinter sehen, Usain Bolt zum Beispiel, was denken da?
Manche: Bolt ist ein Fall für sich. Das kann man überhaupt nicht vergleichen. Aber wenn wir damals die Voraussetzungen von heute gehabt hätten, wären wir bestimmt noch besser gewesen. Heutzutage werden die Sportler auf Händen getragen. Jeder hat seinen eigenen Therapeuten. An so etwas hat früher keiner gedacht. Wir hatten nur den Sport. Nach dem Krieg gab es nichts anderes. Wir hatten keine Disco und keinen Computer. Wir sind zur Schule, haben gegessen, Hausaufgaben gemacht und uns dann im Stadion getroffen. Dort war unser zweites Zuhause. Sport war unser Leben. und ist heute auch noch fester Bestandteil Ihres Lebens
Manche: Ich habe großes Glück und keine gesundheitlichen Probleme. Mit den Oldies treffen wir uns jeden Mittwoch. Erst machen wir Gymnastik, dann spielen wir Basketball oder Volleyball. Und da gehts zur Sache. Bis vor ein paar Jahren habe ich noch Skilanglauf gemacht und bin viel mit dem Rad gefahren. Außerdem bin ich lizenzierter Sportabzeichenprüfer und deshalb auch mindestens einmal im Monat im Wetzlarer Stadion.
Haben Sie noch Kontakt zu Ihren ehemaligen Fünfkampf-Mitstreitern?
Manche: Im vergangenen Jahr haben Hilmar Schwesig und ich ein Treffen der Wetzlarer Leichtathleten der 50er Jahre organisiert. Fast alle sind gekommen. Meine Fünfkampf-Mitstreiter Hans-Wilhelm Wolff und Rolf Reebs sowie unser Ersatzmann Rainer Schumann waren auch dabei. Viele Erinnerungen kamen auf. Es war damals zwar eine arme, aber sehr schöne Zeit, die ich niemals missen möchte, denn sie hat mein Leben geprägt. Ich habe kämpfen gelernt, ich habe verlieren gelernt und nicht zuletzt auch siegen gelernt.








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