
Am Dienstag steht sie vor dem Glaskäfig und betrachtet ihren Tiger erstmals. Zahlreiche Journalisten und Fernsehteams sind gekommen. Denn auch wenn Ariane Friedrich derzeit keinen Wettkampf absolvieren kann, sie ist nach wie vor das Zugpferd der deutschen Leichtathletik. Im Dezember des vergangenen Jahres riss bei der Halleneuropameisterin und WM-Dritten (beides im Jahr 2009) während des Trainings die Achillessehne am linken Fuß. Mittlerweile ist die deutsche Rekordhalterin (2,06 Meter) wieder im Training. Neun bis zehn Einheiten absolviert sie in der Woche. Erste kleine Sprünge hat sie bereits gemacht.

"Mir geht es wieder wunderbar gut", sagt Friedrich. "Die Zeit seit der Verletzung ist sehr gut genutzt worden", ergänzt Günter Eisinger, der minutiös darauf achtet, dass sich sein Schützling nicht übernimmt. Was gar nicht so einfach ist. "Ich bin so ungeduldig", verrät Friedrich. Vor allem, weil sie sieht, dass das Niveau im internationalen Hochsprung derzeit nicht besonders hoch ist. Ihre Dauerkonkurrentin Blanka Vlasic aus Kroatien übersprang am vergangenen Wochenende beim traditionellen Meeting in Eberstadt nur 1,99 Meter. Eine Höhe, die Friedrich seit ihrer Leistungsexplosion 2008 über 30 Mal bewältigt hat. Doch sie muss abwarten. Dem großen Ziel Olympia 2012 wird alles untergeordnet. "Ariane wird in diesem Jahr keinen Wettkampf mehr absolvieren", erklärt Eisinger.
Wegen ihrer Verletzung fehlt die 27-Jährige bei der WM in Daegu
Der deutschen Leichtathletik fehlt bei der WM Ende August im südkoranischen Daegu damit einer ihrer wenigen Stars. Friedrich glänzte in den vergangenen Jahren nicht nur mit Leistung, sondern sie ist auch "ein Typ", wie Eisinger sagt. Eine Sportlerin also, die ihre Meinung sagt, die für ungewöhnliche Dinge steht und die auch mal polarisiert. Ariane Friedrich fällt auf. Immer schon. Sie trägt im Wettkampf eine Sonnenbrille, lange Kniestrümpfe und pinke Schuhe. Ihre Haarfarbe wechselt sie in regelmäßigen Abständen. Mit Marketing habe das aber nichts zu tun, versichert Friedrich. "Alle Frauen wechseln die Frisur. Die Sonnenbrille hatte ich auch schon als Jugendliche in Wettkämpfen auf und die Strümpfe trage ich, weil ich gerne warme Waden habe." Einzig die pinken Spikes, die "müssten nicht sein", gibt sie zu. "Aber ich habe ein Faible für diese Farbe."
Für die Polizeikommissarin, die im vergangenen Jahr ihr Diplom abgelegt hat, derzeit aber nicht an ihrem Arbeitsplatz auf dem Revier in Darmstadt anzutreffen ist, ist es wichtig, dass die Leistung stimmt. "Und die habe ich bis zu meiner Verletzung gebracht." So lange sie als Sportlerin auftritt, genießt sie die Öffentlichkeit. Ihr Privatleben schottet sie aber rigoros ab.
2009 vor der Heim-WM in Berlin war der Hype um den deutschen Hochsprung-Star fast zu groß geworden. 400 Medienanfragen hatte Friedrich im Vorfeld. "Das war unheimlich anstrengend", meint sie beim Blick zurück. Undankbar fand sie es, als ihr dritter Platz in der Bundeshauptstadt von einigen als Enttäuschung abgestempelt wurde. "Das war unfair."
Der Karrieredurchbruch gelang der Katzenliebhaberin 2008. Damals steigerte sie ihre Bestleistung von 1,94 Meter auf 2,03 Meter. Aus einer nationalen Spitzenathletin wurde binnen weniger Monate eine Weltklasse-Hochspringerin. Logisch, dass rasch Dopingvorwürfe aufkamen. Doch Friedrich wird nicht müde zu betonen, dass sie niemals gedopt habe. Sie würde das gerne beweisen. "Doch diesen ultimativen Beweis gibt es nicht", klagt das Hochsprung-Ass. Doch ihr Trainer hat Leistungsdaten der vergangenen zehn Jahre gesammelt, die belegen, dass sich Friedrich kontinuierlich gesteigert hat.
Leistungssteigernd wirkte sich zudem ein Kamingespräch mit ihrem Trainer aus. Bis 2006 lebte sie nicht uneingeschränkt für den Sport. "Ich war oft in Discos, auf Partys oder in Bars", gesteht Friedrich. Günter Eisinger setzte seinem talentierten Schützling die Pistole auf die Brust. Entweder sie ändere ihren Lebenswandel oder er lege sein Traineramt nieder. Harte Worte, die fruchteten.
Vor fünf Jahren gab sich Friedrich zudem in sportpsychologische Behandlung. Ihr Therapeut wollte in einer der ersten Sitzungen wissen, in welchem Tier sie sich am ehesten wiederfinden würde. "In einem Tiger", antworte sie damals. Die Verbundenheit zu dem, wie selbst sagt "lässigen, im richtigen Moment aber sprunggewaltigen" Tier war so groß, dass sie sich 2009 einen Tiger auf den Rücken tätowieren ließ. Spätestens seit Dienstagmittag trägt Friedrich den Tiger aber nicht nur auf dem Rücken, sondern auch im Herzen.







Kommentare (0)











