
Herr Siebert, Sie haben lange in Eberbach gewohnt. Was hat Sie nun nach Heidelberg verschlagen?

Jörg Siebert: Das ist ganz einfach. Heidelberg ist eine wunderschöne Stadt, obendrein mit einer guten Autobahnanbindung, und es ist ein paar Grad wärmer hier. In Eberbach habe ich jahrelang gearbeitet. Aber meine Frau und ich waren schon damals, als ich noch Vorstandsvorsitzender der Gelita AG war, drei bis vier Mal in der Woche in Heidelberg, um Freunde und Bekannte zu treffen. Als ich in den Ruhestand gegangen bin, gab es drei Optionen: Wetzlar, wo meine 93-jährige Mutter lebt, die ich nach wie vor regelmäßig besuche. Auch Frankfurt wäre möglich gewesen. Und eben Heidelberg. So haben wir über einen Makler dieses Einfamilienhaus gefunden, es umbauen lassen und genießen nun das Leben hier mit all seinen Vorzügen.
Sie sehen absolut fit aus. Wie stehts mit Ihren eigenen sportlichen Aktivitäten?
Siebert: Als ich mit dem Job aufgehört habe, bin ich 6000 Kilometer im Jahr Rennrad gefahren. Das war mal eine harte Phase. Ich bin mit Freunden die Alpenpässe der Tour de France hoch, Galibier, Mont Ventoux und Alpe dHuez. Dazu gehe ich mit den ehemaligen Ruderkollegen Egbert Hirschfelder, Alois Bierl und Roland Böse einmal im Jahr zum Radfahren nach Mallorca. Momentan habe ich Rückenprobleme, bin beim Physiotherapeuten. Also mache ich zur Zeit sportlich nur Golf. Da ist mein Handicap allerdings wieder etwas schlechter geworden (20, Anm. d. Red.).
Mit dem Rudern haben Sie direkt nach dem Olympiasieg 1968 in Mexiko aufgehört - mit 24 Jahren. Warum?
Siebert: Ich wollte mein Studium intensivieren, meine berufliche Zukunft absichern. Und meine sportliche Ausbeute war ja nicht schlecht: Acht Jahre lang gerudert, dabei zwei Mal Deutscher Meister, Europameister und schließlich Olympiasieger. Einmal mit dem Achter Gold zu holen beim wichtigsten Rennen, das reicht doch, oder?! In Eberbach hatte ich später zwar ein eigenes Boot und habe oberhalb des Ruderclubs gewohnt. Aber die Staubschicht auf dem Skiff wurde mit der Zeit immer dicker. Irgendwann habe ich es verschenkt. Rudern war für mich nicht das zentrale Lebensthema, aber ein ganz toller Abschnitt.
Dabei hätten Sie eigentlich auch ein erfolgreicher Handballer werden können ...
Siebert (lacht): Ach, die alten Zeiten. Wir haben damals als Jugendliche viel ausprobiert. Handball bei der TSG Niedergirmes, sporadisch auch Basketball beim TV Wetzlar. Mein Handball-Präsident war beleidigt, als ich mich voll und ganz aufs Rudern konzentriert habe. Aber ich bin immer noch froh, mich so entschieden zu haben. Wir waren damals tagein, tagaus am Bootshaus, es war toll. Und ich glaube, im Rudern wird man leichter Olympiasieger als im Handball.
Was hat Sie am Rudern fasziniert?
Siebert: Die Situation, dass sie wie ein Zylinder in eine Maschine eingebunden sind und es keinen Kolbenfresser geben darf. Der gemeinsame Wille, bis zum Umfallen zu kämpfen. Die Freude an der Harmonie, gemeinsam möglichst schnell durch das Wasser zu gleiten. Natürlich muss man auch der Typ fürs Rudern sein, denn das Training kann schon eintönig sein. Der Drang zur Perfektion ist wichtig, die Verlässlichkeit. Als Ruderer musst du auch eine gewisse Ruhe ausstrahlen.
In einem Achter darf man sich keine Schwäche erlauben, geschweige denn kurz vor dem Rennen krank werden. Der Druck muss doch enorm groß sein, oder?
Siebert: Der Druck ist groß. Heutzutage einen Mann im Boot kurzfristig zu ersetzen, ist schwer. Obwohl zum Beispiel Bundestrainer Ralf Holtmeyer ein ausgebuffter Hund ist, das Training genau getaktet ist und er weiß, was in den Jungs drinsteckt und wie er das Boot personell optimiert. Wenn ich mich an uns erinnere: Wir hatten 1968 vor und während Olympia mehrere Probleme. Zuerst ist Uli Luhn, von Beruf Baustoffhändler, bei der Arbeit ein schwerer Stein auf die Hand gefallen. Da haben wir alle zusammen entschieden, dass wir ihn ersetzen müssen. Also kam Lutz Ullbricht ins Boot. Dann wurde Roland Böse in der Nacht vor dem Endlauf in Xochimilco krank. Also haben wir am Finaltag morgens um acht Uhr das Boot zu Wasser gelassen und zwei neue Leute getestet. Erst meinen Wetzlarer Freund und Kollegen Johann Färber. Der war enorm ehrgeizig, hat mit seiner unbändigen Kraft aber so reingeknüppelt, dass er unser Boot durcheinandergewirbelt hat. Dann haben wir Niko Ott, den Schlagmann des im Vorlauf ausgeschiedenen Doppel-Vierers, ausprobiert. Mit dem sind wir dann mittags um 12 Uhr Olympiasieger geworden.
Haben Sie sich jetzt die Ruderwettbewerbe bei den Olympischen Spielen in London angesehen?
Siebert: Na klar, um 13.30 Uhr saß ich täglich vor dem Fernseher. Wobei ich sagen muss, dass die Wettbewerbe inflationiert sind. Es gibt inzwischen viel zu viele Bootsgattungen, vollkommen unübersichtlich. Wichtig sind für mich die klassischen Boote. Da hat es auch jetzt beim Zusehen aus der Ferne in mir gekribbelt.
Wie haben Sie das Achter-Finale erlebt?
Siebert: Es war ein unheimlich hartes Rennen. Zwischendurch habe ich gedacht, es steht auf der Kippe. Aber die Jungs haben den Angriff der Briten sauber pariert. Ich habe Schlag für Schlag mitgefiebert und bin danach sofort an meinen Computer und habe mir unser Rennen von 1968 angeschaut. Das war mir sofort wieder präsent, als säße ich gerade im Boot.
Zum Schluss müssen Sie uns noch die Geschichte erzählen, wie Sie und Ihr Achter zum Träger der Olympischen Fahne bei den Spielen 1972 in München geworden sind.
Siebert: Erst einmal fand ich ganz toll, dass Willi Daume (damals Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Anm. d. Red.) alle deutschen Olympiasieger ins olympische Dorf nach München eingeladen hat. Wir durften dort wohnen und den Geist der Spiele noch einmal spüren. Irgendwann vorher kam der Gedanke, dass nicht das Militär, sondern der Deutschland-Achter von 1968 die olympische Fahne mit den fünf Ringen bei der Eröffnungsfeier ins Stadion tragen soll. Also haben wir uns 14 Tage vorher getroffen und geübt, geübt, geübt. Denn wir mussten ja im Gleichschritt zu dieser komplexen Hymne laufen, die Fahne straff halten, dann das Ding noch hissen. Das Gleiche natürlich in umgekehrter Reihenfolge bei der Schlussfeier. Aus dem Achter von 1968 fehlten zwei Leute, deshalb sind Roland Böse und unser Steuermann eingesprungen. Das war übrigens Gunther Thiersch, der heutige "Wetterfrosch" beim ZDF. Der war beim Olympiasieg 1968 gerade mal 14 Jahre alt und ist mit 18 an unserer Seite ins Olympiastadion einmarschiert. 1972, die heiteren Spiele und das Attentat auf die Israelis, auch das sind Erlebnisse, die ich nie vergessen werde. Obwohl ich die sportlichen Wettbewerbe in München nur teilweise erlebt habe. Denn mein damaliger Arbeitgeber hatte mich in dieser Zeit auf einen Lehrgang nach Paris geschickt. Die Freikarten, die ich vorher bekommen habe, wurden unter anderem von meinen Vorgesetzten genutzt. Meine Frau war aber auch in München.







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