Das doppelte Leiden der Opfer

WEISSER RING Strapazen in Ermittlungs- und Strafverfahren werden untersucht

Wer Opfer einer Straftat wird, für den beginnen danach häufig die Qualen des Ermittlungs- und Strafverfahrens. Das soll sich ändern, wenn es nach dem Willen des Weißen Rings geht, der Kriminalitätsopfer vertritt. (Foto: Stratenschulte dpa)

Der Weiße Ring, der Kriminalitätsopfer unterstützt, will das Thema wissenschaftlich aufarbeiten lassen. In einem Forschungsprojekt sollen genauere Erkenntnisse über die Rolle von Opfern in Ermittlungs- und Strafverfahren gewonnen werden. Der Startschuss zu der Untersuchung fiel gestern in Wiesbaden bei einem Expertengespräch des Weißen Rings - auf Initiative Zierckes.

Range: Auf seelische und soziale Krisensituation Rücksicht nehmen

Die Angehörigen der NSU-Mordopfer waren bei den Ermittlungen zeitweise selbst unter Verdacht geraten, sie könnten etwas mit den Taten zu tun haben. "Die Familien der Opfer fühlten sich alleingelassen", schilderte Ziercke in Wiesbaden das Leid der Angehörigen in jahrelangen Ermittlungsverfahren. Und solches Leid erfahren Opfer, die häufig zugleich Zeugen im Verfahren sind, nicht nur in Mordprozessen wie dem in München. Ziercke berichtet von einer Million Verbrechensopfern im Jahr - Wohnungseinbrüche nicht mitgerechnet. Die Zahl von 200 000 Polizisten, die sich um diese Opfer zu kümmern haben, macht deutlich, wie schwer ein angemessener Umgang mit ihnen oftmals ist. Und dennoch sagt Ziercke: "Routinen im Umgang mit Opfern darf es nicht geben." Opferschutz sei die Grundvoraussetzung polizeilichen Handelns. Auf der anderen Seite müsse die Polizei Straftaten aufklären und setze dabei besonders im persönlichen Umfeld an. Denn 70 Prozent aller Tötungsdelikte spielten sich dort ab. Gerade die unmittelbare Zeit nach einer Tat sei dabei wichtig: Wenn der mutmaßliche Täter nach einer Woche nicht gefasst sei, werde es besonders schwierig, seiner habhaft zu werden. Trotz dieses Zeitdrucks wisse jedoch ein erfahrener Mordermittler, wann er die Befragung eines Opferzeugen abbrechen müsse.

Aus deren Perspektive verdoppelt sich im Ermittlungs- und Strafverfahren häufig das Leiden, das sie durch den Verlust eines nahen Angehörigen erlitten haben. Immer und immer wieder müssen sie dieselbe Geschichte erzählen. Das kann psychische Krankheiten zur Folge haben. Den Satz "Ich habe doch schon alles gesagt" kennt die Opferanwältin Angelika Vöth nur zu gut. Sie beklagt die mangelnde Transparenz im Strafverfahren und fordert, dass Polizei und Staatsanwaltschaft aktiv auf die Opferzeugen zugehen. Unverständlich ist für Vöth zum Beispiel, warum Opferzeugen häufig stundenlang vor einem Gerichtssaal auf ihre Aussage warten müssten und dabei den Blicken des dort ebenfalls sitzenden Täter-Umfelds ausgesetzt seien.

Freilich hat das Thema auch eine andere Seite. Was wäre, wenn vor Gericht auf die Aussage von Opfern verzichtet würde und dadurch mehr Täter freigesprochen würden? Darauf weist die Psychologin Renate Volbert von der Berliner Charité hin. Auch Verfahren, in denen Aussage gegen Aussage stehe und keine anderen Beweismittel existierten, erhöhe den Druck auf Opfer. Eine solche Belastung - besonders häufig bei Sexualdelikten - sei aber gar nicht zu vermeiden.

Grundsätzlich aber bleibt die Frage, wie man das Leid der Opfer schmälern kann statt es durch Ermittlungen und Gerichtsverfahren noch zu vergrößern. Der Kriminologe Christian Pfeiffer sieht hier Defizite vor allem bei der Polizei. "Warum wird die erste Aussage des Opfers nicht auf Video aufgenommen?", fragt Pfeiffer. Ziercke hat damit kein Problem. Bei Kindern werde dies heute schon gemacht, die Videoaufnahme bei der Erstvernehmung müsse aber zum flächendeckenden Standard werden. Der Vorteil wäre, dass die Betroffenen nicht mehrmals aussagen müssen.

Auch Generalbundesanwalt Harald Range liegt deren Schutz am Herzen. Das Opfer dürfe nicht "als Zeuge instrumentalisiert" werden ohne auf seine seelische und soziale Krisensituation Rücksicht zu nehmen. Denn daraus ergibt sich laut Range auch eine Gefahr für die Wahrheitsfindung: Die Opfer überlegen sich, ob ihnen eine Aussage nutzt oder schadet. Das aber können weder Ermittler noch Richter wollen.


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