Der Minister, der in Wiesbaden die Strippen zieht

PORTRÄT Die rechte Hand des Ministerpräsidenten: Axel Wintermeyer ist Chef der Staatskanzlei

Kunst zum Ausgleich im Alltag: Axel Wintermeyer hat diese selbstgemalten Werke in seinem Büro in der Staatskanzlei aufgehängt. Der Raum wirkt dadurch heller - und wenn er sich über Akten ärgert, heben die freundlichen Farben seine Laune wieder. (Fotos: Beuster)

Protokoll-Termin: Axel Wintermeyer trägt sich im Frankfurter Konsulat Georgiens in das Kondolenzbuch für den verstorbenen ehemaligen Präsidenten Eduard Schewardnadse ein.

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Wintermeyers Händedruck ist verbindlich - rasch ist der 54-Jährige im dunklen, dezent gestreiften Anzug jedoch schon wieder um die Ecke verschwunden. "Ich schleppe einen Rückstand von 15 Minuten mit mir rum", erklärt Wintermeyer die Eile. Seine persönliche Referentin, Katrin Schäfer, bedeutet mit einer Handbewegung, dem CdS - die im Haus gängige Abkürzung für den Chef der Staatskanzlei - zu folgen. Flugs geht es die mit rotem Stoff ausgelegte Haupttreppe im ehemaligen Luxus-Hotel "Rose" hinunter, in dessen denkmalgeschützten Räumlichkeiten die Staatskanzlei residiert, unweit des Wiesbadener Kurhauses.

Oben, im ersten Stock: nüchterne, fast kalt wirkende Büroräume; die Regierung ist schließlich auch "nur" eine Behörde. Hier hat der CdS sein Büro - direkt neben dem des Ministerpräsidenten, Volker Bouffier (CDU). Sachliches Flair - aber man geht auf Nummer sicher: Panzerglas-Türen können den Flur des Regierungschefs im Notfall abriegeln, die Mauern Explosionen abschirmen. Eine Behörde, ja, aber eine mit viel Macht. Hier werden schließlich die Geschicke des wirtschaftsstarken Bundeslands mit fast 6 Millionen Einwohnern gelenkt.

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Im Eilschritt geht es nun durch das Erdgeschoss: repräsentative Räume im sanierten Prachtbau. Das Ziel liegt in einem Nebenraum: die Kantine der Staatskanzlei. Wintermeyer hat sich vorgenommen, die Verspätung im Laufe des Tages wieder aufzuholen. Gespräche mit dem chinesischem Generalkonsul am Vormittag liegen hinter dem Minister. Am Nachmittag steht der Eintrag in das Kondolenzbuch des georgischen Konsulats zum Tod von Ex-Präsident Eduard Schewardnadse an. Der CdS ist bei diesen Terminen eine Art "Außenminister" Hessens. Das Bundesland hat zahlreiche Beziehungen zu anderen Ländern. Frankfurt ist einer der wichtigsten Konsularstandorte neben der Hauptstadt Berlin. Kontakte, die auch für die Regierung wichtig sind: Hessens Wirtschaft lebt vom blühenden Handel in alle Welt.

Der gelernte Rechtsanwalt stellt einen Teller mit paniertem Fisch und Kartoffelsalat auf das Tablett, bezahlt das Essen, schon ist er draußen auf der winzigen Terrasse im Innenhof der Staatskanzlei. Ein Minister, der in der Kantine speist? Keine Show, wie Mitarbeiter in der Staatskanzlei versichern. Nur wenn Arbeitsessen mit hochrangigen Repräsentanten anstehen, fällt der tägliche Kantinenbesuch aus. Pompöses Auftreten liegt Wintermeyer sowieso nicht. Nüchterne und effiziente Sachlichkeit ist eher sein Stil, gewürzt mit einer Prise trockenen Humors. Er will nicht von seinem Stab mit "Herr Minister" angeredet werden, schließlich habe er einen Namen, sagt er. Duzen geht aber auch nicht - eine professionelle Distanz muss gewahrt werden. "Als Chef muss ich ja auch unangenehme Entscheidungen treffen", sagt der Staatsminister.

"Als Chef muss ich ja auch unangenehme Entscheidungen treffen"

"Meine Aufgabe ist es, die Regierungsarbeit zu koordinieren", erklärt Wintermeyer seine Arbeit, während er im Kartoffelsalat herumstochert. Jedes Schriftstück, das an den Ministerpräsidenten geht, läuft über seinen Schreibtisch. Grundvoraussetzung für den Job: das Vertrauen des Ministerpräsidenten. "Ohne das geht es nicht", sagt Wintermeyer. Der Mittelhesse Bouffier sei dabei ein Mann "mit hoher emotionaler Intelligenz, die er auch in die Regierungsarbeit einbringt", so Wintermeyer.

Die Fachministerien bereiten derweil Gesetzesvorlagen für die Regierung vor - Wintermeyer muss als CdS den Überblick behalten und die Kräfte bündeln. Und den Kontakt zu den anderen Bundesländern halten - was machen die anderen? "Man darf dabei nicht den Ehrgeiz haben, jeden Tag mit Bild in der Zeitung zu stehen", sagt Wintermeyer. Die Arbeit findet oft hinter den Kulissen statt. Die Möglichkeit in der Staatskanzlei die gesamte Regierungspolitik aktiv mitzugestalten, vielleicht mehr als manch anderer Minister, ist Wintermeyer aber wichtiger, als ständig im Rampenlicht zu stehen, sagt er.

Das "Aktenfressen" ist für diesen Job eine wichtige Fähigkeit - für den gelernten Rechtsanwalt Routinearbeit. Akten begleiten ihn überall hin - ins Büro, auf dem Weg zum Dienstagwagen, bei Terminen, auf dem Weg nach Hause. Zusätzlich wird regelmäßig der Pressespiegel durchblättert: Für den Minister ist es wichtig zu wissen, was Zeitungen kommentieren, wie die Landespolitik von den Menschen aufgenommen wird. Zugleich ist er als Chef der Staatskanzlei zuständig für die Medienaufsicht im Land. Dabei ist das Verhältnis von Politikern zur Presse durchaus kompliziert, wie Wintermeyer erläutert. Doch - ohne Medien geht es auch nicht, denn wie sollten sonst Politiker der Öffentlichkeit erklären, was sie machen? Ein ernster Blick von Wintermeyer: Ja - die Presse erfülle eine wichtige Aufgabe, aber ebenso wie die Politik müsse sie sich an die Regeln halten. Süd-, Mittel-, Ost- und Nordhessen - zu den Aufgaben jedes Ministers im Landes-Kabinett gehört es, nicht nur in Zeitungen oder anderen Medien präsent zu sein, sondern auch vor Ort den Menschen im Land die Arbeit der Landesregierung im direkten Kontakt zu erklären. Bei Besuchen von Vereinen, Festen - oder der Eröffnung eines Krankenhausneubaus in Hofheim bei Frankfurt wie beim jetzigen Termin.

Der Kontakt zu Bürgern im Wahlkreis liegt Wintermeyer dabei mehr als der Besuch in einer Fernseh-Talkshow ("ist kein Vergnügen").

Ein Blick auf die Uhr: Der nächste Termin wartet, es geht weiter. Auf zum Hauptausgang der Staatskanzlei in der Georg-August-Zinn-Straße. Fahrer Thorsten Latza hat den dunklen Audi am Eingang geparkt, Wintermeyer huscht auf den Rücksitz - und seine Referentin Schäfer hat ihrem Chef noch schnell Akten zugesteckt, bevor dieser sich anschnallen konnte. In der Mittelkonsole stapeln sich rote und grüne Papierhefter. Schäfer hat einige Mühe, sie so zu balancieren, dass sie nicht runterfallen, während sich Fahrer Latza durch das Wiesbadener Verkehrschaos in Richtung Autobahn schlängelt. "Wie viel fahren wir im Jahr?", fragt Wintermeyer nach vorne gebeugt seinen Fahrer. Rund 50 000 Kilometer, antwortet der Mann am Steuer. Unterwegs in ganz Hessen.

"Dabei ist das mit dem Dienstwagen ja so eine Sache", sagt der Minister. Einerseits würden Politiker oft in der Kritik stehen, wenn sie in Dienstwagen herumgefahren würden. Andererseits: Es sei eine Notwendigkeit, dass er im Auto arbeiten könne und Platz hat. "Die meisten Telefonkonferenzen mache ich vom Auto heraus, hier bereite ich mich auf die Termine vor", sagt Wintermeyer. Die Menschen würden trotz aller Kritik ein standesgemäßes Gefährt für den Minister erwarten. Ein Widerspruch letztlich, aber von denen gebe es in der Politik viele. Wintermeyer selber steuert ab und an lieber selbst - ein Elektroauto, wenn der Termin nicht allzu weit von seinem Dienstsitz entfernt ist. Ein Griff zur Tür, die auffliegt.

Zielsicher geht der Minister auf die Menschenmenge zu, schüttelt Hände. Während der Fahrt hat er sich Stichpunkte für seine Rede auf einen Zettel notiert, den er zusammengefaltet in seine Jackett-Tasche gesteckt hat. Für den Notfall. Wintermeyer wird sie frei halten. "Guten Tag, meine sehr geehrten Damen und Herren ...", wendet er sich an die versammelten Honoratioren der Stadt. Rede, Applaus, kurzer Plausch mit den Gästen und Lokalpolitikern, ab ins Auto.

"Man darf nicht mit diesem Beruf verheiratet sein", sagt Wintermeyer und lächelt dabei ein wenig. Er weiß - an dem Tag, an dem er nicht mehr Minister ist, wartet am nächsten Tag kein schicker Dienstwagen mehr vor der Tür. Wichtig sei ihm daher, unabhängig von der Politik als Beruf zu sein. "Ich bin ja Rechtsanwalt gewesen und hatte aus eigenem Antrieb keine Karriere in der Politik angestrebt", sagt Wintermeyer.

Unabhängigkeit ist für den gelernten Rechtsanwalt wichtig

Ex-Ministerpräsident Roland Koch (CDU) habe ihn für eine Landtagskandidatur gewinnen können, Wintermeyer wurde Abgeordneter, später Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU - Strippenzieher der Fraktion. Wichtig für einen Landespolitiker sei dabei, sagt Wintermeyer, in der Kommunalpolitik engagiert zu sein. Dort erlebe er die Auswirkungen von Politik hautnah, dort komme man mit den Sorgen und Nöten der Menschen direkt in Kontakt. Ein Leben nach der Politik ist für Wintermeyer zurzeit kein Thema, es wäre aber auch nicht das Ende der Welt. Und deswegen könne er auch entspannter mitregieren.

Was braucht man eigentlich, um ein guter Chef der Staatskanzlei zu sein? Beharrungsvermögen und Ausdauer lautet die Antwort. Das sieht man Wintermeyer an. Der hochgewachsene schlanke Politiker hat, wann immer es der prall gefüllte Terminkalender zulässt, Zeiten für sein Sportprogramm eingebaut. Nicht nur in der Politik liegt dem Juristen dabei die Disziplin Ausdauer eher als der Sprint.

Zurück im Büro in Wiesbaden. Der Minister bietet Kuchen an. An den Wänden hängen verschiedene Kunstwerke. "Selbst gemalt", sagt Wintermeyer und deutet auf verschiedene Gemälde. An der American School of Arts hat der Politiker das Malen gelernt. "Wenn schon, dann will ich das richtig lernen, habe ich mir gedacht", erläutert er. In freundlichen, helle Farben leuchten die Acrylgemälde. Das etwas dunkle Büro wird dadurch aufgehellt.

Das Malen ist dabei ein perfekter Ausgleich zum Politalltag, ebenso wie das Orgelspiel, dem Wintermeyer sich leidenschaftlich widmet. Der Kuchen ist verzehrt, der Blick geht auf die Uhr: Die 15 Minuten sind aufgeholt. Die folgenden Termine können kommen.

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In den Terminkalender geschaut: So sieht eine Woche des Chefs der Staatskanzlei aus

Montag
8.30 Uhr: Rücksprache mit Mitarbeitern
9 Uhr: Vorbesprechung mit den Abteilungsleitern zur Vorkonferenz
10 Uhr: Vorkonferenz Kabinettssitzung unter Leitung des Chefs der Staatskanzlei
11 Uhr: Kabinettsausschuss Staatsmodernisierung unter Leitung des Chefs der Staatskanzlei
13 Uhr: Mittagessen in der Kantine der Staatskanzlei
14 Uhr: Besprechung mit den Mitarbeitern der Landesstiftung Miteinander in Hessen
16 Uhr: Rücksprache mit Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU)
17 Uhr: Kabinettsitzung
18.30:Uhr Koalitionsrunde

Dienstag
7.30 Uhr Telefonschaltkonferenz mit den Chefs der Staatskanzleien der anderen Länder
8 Uhr: Lagebesprechung in der Staatskanzlei
9 Uhr: Sitzung des Fraktionsvorstandes der CDU-Landtagsfraktion
10.30 Uhr Sitzung der CDU-Landtagsfraktion
13 Uhr Mittagessen in der Kantine im Hessischen Landtag
14.30 Uhr Vorbesprechung zum Ältestenrat im Hessischen Landtag
15 Uhr: Ältestenrat im Hessischen Landtag
16.30 Uhr: Gespräch mit der Fachabteilung zur Vorbereitung der Sitzung der Rundfunkkommission
18.30 Uhr Übergabe eines Bewilligungsbescheides an einen Sportverein
20 Uhr: Besuch im Wahlkreis

Mittwoch 
8 Uhr Telefonkonferenz
9 Uhr: Bürozeit
10 Uhr: Vorstandssitzung der Landesstiftung Miteinander in Hessen
12 Uhr: Kuratoriumssitzung der Landesstiftung Miteinander in Hessen
15 Uhr: Übergabe eines Bescheides an eine Ehrenamts-Agentur
16.30 Uhr: Bürozeit
18.30 Uhr: Stadtverordnetenversammlung in Hofheim

Donnerstag
9 Uhr: Vorstellung eines neuen Mitarbeiters in der Staatskanzlei
10 Uhr: Gespräch mit der Fachabteilung in Sachen Haushalt
11 Uhr: Besprechung mit den Abteilungsleitern
12 Uhr: Mittagessen in der Kantine der Staatskanzlei
13.30 Uhr: Vortrag bei der Mitgliederversammlung eines Verbandes zum Thema Demografischer Wandel
15 Uhr: Begrüßung einer Besuchergruppe in der Hessischen Staatskanzlei
17 Uhr: Aushändigung des Hessischen Verdienstordens
19 Uhr: Grußwort anlässlich einer Unternehmensfeier

Freitag
8 Uhr: Telefonschaltkonferenz
9 Uhr: Gespräch mit der Initiative Gesundheitsindustrie Hessen mit dem Schwerpunkt „Demografischer Wandel“
11 Uhr: Antrittsbesuch eines Generalkonsuls
12 Uhr: Mittagessen
13.30 Uhr: Lagebesprechung in der Staatskanzlei
14.30 Uhr: Fahrt nach Mittelhessen
15.30 Uhr: Übergabe eines Bewilligungsbescheides an ein ehrenamtliches Projekt
16.30 Uhr: Rückfahrt nach Wiesbaden
17.30 Uhr: Bürozeit

Samstag und Sonntag
Fünf bis zehn Termine im Wahlkreis am Wochenende. (br/Quelle: Staatskanzlei)


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