Mit 180 Sachen über die Mauer

Ex-Monte-Sieger über die Liebe zu Autos und Respekt vor Schlaglöchern / Folge 14

Walter Röhrl: Da war es noch ein Sport für Männer.

Warum?

Röhrl: Der ursprüngliche Sinn beim Rallyefahren war, die Zuverlässigkeit von Mensch und Maschine zu prüfen. Und das geht doch eigentlich nur, wenn du lange unterwegs bist. Also waren die Wertungsprüfungen damals lang, manchmal auch sehr lang. Das war ein entscheidender Punkt. Es ging Tag und Nacht. Das fehlt heute.

Ihnen hat es aber gefallen ...

Am Col de Turini bei der Rallye Monte Carlo unterwegs: Walter Röhrl. (Foto: privat)
Am Col de Turini bei der Rallye ... | Foto: mittelhessen.de

Röhrl: Ich habe es genossen. Die körperliche Fitness hat eine Rolle gespielt, das Autofahren hat eine Rolle gespielt. Und vielleicht auch ein bisschen, dass du mitdenken musstest, was du deinem Auto auf 4000 oder 5000 Kilometern zumuten kannst, damit du auch ins Ziel kommst.

Also nicht nur Vollgas Richtung Ziel?

Röhrl: Genau. Wo ist die Grenze, wo kann ich schnell fahren, wo muss ich aufpassen? Das waren die kleinen Mosaiksteinchen, die in meinen Augen einen guten Rallyefahrer ausgemacht haben.

Es war Ihr Sport ...

Röhrl: Ja, auch weil es keinen zweiten Sport gibt, bei dem du die Welt so kennenlernst. Egal, ob die Tennisspieler, Fußballer oder Formel-1-Rennfahrer bist. Du fliegst in das Land, gehst ins Hotel, fährst an die Wettkampfstätte und fliegst wieder heim. Und was machen wir? Wir fliegen ans Ende der Welt, fahren tausende Kilometer Feldwege im Training ab, ehe wir die Rallye bestreiten. Und wenn du mal feststeckst, musst du einen Einheimischen mit Händen und Füßen fragen, ob er dir hilft. So etwas gibt es nicht mehr.

Was war das schönste Fleckchen Erde, das Sie in Ihrer Karriere kennenlernen durften?

Röhrl: Neuseeland ist sehr beeindruckend. Vom Land her war Kenia auch toll. Du sitzt auf der Veranda von der Lodge und siehst Löwen oder Elefanten, die zum Wasserloch kommen. Das waren emotionale Höhepunkte. Aber ich hatte immer Angst, dass mich in Kenia eine Fliege sticht, ich Malaria bekomme oder mir den Magen verderbe. Auch waren in Kenia die Straßen so schlecht. Deswegen ist Neuseeland doch meine Nummer eins.

Wieso spielen die Straßen eine Rolle?

Röhrl: Weil ich mit der teuren Technik da drüberfahren musste.

Aber die Autos gehörten doch nicht Ihnen ...

Röhrl: Das hat damit nichts zu tun. Ein Auto war für mich immer etwas, auf das ich aufpassen, das ich nicht übermäßig strapazieren wollte.

Hatten die anderen Fahrer Ihrer Zeit damit kein Problem?

Röhrl: Markku Alen zum Beispiel, mit mir bei Fiat. Der hat einfach nicht verstanden, wenn ich ihm erzählt habe, dass es mir weh tut, wenn ich über Schlaglöcher fahren muss. Er meinte, ich hätte körperliche Schmerzen. Und Hannu Mikkola hat in unserer Audi-Zeit die Safari-Rallye gewonnen, weil er einfach vom ersten bis zum letzten Meter Vollgas gefahren ist. Ich bin um jedes Schlagloch so gut es ging herumgefahren. Und wurde Zweiter.

Warum haben Sie dann nicht auch einfach Gas gegeben?

Röhrl: Weil ich es nicht kann. Es hatte aber auch sein Gutes: Ich bin weniger ausgefallen als andere.

Wie war es damals in den legendären Werksteams von Fiat, Lancia oder Opel?

Röhrl: Bei Fiat waren wir mit fünf Werksautos unterwegs. Also fünf Mann beim Trainieren. Am Wochenende sind wir Trial gefahren, die Italiener haben ihre Frauen mitgebracht, es war eine Familie.

Und heute?

Röhrl: Schluss mit lustig. So etwas geht nicht mehr. Die fahren zwei Mal über ihre Prüfungen. Aus. Früher konntest du trainieren, so lange du Lust und Zeit hattest. Heute ist das verboten. Zwei mal, mehr nicht. Da gabs Leute, die sind 15 Mal drübergefahren. Der Jean-Claude Andruet zum Beispiel hat vier Monate für die Monte trainiert. Er ist Wertungsprüfungen in Zwei-Kilometer-Abschnitten abgefahren, und das zehn Mal hintereinander.

Und Sie? Keine vier Monate, nehme ich mal an ...

Röhrl: Ich war trainingsfaul, das gebe ich zu. Wenn trainiert wurde, hatte ich nichts anderes als das Auto im Kopf. Ich bin morgens um 8 Uhr ins Auto gestiegen und abends um 8 Uhr ausgestiegen. Den ganzen Tag habe ich mir nur gedacht: Die Kurve musst du dir merken, das musst du dir merken.

Gab es zwischendurch keine Unterhaltung mit Ihrem Beifahrer?

Röhrl: In zwölf Stunden im Auto haben wir, abgesehen von dem, was ich Christian Geistdörfer für den Aufschrieb diktiert habe, keine drei Minuten privat gesprochen. Wir hatten schon keine Kopfhörer auf, um miteinander sprechen zu können. Ich habe mich total auf das Auto und die Strecke konzentriert.

War die damalige Zeit eine wilde Zeit?

Röhrl: Ja. Und toll. In Kanada zum Beispiel gab es Wertungsprüfungen mit 160 Kilometern, nur Schotter. Da war ich schon mal drei Minuten schneller als der Zweite.

Wieso der große Abstand?

Röhrl: Ich war konditionell gut drauf. Vom Skifahren, vom Rudern. Motorsportler haben damals nichts gemacht, da gabs kein Fitnesstraining. Viele waren Naturtalente beim Fahren. Aber bei 160 Kilometer merkst du es dann schon, da lässt dann irgendwann die Konzentration nach.

Das war Ihre Welt: Minuten-Abstände zur Konkurrenz ...

Röhrl: Heute sind es Sekunden, Zehntelsekunden. Ich wäre traurig, vielleicht würde ich auch depressiv werden. Ich habe Minuten gebraucht.

Sie erzählen, als wäre Ihre aktive Zeit der Himmel auf Erden gewesen für einen Rallyefahrer. Haben Sie Negatives verdrängt?

Röhrl: Nein, ich weiß, um wie viel sicherer moderne Rallyeautos sind. Ich denke nur an 1984, an meinen Unfall im Audi quattro. An einer Stelle, die laut Aufschrieb trocken hätte sein müssen, stand wegen eines verstopften Kanals das Wasser auf der Straße. Mit 170, 180 Stundenkilometern komme ich an, fliege über die Mauer, 50 Meter den Berg rauf, nach 150 Meter zurück auf die Straße. Dem Christian hat nichts gefehlt, ich hatte mir den Kopf angeschlagen. 60 Minuten lag ich im Auto bis der Arzt kam. Aber daran denkst du nicht, du glaubst ja nicht, dass du einen Unfall haben wirst.

Die Rallyeautos heutzutage sind sicherer, die Rallyes selber kürzer und dadurch für die Zuschauer auch attraktiver ...

Röhrl: Der Fan reist nicht mehr, er bleibt an einer Stelle stehen und wartet darauf, dass die Autos drei Mal vorbeikommen. Zu unserer Zeit waren die meisten Zuschauer pfiffiger und mussten mit Karten den besten Weg aussuchen, auf dem sie möglichst viele Wertungsprüfungen anschauen konnten.

Schauen wir in die Zukunft: Gibt es in zehn Jahren nur noch Elektro-Rallyeautos?

Röhrl: Ich glaube, zehn Jahre reichen nicht. Natürlich müssen wir anfangen. Ich glaube, in der Stadt hat das Elektroauto seine Berechtigung. Im Rallyesport wird sicher eines Tages ein alternativer Antrieb den Verbrennungsmotor ablösen.
(DK)

Link zum Thema
Dokumenten Information
Copyright © mittelhessen.de 2012
Dokument erstellt am 09.01.2012 um 08:39:12 Uhr
Letzte Änderung am 18.07.2012 um 13:16:04 Uhr
Kommentare (0)
Facebook Kommentare
Mehr aus Sportserie: Verdammt lang her
Anzeige
Moment Mal

Moment mal

Am Wochenende wird es unmöglich sein, London mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Die Luft-, Zug- und ... mehr
mehr Artikel