"Ich gebe Denkangebote"

INTERVIEW Kabarettist Mathias Richling gastiert am Dienstag in Wetzlar

"Lampenfieber hatte ich nie". Mathias Richling tritt am Dienstag mit seinem neuen Programm "Richling-Code" in der Wetzlarer Stadthalle auf. (Foto: privat)

?Herr Richling, mit welchen Themen beschäftigen Sie sich in Ihrem aktuellen Programm, mit dem Sie in der kommenden Woche auch nach Wetzlar kommen?

Mathias Richling: Der "Richling-Code" hat eine Grundstruktur, ist aber immer von dem geprägt, was gerade aktuell passiert und die Leute beschäftigt - also momentan etwa dem Papst-Rücktritt. Darüber hinausgehend beschäftigt sich das Programm mit den Missbräuchen in der Gesellschaft - nicht nur denen innerhalb der Kirche, sondern auch bei den Banken oder in der Politik. Ich versuche das aufzuschlüsseln und Aussichten zu geben, wie es weitergehen könnte. Wir befinden uns ja derzeit in einer Situation, wo sich der normale Bürger oftmals verlassen fühlt.

?Wie halten Sie sich über Politik auf dem Laufenden? Nur einmal "Tagesschau" gucken reicht da ja sicher nicht.

Richling: Das reicht ganz bestimmt nicht. Ich nutze sämtlich Medien - vor allen Dingen auch Zeitungen. Um sich ein Bild zu machen, muss man die verschiedensten Ansichten kennen. Ich lese täglich mindestens sechs bis acht Zeitungen.

?Und Sie reagieren dann auch unmittelbar auf jedes Ereignis auf der politischen Bühne?

Richling: Ja sicher. Ganz krass gesagt: Wenn morgen Herr Steinbrück als Kanzlerkandidat abberufen wird oder Frau Merkel zurücktritt, dann haben die in meinem Programm nichts mehr verloren. Nachtreten gilt nicht. Es geht darum, so aktuell zu bleiben wie die Tagesschau - allerdings auch mit Themen, die über den Tag hinaus interessieren.

?Das eine ist es, die Zeitungen zu lesen und sich zu informieren, das andere, daraus Texte zu machen und sich Pointen zu überlegen ...

Richling: Ja, das ist schon eine harte und intensive Arbeit. Da sitzt man den ganzen Tag am Schreibtisch. Wenn ich zum Beispiel eine halbstündige Fernsehsendung mache - wie jetzt aktuell für heute Abend mit "Studio Richling" im SWR -, ist damit eine ganze Woche Schreibarbeit verbunden.

?Und nicht zuletzt müssen Sie ein unglaublich gutes Gedächtnis haben, da Sie ja keinerlei Vorlage nutzen, von der Sie ablesen...

Richling: Das habe ich auch. Das gute Gedächtnis hat mir mein Vater vererbt. Zum anderen ist es Trainingssache. Es wäre für mich unvorstellbar, von einem Teleprompter abzulesen. Das Publikum würde es auch merken. Man guckt und spielt dann anders.

?Ein Blick auf Ihren Tourneeplan zeigt, dass Sie ständig unterwegs sind. Was ist Ihnen lieber, Fernsehen oder Live-Auftritte?

Richling: Man braucht beides. Ohne Fernsehen fehlt die Bekanntheit. Das ist leider so.

Generell sind es aber unterschiedliche Dinge. Was ich im Fernsehen an Masken habe, kann ich auf der Bühne nicht leisten. Da bräuchte ich jedes Mal eine halbe Stunde, um mich umzuziehen. Auf der Bühne muss ich das dann erspielen. Allerdings ist der direkte Kontakt zum Publikum wertvoller, weil das Publikum als Korrektor nicht zu unterschätzen ist.

?Was heißt das?

Richling: Ich erlebe es oft, dass sich Texte - wenn ich sie mehrfach vor Publikum spiele - verändern. An bestimmten Stellen merke ich dann, dass ein Satz zu viel ist oder ein anderer zum besseren Verständnis hinzukönnte. Darum möchte ich den Live-Auftritt nicht missen.

?Was ist Ihr Anspruch: Wollen Sie die Leute "nur" unterhalten oder eine politische Botschaft rüberbringen?

Richling: Natürlich beides. Die politische Botschaft darf nicht in einer Tirade von Überzeugungskraft untergehen. Der Mensch kann nicht über zwei Stunden nur katastrophale Meldungen ertragen. Wenn man die Leute aber erst unterhält, kann man ihnen auch dann zwischendurch etwas härtere Kost zumuten, also Themen wie Sterbehilfe oder Missbrauch. Das Lachen drumherum ist das Transportmittel, um die Leute bei Laune zu halten.

?Verspüren Sie als Kabarettist einen Bildungsauftrag?

Richling: Ich biete meine Gedanken an und gebe Denkangebote, aber das ist keine Verpflichtung, so zu denken wie ich. Ich gebe auch keine Wahlempfehlungen. Es ist natürlich schön zu merken, wie ich es immer wieder erlebe, dass Menschen bereit sind, sich für etwas zu öffnen - auch wenn sie nicht derselben Meinung sind. Der Mensch ist schon fähig, sich bilden zu lassen. Ich sage deshalb auch immer, dass das Fernsehen nicht einen Zuschauer verlieren würde, wenn es sich zum Auftrag machen würde, das Programm von Monat zu Monat im Niveau zu steigern. Die Leute sind bereit, etwas zu lernen. Man darf nicht nur die Bequemlichkeit unterstützen.

?Politisches Kabarett wird im Fernsehen leider meist sehr spät gesendet ...

Richling: Das ist mir unverständlich. Das Durchschnittspublikum von Kabarett ist um die 60 Jahre alt. Das sind keine Leute, die so wie ich bis nachts um drei Uhr aufbleiben. Das Bedürfnis ist da, Kabarett zu sehen und trotzdem versteckt man es im Programm. Die öffentlich-rechtlichen Sender, die eigentlich nicht auf die Einschaltquote schauen müssten, weil sie die Gebühren sowieso bekommen, blicken aber mittlerweile leider genauso auf Masse wie die Privaten. Wenn man so denkt, müsste man nur McDonald‘s zulassen und alle Spitzenrestaurants schließen.

?Wen parodieren Sie am liebsten?

Richling: Im Moment ist das Rainer Brüderle. Ich habe auch eine gute Nummer mit Sandra Maischberger und Helmut Schmidt. Dabei muss ich sagen, dass eine Parodie nicht ein Madigmachen sein muss, sondern auch eine Hommage sein kann. Eine meiner Stammnummern ist auch Winfried Kretschmann, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Am liebsten sind mir Politiker, die zwischen den Zeilen agieren - dazu zählt auch Bundespräsident Joachim Gauck - und nicht so krass wie früher ein Strauß oder ein Wehner.

?Haben Sie noch Lampenfieber?

Richling: Lampenfieber wie einige andere Kollegen hatte ich nie. Ich bin allerdings vor einer Vorstellung sehr konzentriert und möchte nicht angesprochen werden. Das gilt dann übrigens auch für die Dauer der Vorstellung.


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