"Wir sind ganz weit weg"

HANDBALL Linkshänder genießen die Zeit, die sie früher nicht hatten / Folge 249
"Wir sind ganz weit weg" | Foto: privat

Die beiden Linkshänder, die sich 1992 kennengelernt haben und fünf Jahre später heirateten, haben sich längst losgelöst von ihrem Lieblingssport, der ihnen in den 80er und 90er Jahren soviel gegeben und sie nicht zuletzt zusammengebracht hat. Sandra Mielke-Wolf wurde mit dem TV Lützellinden zwei Mal Deutscher Meister, gewann den DHB-Pokal und spielte im Europacup. Gerd Wolf stieg mit der SG Wallau/Massenheim zwei Mal in die Bundesliga auf und war dann zwischen 1989 und 1996 sieben Jahre lang eine feste Größe beim TSV Dutenhofen und später der HSG Dutenhofen/Münchholzhausen.

"Wir sind ganz weit weg" | Foto: Archiv

?Sie wohnen in Langgöns. In den heimischen Hallen trifft man Sie aber fast nie. Woran liegt das?

Bergtour mit Hund Pablo: Sandra ... | Foto: privat

Gerd Wolf: Wir waren in den letzten fünf Jahren nicht mehr großartig bei Spielen dabei. Wir verfolgen es auch nicht mehr so intensiv. Es klingt vielleicht komisch, aber der Bezug fehlt einfach. Ich kenne beispielsweise die Spieler nicht mehr persönlich, die bei der HSG Wetzlar aktiv sind. Wir sind vom aktuellen Geschehen ganz weit weg.

Sandra Mielke-Wolf: Ich könnte noch nicht einmal alle Mannschaften aufzählen, die in der ersten Bundesliga der Frauen oder Männer dabei sind. Ich war vor drei Jahren das letzte Mal in einer Sporthalle. In Kiel. Mit meinem Bruder.

?Kiel ist ein gutes Stichwort. Das ist Ihre Heimat. Die haben Sie 1986 in jungen Jahren Richtung Lützellinden verlassen. Jürgen Gerlach soll hartnäckig um Sie geworben haben …

Mielke-Wolf: Er hatte mich als Junioren-Nationalspielerin gesehen und wollte, dass ich noch im Jahr vor meinem Abitur zum TVL wechsle. Da hat mein Vater aber einen Riegel vorgeschoben. Also habe ich erst mein Abi gemacht und bin dann nach Gießen gezogen. Allerdings hatte ich meine Prüfung vorgezogen und auf den Abi-Ball verzichtet, damit ich 1986 die zweiwöchige Brasilien-Tour des TV Lützellinden mitmachen konnte. Da habe ich Jara Ivancikova kennengelernt, die bis heute eine gute Freundin von mir ist.

?Sie haben Lützellinden 1989 den Rücken gekehrt, sind 1991 zurückgekommen, um dann 1992 wieder zu gehen. Waren Sie überhaupt glücklich beim TVL?

Mielke-Wolf: Ich hatte viele tolle Erlebnisse. Und die erste Deutsche Meisterschaft 1988 werde ich nie vergessen. Unser Sieg gegen Leverkusen vor 2500 Zuschauern in der Osthalle, die dann alle Wunderkerzen angezündet haben, das war einmalig. Mein erster Weggang hatte private Gründe. Genauso wie meine Rückkehr zwei Jahre später mit privaten Dingen zu tun hatte. In Buxtehude war ich Volontärin bei einem Wochenblatt, der TVL ermöglichte es mir, dieses beim Gießener Anzeiger fortsetzen zu können. Dann stießen überraschend neue Spielerinnen zur Mannschaft. Da ich aufs Feld wollte, kam auf Jürgen Gerlachs Empfehlung der Kontakt zu Grün-Weiß Frankfurt zustande. Wenig später ist der Verein pleite gegangen.

?Das klingt, als wären sie über den "Doc" verärgert?

Mielke-Wolf: Die Frankfurt-Aktion war nicht in Ordnung. Das hätte man anders lösen können. Als Kenner der Szene muss er gewusst haben, dass da wenig später die Lichter ausgehen. So war ich erst einmal gesperrt, denn man durfte in einer Saison nur bei zwei Vereinen unterschrieben haben. Mit dem TV Mainzlar fand ich einen neuen Verein, musste aber eine Zeit lang zuschauen. Als Trainer war Jürgen Gerlach äußerst akribisch: Vom optimalen Laufweg bis hin zur Haltung des kleinen Fingers beim Pass oder Torwurf, er hat jede korrigiert. Ohne Gnade. Der Hallenwart in der Osthalle in Gießen hat oftmals einfach das Licht ausgemacht, sonst hätte das Training nie aufgehört.

Wolf: Gerlach war damals schon ein Verfechter des Tempo-Handballs. Da war er seiner Zeit voraus. Auch die Tatsache, dass er früh mit Spezialtrainern gearbeitet hat, spricht für ihn.

Mielke-Wolf: Das stimmt. Irgendwann stand in einer Vorbereitungsphase mal Harald Schmid (in den 80er Jahren einer der weltbesten 400-Meter-Hürdenläufer, Anm. d. Red.) mit seiner Frau in der Halle in Lützellinden und hat mit uns Athletiktraining gemacht. Da haben wir alle gestaunt.

?Haben Sie sich eigentlich in den Hallen Mittelhessens kennengelernt?

Mielke-Wolf: Das erste Mal haben wir uns in den 80er Jahren in Kiel gesehen - aber noch nicht wahrgenommen. Gerd hat mit der SG Wallau/Massenheim in der Ostseehalle gespielt und ich war Zuschauerin. Kennengelernt haben wir uns in Gießener Kneipen. Eben da, wo sich damals die Handball-Szene getroffen hat.

Wolf: In den ersten Jahren unserer Beziehung haben wir uns aber kaum gesehen. Auf die Spitze getrieben wurde das ganze, als ich in Eschwege spielte und Sandra in Hersfeld. Wir haben weiterhin in Gießen gewohnt, waren aber ständig unterwegs. Ein paar Mal haben wir uns auf der Autobahn in Richtung Nordhessen zugewunken.

?Wie war das, als Sie mit dem Handball aufgehört und plötzlich viel Zeit füreinander hatten?

Wolf: Das war natürlich erst einmal toll. Man musste sein Leben nicht mehr nach Spielplänen ausrichten, sondern konnte beispielsweise in den Skiurlaub fahren, wann immer man wollte. Aber ich hatte anfangs auch meine Probleme, loszulassen. Der Handball hat jahrelang auch mein Privatleben geprägt. Ich konnte mich nicht ruhigen Gewissens auf die Couch setzen. Wir haben angefangen zu laufen, aber ich habe das irgendwann nach Trainingsplänen gemacht und bin so letztlich zum Marathon gekommen (Bestzeit 3:15 Stunden, Anm. d. Red.). Den Leistungsgedanken habe ich nicht ablegen können.

Mielke-Wolf: Mir fiel das Aufhören leichter. Ich hatte alles erlebt, was ich wollte und war zufrieden damit. Ich hatte zuletzt in Kleenheim gespielt und hatte auch irgendwann keine Lust mehr.

?Gerd, Sie waren zwischen 1989 und 1996 sieben Jahre lang in Dutenhofen ein Leistungsträger. Warum hat es nie mit dem Aufstieg in die Bundesliga geklappt?

Wolf: Wir waren in einem Jahr ganz nah dran. Mit Trainer Walter Don haben uns am Ende vier Tore gegenüber der SG Weiche-Handewitt gefehlt. Ansonsten haben wir über viele Jahre mit viel Trainingsfleiß und Kameradschaft das ausgeglichen, was uns finanzkräftigere Clubs voraus hatten. Das hat für den Aufstieg dann aber nie gereicht. Wir waren eine Truppe, die sich unglaublich gut verstanden hat. In dieser Zeit hat sich die Sporthalle Dutenhofen zur größten Theke Mittelhessens entwickelt.

?Haben Sie als damalige Freundin Verständnis für die vielen Feiern der HSG-Spieler gehabt?

Mielke-Wolf: Ich wusste ja, wie wir Handballer ticken. Dass es eben auch dazugehört, sich nach dem Training zusammenzusetzen und nach Spielen feiern zu gehen.

Wolf: Wenn du schon intensiv Handball spielst, dann ist es gut, dass du eine Partnerin hast, die das versteht. Bei Sandra war das der Fall. Wir hatten nie Diskussionen deswegen. In Dutenhofen hat das Wochenende donnerstags angefangen und ging bis Sonntag.

Mielke-Wolf: Mit 400 Mark weniger in der Tasche (lacht).

?Ihr Abschied aus Dutenhofen war allerdings nicht schön. Was war da passiert?

Wolf: Ich fand es damals nicht gut, wie mit Eigengewächsen wie Ralf Inderthal umgegangen wurde. Man hat ihm einfach keinen Vertrag mehr gegeben und damit auch seinen Zwillingsbruder Uwe in eine schwierige Situation gebracht. In so einem Verein wollte ich nicht mehr spielen, bin dann nach einigen Wirren mit Ralf nach Eschwege gegangen und Uwe wechselte nach Fredenbeck. Die Art und Weise, wie dies alles ablief, und die Rolle, die Rainer Dotzauer dabei spielte, hat mich damals stark belastet. Schade, dass eine schöne Zeit so zu Ende ging. Trotzdem gönne ich dem Verein natürlich den sportlichen Erfolg.

?Wenn Sie sich mittlerweile vom Handball losgelöst haben, was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Wolf: Wir haben seit fünf Jahren einen Hund, einen Labrador-Mix, wir reisen gerne, fahren in den Skiurlaub, und ich habe mir vor Jahren einen Kübelwagen gekauft und restauriert. Langweilig ist uns nicht.

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Zur Person

Sandra Mielke-Wolf - Geburtsdatum: 20. Februar 1967 - Wohnort: Langgöns - Beruf: Redakteurin beim Gießener Anzeiger - Sportlicher Werdegang: Vereine: TSV Kroog, SV Elmschenhagen, Holstein Kiel, TV Lützellinden, Buxtehuder SV, TV Lützellinden, Grün-Weiß Frankfurt, TV Mainzlar, SG Hessen Hersfeld, SG Kleenheim. Sportliche Erfolge: Zwei Mal Deutsche Meisterin und DHB-Pokalsiegerin mit dem TV Lützellinden, Junioren-Nationalspielerin.

Gerd Wolf    - Geburtsdatum: 22. Oktober 1963 - Beruf: Personalentwickler bei der DVAG in Frankfurt - Sportlicher Werdegang: Vereine: VfR Wiesbaden, SG Wallau/Massenheim, TSV Dutenhofen, HSG Dutenhofen/Münchholzhausen, TSV Eschwege, TSG Ober-Eschbach, TV Petterweil. Sportliche Erfolge: Militärweltmeister, Vize-Pokalsieger und zwei Mal Bundesliga-Aufstieg mit der SG Wallau/Massenheim.
Dokumenten Information
Copyright © mittelhessen.de 2012
Dokument erstellt am 04.10.2012 um 17:16:00 Uhr
Letzte Änderung am 06.10.2012 um 18:51:10 Uhr
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