Die Macht der Klicks – sind Youtuber auch Journalisten?

Rezo und "Der dunkle Parabelritter" zählen zu den bekanntesten youtubern. Screenshots: youtube

Gerade jüngere Menschen beziehen viele Informationen von Influencern wie „Rezo“ und „Der dunkle Parabelritter“. Doch was ist davon zu halten?

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BERLIN/HALLE. Wie sehr die Debattenkultur der jüngeren Generationen längst in die digitale Welt gewandert ist, zeigte sich jüngst am Masken-Skandal rund um Influencer und Musiker Fynn Kliemann. Nicht in einem traditionellen Nachrichtenformat oder einer Polit-Talkrunde kamen die Fakten erstmals zur Sprache. Vielmehr waren es Jan Böhmermann und sein „ZDF Magazin Royale“, die die Bombe platzen ließen. Und zwar um Mitternacht auf verschiedenen digitalen Plattformen. Besonders auf „YouTube“ nahm die Debatte dann Fahrt auf, einerseits in den Kommentarspalten, andererseits in weiteren Videos, die auf die Vorwürfe gegenüber Kliemann reagierten. Abseits von klassischen Medien konnte sich die vermehrt junge Zielgruppe also bestens informieren. Eine Entwicklung, die indes schon längst erkennbar ist.

Als Paradebeispiel dafür kann man „Rezo“ nennen, der auf seinem persönlichen „YouTube“-Kanal kurz vor der Europawahl 2019 mit seiner „Zerstörung der CDU“ für großes Aufsehen sorgte. Bis heute schauten sich mehr als 19 Millionen Menschen an, wie der Influencer mit den blauen Haaren eine knappe Stunde heftige Kritik an den Unionsparteien übte und damit vermeintlich einige Jungwähler noch entscheidend beeinflusste. „Rezo“ erntete für seinen Beitrag im Anschluss viel Lob, er arbeitete mit schlüssigen Argumenten und klar benannten Quellen. Es sollte der Startpunkt eines Trends sein, der inzwischen in zahlreiche jungen Video-Formate mit politisch- oder gesellschaftlich-relevanten Inhalten mündete.

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Politische Debattenthemen für online-affine Zielgruppe

Einer der Protagonisten dieser Szene ist Alexander Prinz, bekannt als „Der Dunkle Parabelritter“. Auf seinem Kanal liefert Prinz bereits seit einer Weile sehr regelmäßig Videos, die aktuelle, mitunter kontroverse Themen zum Inhalt haben. Ein Konzept, das funktioniert. Mehr als 700.000 Menschen sahen sich seine Einordnung zur Kliemann-Thematik an, fast ebenso viele schauten auch bei den beiden Fortsetzungsvideos zum Thema wieder zu. Zahlen, von denen Alexander Prinz, der seit Jahren auf „YouTube“ aktiv ist, vor kurzer Zeit wohl noch kaum zu träumen gewagt hätte.

Doch ist das nun eine neue Art des Journalismus, die auf eine junge Zielgruppe zugeschnitten ist? Prinz widerspricht deutlich: „Ich sehe mich da nicht. Ich würde das, was ich mache, eher als politische und gesellschaftliche Kommunikation bezeichnen.“ Er sieht den wesentlichen Unterschied zum klassischen Journalismus eher darin, dass er die Arbeit anderer Menschen, oftmals eben Journalisten, zusammenträgt, vereinfacht erklärt und so an seine Zuschauer weitergibt. Auch bei Prinz sind die Angaben stets mit Quellen belegt, seine eigene Meinung macht er als solche deutlich. Grundtugenden das Journalismus sind also durchaus vertreten.

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Prinz’ Umgang mit Medien, den er ja zwangsläufig bei seiner eigenen Recherche betreiben muss, ist indes das, was Medienethiker Christian Schicha ebenfalls empfiehlt. „Ich würde jedem Menschen nahelegen, sich mit möglichst vielen verschiedenen klassischen Medien zu beschäftigten“, sagt der 57-Jährige, der sich bereits seit Längerem mit der Entwicklung und den Videos von „Rezo“ befasst. Die Arbeit des Influencers und ähnliche Formate erkennt Schicha durchaus als Journalismus an. „Natürlich gibt es investigative Journalisten, die ihre Geschichten alle selbst ausgraben. Aber viele Medienschaffende arbeiten ja auch so, dass man sich Entwicklungen oder Geschehnisse bei anderen anschaut, diese dann einordnet oder weiterdreht“, sagt Schicha. Nichts anderes machten die jungen „YouTube“-Formate auch.

Wie viel Aufwand das manchmal ist, verrät Alexander Prinz, der weiterhin komplett alleine arbeitet, was ihm zwar Freiheiten in der Themengestaltung bietet, aber eben auch jede Menge Recherchearbeit abverlangt. „Ich habe da schon manchmal 18-Stunden-Tage, wenn ein Video unbedingt fertig werden muss“, sagt er. Recherche, Aufbereitung, Dreh, Schnitt – es kommt einiges zusammen. „Ein Full-Time-Job“, sagt Prinz, „der manchmal mein Leben komplett auffrisst“. Aber auch eine Arbeit ist, die Früchte trägt. Die Zahlen sprechen für sich, die Abonnenten haben sich seit Beginn seiner gesellschaftlich-politischen Videos vervielfacht. Die Wirkung greift auch auf seine anderen Kanäle über. Bis zu 4000 Menschen sahen mit Prinz beim Streaming-Portal „Twitch“ im vergangenen Jahr die erste Hochrechnung der Bundestagswahl, nachdem der „Parabelritter“ im Vorfeld des Wahltags mit einigen Videos stark in der Thematik vertreten war.

Als Gast in TV-Talkshows noch nicht salonfähig

Eindrücke, die auch klassischen Medien nicht verborgen blieben. So war Prinz bereits dreimal für Fernseh-Talkrunden angefragt worden, wurde aber stets wieder ausgeladen. Die Gründe lagen wohl in der ablehnenden Haltung anderer Talk-Gäste, etwa CDU-Politiker Philipp Amthor, den Prinz in einem seiner ersten politischen Videos stark kritisierte. Ähnliche Erfahrung hatte in der Vergangenheit auch „Rezo“ gemacht, dessen Kritikpunkt seitens der Union in der Öffentlichkeit stets eher belächelt und als leeres Geschwätz abgetan wurden. „Dafür ist die Wertschätzung in der Online-Community sehr groß“ sagt Prinz, der im Internet und auf seinen Kanälen durchaus sehr viel Zuspruch erhält.

Ist das Konzept, für das „Der Dunkle Parabelritter“ und andere Protagonisten stehen, also eine Art Journalismus der Zukunft? „Zumindest kann man feststellen, dass sich das Medienverhalten junger Menschen verändert hat“, sagt Medienwissenschaftler Christoph Engemann, der bei seinen Studierenden regelmäßig Befragungen durchführt, um zu sehen, wie und wo diese Medien konsumieren. „Da findet inzwischen vieles Online und in Video-Formaten statt“, erklärt er. Damit seien aber auch die digitalen Angebote von „Tagesschau“ oder „Funk“, das zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehört, gemeint. „Printjournalismus ist aus dem Alltag der Studenten fast verschwunden“, so Engemann.

Printmedien glaubwürdig – und wichtige Recherchequelle

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass junge Formate im Internet bei ihrer Recherche durchaus und zu einem sehr großen Anteil weiterhin auf Printberichte zurückgreifen. Hinzu kommt, dass laut einiger Umfragen weiterhin Printmedien und die öffentlich-rechtlichen Anstalten für die meisten Menschen deutlich glaubwürdiger sind, als es – pauschal gesagt – das Internet ist. Laut „Infratest dimap“ halten 65 Prozent der Deutschen Tageszeitungen für glaubwürdig, während es beim Internet nur 30 Prozent sind. Dennoch dürfte das Gewicht, das Meinungen und Einordnungen von Menschen wie „Rezo“ oder Alexander Prinz haben, in naher Zukunft noch deutlich anwachsen.

Von Tommy Rhein