Das Ringen um Freiheit und Demokratie

SERIE Wie das Grundgesetz entstand / Hundert Gründe sprachen gegen ein Gelingen, doch das Projekt hatte Erfolg

Heute weltweiter Exportartikel: unser Grundgesetz. (Foto: Pilick/dpa)

Hundert Gründe sprachen gegen ein Gelingen, als sich die Väter und Mütter des Grundgesetzes in den bitteren Nachkriegsjahren ans Werk machten doch das Projekt hatte Erfolg.

Im Jahr 2009 beschrieb Christian Bommarius zum 60-Jährigen des Grundgesetzes in seinem Buch „Das Grundgesetz – Eine Biografie“ die pränatale Phase jener als Provisorium gedachten Verfassung. Diese hat sich heute längst zum weltweiten Exportartikel entwickelt. In den unmittelbaren Nachkriegsjahren traten zunächst der Verfassungskonvent von Herrenchiemsee und dann der Parlamentarische Rat in Bonn zusammen um nichts weniger als die Grundlage für eine staatliche Wiederauferstehung aus der Asche der mörderischen Nazidiktatur zu schaffen.

Schumacher wollte einen Zentralstaat

Als die 66 Männer und vier Frauen zentrale Figuren waren etwa Carlo Schmid oder Hermann von Mangoldt über die Elemente einer demokratischen Verfassung berieten, war kaum etwas in Stein gemeißelt. Die politischen und geistigen Strömungen waren im Begriff, sich neu zu formieren. Die CDU liebäugelte zunächst gar mit einem Sozialismus unter christlicher Verantwortung eine Flause, die ihr von Konrad Adenauer ausgetrieben wurde.

Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher strebte nach einem Zentralstaat, doch da blockten die Alliierten; sie wollten staatliche Macht lieber föderalistisch umverteilt sehen.

Wie wenig in der Gründungsphase selbstverständlich war, zeigt die Diskussion um die Todesstrafe. Die Mitglieder des Parlamentarischen Rats waren unschlüssig, aus der CDU kam der Antrag für ihre Beibehaltung, derweil der rheinland-pfälzische Justizminister Adolf Süsterhenn in Mainz die Vorbereitungen zur Hinrichtung einer zweifachen Kindsmörderin traf. Da stand Friedrich Wilhelm Wagner auf, ein von den Nazis verfolgter Sozialdemokrat, und erinnerte daran, dass gerade Deutschland allen Anlass habe, der „Barbarei“ ein Ende zu setzen: „Bei uns ist der Tod umgegangen“, beschwor er die Ratsmitglieder. Die Todesstrafe wurde mit großer Mehrheit abgelehnt.

Das Ringen um Recht und Freiheit, der Wunsch nach einer stabilen Demokratie, auch Schwachheiten und dunkle Kontinuitäten im traumatisierten Deutschland beschreibt Bommarius in seinem Buch. Dabei tauchen nicht nur die Protagonisten auf, wie Elisabeth Selbert mit ihrer so listigen wie erfolgreichen Kampagne um den Artikel „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Randbegebenheiten wie die des Stenografen Vinzenz Koppert illustrieren, wie aberwitzig der Sprung der Deutschen aus der Nazidiktatur ins demokratische Deutschland anmutet. Koppert hatte 1944 den Prozess gegen die Mitglieder des Widerstands protokolliert, mitsamt der Todesurteile. Vier Jahre später wurde er Chef-Stenograf im Parlamentarischen Rat und protokollierte die Abschaffung der Todesstrafe. (dpa/red)


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