Ihrem Spiel kann man verfallen

Von Andreas E. Müller

Zum vierten Mal begeistert Pianistin Olga Scheps bei den Spilburg-Konzerten ihr Publikum. Foto: Andreas E. Müller

WETZLAR - Es gibt Konzerte, auf die freut man sich etwa so, wie kleine Kinder auf Weihnachten, weil man da beschenkt wird. Aber nicht mit Materiellem, sondern mit wunderbarer Musik. Zu diesen Konzerten gehören zweifelsohne Klavierabende der Ausnahmepianistin Olga Scheps. Zum vierten Mal gastiert sie im altehrwürdigen Konzertsaal in der Spilburg und Wolfram Schürger vom Pianohaus KDH darf stolz darauf sein, dass sie so gerne wiederkommt.

Wenn Scheps fast schüchtern die Bühne betritt, kann man sich kaum vorstellen, welche Energie sie im nächsten Moment mit ihrem Spiel verströmt. Wer sie schon einmal gehört hat, weiß, dass die Pianistin sehr impulsiv spielen kann.

Ihr Spiel ist eine Mischung aus Energie und Anmut

Dass sich diese Energie noch steigern lässt, hätte wohl kaum einer für möglich gehalten. Hat es damit zu tun, dass Scheps in diesem Jahr Mama geworden ist? Sie beginnt ihr Konzert mit dem "Faschingsschwank aus Wien", op. 26 von Robert Schumann (1810-1856). Wie der Titel schon erwarten lässt, ein sehr effektvolles Stück, das Scheps total liegt. Ihr Spiel ist eine Mischung aus Energie und Anmut, wie ein Vulkan, in dem es nur so brodelt und der im nächsten Moment ausbricht.

Scheps ganzer Körper ist in Bewegung. Mal beugt sie sich weit nach vorne über die Tastatur, dann wieder spielt sie zurückgelehnt. Sie geht voll und ganz in ihrer Musik auf, scheint alles um sich herum zu vergessen. Wer ihre Hände beobachten kann, sieht diese unglaubliche Fingerfertigkeit, sieht ihre Finger federn, hüpfen, flitzen, auch optisch ein Erlebnis.

Ein Block umfasst vier Stücke ihrer 2018 veröffentlichten CD "Melody", mit dem die Pianistin ihr wichtige Stücke aus ganz verschiedenen Epochen zeigen möchte. Da ist zunächst die muntere "Olga Gigue", ein Stück, das der Kanadier Chilly Gonzales (*1972) nach einer alten Tanzform für sie geschrieben hat. Klavierkollege Arcadi Volodos (*1972) hat Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) "Türkischen Marsch" überarbeitet und aufgepeppt. Auch dieser befindet sich auf dem "Melody"-Album. Dass sie auch sanfter und leiser spielen kann, beweist Scheps mit dem "Nocturne op. 9 Nr. 2" von Frédéric Chopin (1810-1849) und "Una Mattina", von Ludovico Einaudi (*1955), ein verspieltes, fast meditatives Stück, das durch den französischen Film "Ziemlich beste Freunde" (Intouchables) weltberühmt wurde.

Nachdem der Steinway in der Pause gestimmt worden war, kann Scheps wieder in die Vollen gehen. Das tut sie so eindrucksvoll mit "Trois mouvements" aus Igor Strawinskys (1882-1971) Ballett "Petrouchka", dass man sich fragt, ob Schürger in den Flügel einen "Anschlagskraftverstärker" eingebaut hat. Sehr kontrastreich auch die folgende Komposition, "Valse" op. 38 von Alexander Skrjabin (1872-1915) und zum Abschluss des Konzertes die "Wanderer-Fantasie" op. 15 von Franz Schubert (1797-1828). Scheps zaubert noch einmal förmlich mit der Dynamik, spielt energisch, nimmt sich zurück, steigert die Intensität ihres Spieles und baut regelrecht eine Dramaturgie auf.

Beim begeisterten Applaus ihrer Zuhörer lächelt Scheps wieder bescheiden und schüchtern, so als ob sie sich fragte: "Gilt das jetzt mir?"

Gleich drei Zugaben gibt die Musikerin, darunter die Interpretation von "How Much Is The Fish?" der Popgruppe "Scooter", dessen Melodie die "Bots" schon in den 70er Jahren für ihren Song "Was wollen wir trinken?" auf vielen Friedens-Demos nutzten.

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