Großer Mann lehnt großen Auftritt ab

UNTERWEGS Thomas Schäfer

Schöne Bescherung durch den Minister: Thomas Schäfer mit einem 30 000-Euro-Förderbescheid bei den Erdbacher Schützen.

Prestigeträchtige Eröffnung durch den Minister: Thomas Schäfer mit Leica-Chef Andreas Kaufmann (3.v.r.) und Oberbürgermeister Wolfram Dette (2.v. l.) vor der neuen Leica-Zentrale in Wetzlar.

Die Schaltzentrale für Hessens Finanzen: Finanzminister Thomas Schäfer an seinem Schreibtisch in seinem Büro im Finanzministerium. (Fotos: Gross)

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Es ist ein typischer Freitagmorgen im Ministerkalender. Kaum eine Stunde ist es her, dass der Familienmensch Schäfer im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kostheim die Tochter (5) und den Sohn (3) in den Kindergarten verabschiedet hat. Jetzt, um 9.30 Uhr, ist er offiziell im Dienst. Ihm gegenüber sitzen in seinem Büro an der Friedrich-Ebert-Allee drei Vertreter des hessischen Steuerzahlerbundes.

Es liegt in der Natur der Sache, dass das Besuchertrio aus Vorstandschef Joachim Papendick, Clemens Knobloch und Hartmut Schaad nicht zu den engsten Freunden Schäfers zählt. Hessens Schuldenuhr tickt gewaltig und geht gerade stramm auf die 43 Milliarden Euro Miese zu. Nur wenig Verständnis hat die Lobby der Steuerzahler da für eine Diätenerhöhung, die sich die Landtagsabgeordneten gönnen. Oder gar für horrende Pensionszahlungen an junge ehemalige Bürgermeister. Schäfer hört sich die Kritik geduldig an. Dann und wann nippt er an der Kaffeetasse mit dem Hessen-Löwen darauf, während auf seinem Blackberry vor ihm auf dem Tisch beinahe im 5-Sekunden-Takt Nachrichten eingehen. Plötzlich kontert der langjährige frühere Handballer: "Das ist Symbolpolitik. Damit kriegen Sie die Schlagzeilen - mehr nicht. Da sind wir weit auseinander."

Für unmissverständliche Ansagen ist der gebürtige Sauerländer bekannt. Populismus, um die Karriere zu befeuern, kann man Schäfer ganz sicher nicht vorwerfen. "Wer nach allen Seiten hin offen ist, ist nicht ganz dicht", lautet sein kantiges Motto. "Ich versuche, einigermaßen klare Standpunkte zu formulieren und verbindlich im Ton zu bleiben - damit bin ich bis jetzt gut gefahren. Mit unpopulären Entscheidungen - und von denen muss man als Finanzminister eine ganze Menge fällen - gewinnt man keine Fans. Aber ich ducke mich nicht weg."

Wegducken würde Schäfer ohnehin schwer fallen - und das nicht nur wegen seiner stattlichen Statur. Womöglich führen ihn künftige hessische Geschichtsbücher als den Minister der Schuldenbremse. Hessen kommt spätestens 2019 ohne neue Schulden aus - daran lässt Schäfer nicht den leisesten Zweifel aufkommen. Allerdings wird er bis dahin noch einigen schmerzhaft auf die Füße treten müssen.

Weder ist es der dominante Besprechungsstisch in der Mitte des Raums, noch sind es die zwei großen Flachbildschirme oder gar die sehr bunten Bilder an den Wänden, die in Schäfers großzügigem Büro ins Auge stechen. "Die Bilder habe ich von meinem Vorgänger (Anm.: Karlheinz Weimar) übernommen, er hatte den gleichen Geschmack wie ich. Ich mag es fröhlich und farbenfroh. Die Akten sind schon grau genug", verrät der Finanzminister grinsend.

Nein, besonders auffällig sind die gut 80 englischen Porzellanfiguren, die zwei große Glasvitrinen füllen und auch in Reih und Glied auf den Sideboards stehen. "Doggy People" heißen sie - 20 Zentimeter große Hundefiguren in historischen Kostümen. "Vor fast 20 Jahren habe ich angefangen, sie zu sammeln. Ich finde die ausgesprochen schön. Meine Frau hat eher Probleme mit ihnen. Es war unsere gemeinsame Entscheidung, dass ich sie ausschließlich in meinem Büro im Ministerium aufstelle", berichtet der Sammler selbstironisch. Seine Lieblingsfigur sei die des Richard Löwenherz: "Eine Bulldogge mit breitem Kreuz - den finde ich richtig gut!"

Richard Löwenherz - "eine Bulldogge mit breitem Kreuz finde ich gut!"

Um 11 Uhr steht die wöchentliche Lagebesprechung auf dem Plan. Dazu versammelt sich ein gutes Dutzend Ministeriumsmitarbeiter, darunter Staatssekretärin Bernadette Weyland, Büroleiter Michael Hohmann, Yasmine Schritt als die persönliche Referentin oder Uwe Michael Schickel, Leiter Bundesrats-Finanzreferat. Gemeinsam besprechen sie die Ministertermine der Folgewoche: Sozialminister Grüttner vertreten, Besuch im Heimatwahlkreis, Rede beim Arbeitskreis der Steuerberater und -prüfer, Bundespräsident Gauck begleiten, (...) Fassanstich beim traditionellen Hoffest des Ministeriums. In der Runde wird gelacht, hier ist man per du. Später sagt Schäfer: "Ich versuche meinen Beitrag zu leisten, dass die Arbeitsatmosphäre stimmt. Die Anforderungen an meine Mitarbeiter sind hoch - zu Tages- und manchmal auch Nachtzeiten -, ohne Spaß funktioniert das nicht."

Nicht verquatschen! Die Zeit drängt. Der Terminkalender ist eng getaktet. Die Eröffnung der neuen LeicaZentrale in Wetzlar wartet. Schäfer schnappt sich noch schnell seine Aktentasche und entschwindet über den langen Ministeriumsflur - das Blackberry am Ohr. Draußen vorm Portal gießt es in Strömen. Mit schwarzem Schirm wartet Fahrer Norbert Wolf vorm schwarzen Audi A8. "Norbert, wie lange brauchen wir? Halbe Stunde?", fragt Schäfer und buchsiert seine 1,97 Meter Körperlänge hinten rechts auf die Rückbank. Norbert Wolf antwortet trocken: "Eine Dreiviertel wäre mir lieber." Dann startet er den Motor.

Die Drei-Liter-Limousine mit 259 PS ist Schäfers eigentliches Büro. Hier verbringt er viel Zeit. Telefon, Monitor, iPad, Akten - alles hat seinen Platz. 50 000 bis 60 000 Kilometer fährt ihn Norbert Wolf jedes Jahr durch Hessen und Deutschland. "Die Zeiten, in denen ich dabei aus dem Fenster gucke, sind rar", sagt er: "Norbert Wolf und ich verbringen im Zweifel mehr Zeit miteinander als ich mit meiner Familie."

Den Audi hat Schäfer selber ausgesucht. Aus zwei Gründen: "Er hat den größten Innenraum, das ist bei meinem Umfang ein echtes Argument." Und: "Er fällt am wenigsten auf. Ich brauche den großen Auftritt nicht, das ist nicht meine Welt. Ich bin schon von der Statur her nicht eben unauffällig."

Ministertage sind lang. Herr über seinen Terminkalender ist Schäfer schon lange nicht mehr. "Seither versuche ich, meinen Terminkalender mit meinem Leben zu synchronisieren", sagt er. Um 8.30 Uhr ist Schäfer für gewöhnlich im Büro. Freie Abende gibt es nur selten. Von einem Termin in Wiesbaden nach Wetzlar und anschließend noch in den hohen hessischen Norden nach Kassel - das ist das normale Tagespensum. Privatleben finde nur an Wochenenden statt. "Dann versuche ich Freiraum zu schaffen." Schon vor einigen Jahren hat er seine Familie nach Wiesbaden "geholt". Jedes zweite Wochenende verbringen die Schäfers - nach Möglichkeit - gemeinsam in der alten Heimat Biedenkopf, auch um alte Freunde zu treffen. All das erfordert viel Toleranz vom Partner. Seine Frau habe ihn zum Glück in diesem "Aggregatzustand" kennengelernt, sagt Schäfer und wirft noch einmal einen Blick in die Mappe mit den Zahlen und Fakten zu Leica Camera. "Ich bin eher schlecht darin, vorgeschriebene Reden abzulesen. Das tue ich eigentlich nur bei Regierungserklärungen und Haushaltsreden. Ansonsten mache ich das lieber spontan", sagt er, klappt die Mappe wieder zu und legt sie beiseite.

Das Spontan-Rezept geht auf, zeigt sich wenig später. Schäfers muntere Rede zur Eröffnung des Leica-Millionen-Projekts wird immer wieder vom Applaus der 2500 Gäste unterbrochen. Der Minister nimmt sich viel Zeit, die er eigentlich nicht hat. Wieder hinkt er deutlich dem Zeitplan hinterher. Das symbolische rote Band durchschneiden, dann noch ein paar Antworten in eine TV-Kamera.

Jetzt aber fix! Norbert Wolf tritt aufs Gas. Auf der Fahrt zur nächsten Station beim Schützenverein Erdbach gelingt es ihm immerhin, ein paar verlorene Minuten wieder reinzuholen. Schäfer bleibt gelassen. Und konzentriert sich auf dem Rücksitz auf seinen Gesprächspartner. Gleichzeitig auf die nächste Akte. "Multitasking" ist eine gefragte Fähigkeit bei Politikern, verrät er. Freunde in der Politik? "Die gibt es ganz sicher", sagt Schäfer. Mit Christean Wagner, dem langjährigen hessischen CDU-Fraktionsvorsitzenden, verbinde ihn eine lange Freundschaft. Mit Roland Koch auch. Dennoch warnt Schäfer mit der Erfahrung von 15 Jahren Regierungsarbeit an unterschiedlichsten Stellen vor einem Verschmelzen von Privatleben und Amt. Das sei ein Fehler, den viele seiner Kollegen machten. Erst nach Ende der Laufbahn registrierten sie dann, dass sich niemand mehr meldet.

Trotz der Schuldenbremse teilt der Finanzminister auch gerne aus

Trotz Schuldenbremse teilt der Finanzminister auch gerne mal aus. Wie etwa den Förderbescheid über 30 000 Euro an die Erdbacher Schützen. Kontrastprogramm: Eben noch im pompösen neuen Leica-Glaspalast, tritt Schäfer eine halbe Stunde später im abgelegenen kleinen Schützenheim oberhalb des Breitscheider 640-Seelen-Ortsteils auf. Auch hier trifft er den richtigen Ton: freundschaftlich verbunden auf Augenhöhe. Als Dank gibt es für den Gast aus Wiesbaden zwei Freikarten für das vom Verein veranstaltete Dorfrocker Open Air. Das freut den eingefleischten Bruce-Springsteen-Fan. Der bodenständige Hinterländer und Springsteen, der "Rock & Roll Working Class Hero" - irgendwie passt das.

Mit 48 gehört der Minister einer neuen Politikergenration an, der Kritiker ankreiden, sie könne mit keinen echten Typen aufwarten. Aus gutem Grund, meint Schäfer: "Typen von einst wie Franz-Josef Strauß oder Herbert Wehner wären in heutiger Zeit über ihre Jugendsünden gestolpert und gar nicht erst so weit gekommen. Was heute zählt, ist Managementkompetenz, die großen Visionäre gibt es immer seltener", meint er.

Für den letzten offiziellen Termin des Tages benötigt Schäfer keine Akte. Ein Heimspiel hat er an diesem Abend im Marburger Landratsamt. Zwölf Jahre lang war er hier als Kreistagsabgeordneter aktiv. Es sei ihm eine Herzensangelegenheit, seinen Parteifreund Manfred Vollmer, der 30 Jahre lang Bürgermeister in Stadtallendorf war, mit dem seltenen Verdienstkreuz 1. Klasse auszuzeichnen. Der "liebe Manfred" sei stets ohne "große politische Schnörkel" ausgekommen - so wie er selbst auch, sagt Schäfer in der Laudatio. Der "liebe Manfred" ist gerührt und verdrückt ein paar Tränen.

Emotionalisieren - eine Fähigkeit, die auch von einem "Landesvater", einem Ministerpräsidenten, verlangt wird. Längst wird Schäfer als Nachfolger von Volker Bouffier gehandelt, der Rückzug des 62-Jährigen ist absehbar. Zu gern wäre Schäfer der Frage danach aus dem Weg gegangen. Diploma-tisch antwortet er: "Ich bin nicht dem Wahn verfallen, auf Teufel komm raus Ministerpräsident zu werden. Wenn es jemand anderes wird, kann ich auch damit leben." Klingt so eine Absage? Nein. Denn nach einer kurzen Gedankenpause fügt der amtierende Finanzminister hinzu: "Wehren würde ich mich aber nicht dagegen."

 

Politischer Lebenslauf

Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) wurde am 22. Februar 1966 in Hemer (Sauerland) geboren). Er ist verheiratet, hat eine Tochter (5) und einen Sohn (3). Abitur und Bankkaufmannlehre machte er in Biedenkopf. Von 1985 bis 2006 war Schäfer Stadtverordneter in Biedenkopf, 1990 bis 2012 Kreistagsabgeordneter in Marburg-Biedenkopf. Nach einem Jahr als Syndikusanwalt für die Commerzbank in Frankfurt war der Hinterländer von 1999 bis 2002 Büroleiter im Justizministerium, danach drei Jahre lang Leiter der Grundsatzabteilung im Büro des Ministerpräsidenten. Staatssekretär im Justizministerium war Schäfer von 2005 bis 2009, dann wechselte er ins Finanzministerium und wurde 2010 Finanzminister. Einen Namen machte sich Schäfer als Koordinator der vier betroffenen Bundesländer bei der Opel-Rettung.


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