Jugendlichen fehlt die Lobby

Standpunkt zur Schließung des Jugendzentrums

Von Jörgen Linker

Als vor wenigen Wochen in der finanziell klammen Gemeinde auch der Vorschlag im Raum stand, die Gewerbesteuer zu erhöhen, schlug die Industrie- und Handelskammer (IHK) Lahn-Dill Alarm.

Die Wirtschaftslobbyisten setzten sich sofort für die Unternehmen vor Ort ein. Sie kritisierten, der Standort Driedorf verspiele seine Zukunft, er zwinge Unternehmen dazu, ihre Geschäftstätigkeit und damit Arbeitsplätze zu verlagern. Und sie verabredeten sofort ein Treffen mit den Gemeindepolitikern.

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Anschließend war die Forderung nach höherer Gewerbesteuer vom Tisch. Obwohl die veranschlagten rund 200 000 Euro Mehreinnahmen den größten Teil des vom Bürgermeister vorgeschlagenen 566 000-Euro-Sparprogramms ausmachten.

Nach Berechnungen dieser Zeitung hätte die Gewerbesteuererhöhung folgende Auswirkungen gehabt: Ein für Driedorf großes Unternehmen mit 4,5 Millionen Euro Jahresgewinn hätte künftig rund 80 000 Euro mehr und somit insgesamt 615 000 Euro Gewerbesteuer zahlen müssen. Ein kleineres Unternehmen mit 100 000 Euro Jahresgewinn hätte künftig 10 400 Euro Gewerbesteuer zahlen müssen (bisher 9000 Euro).

Stattdessen spart die Gemeinde nun unter anderem bei der Jugendarbeit. Rund 70 000 Euro waren dafür eingeplant. Folge: Das Jugendzentrum soll geschlossen werden. Auch dagegen gibt es Protest. So haben 20 Jugendliche, Besucher des JuZ, eine Mitteilung verfasst, in der sie ihren Frust ausdrücken.

Wer hört sie? Werden sie zu einem runden Tisch eingeladen? Wer argumentiert, der Standort Driedorf verspiele seine Zukunft und zwinge Familien zum Umzug?

Bürgermeister Dirk Hardt (SPD) stützt seine Einwände gegen die JuZ-Schließung auf juristische Fehler. Verträge mit dem Anbieter der Jugendarbeit, der Caritas müssten eingehalten werden. Eine klare Aussage für oder gegen das JuZ ist das nicht. Er macht Sparvorschläge, und bei Sparbeschlüssen verweist er darauf, dass die ehrenamtlichen Gemeindevertreter darüber entscheiden müssten. Der hauptamtliche Bürgermeister hält sich raus. Kreis-Jugenddezernent und Kreis-Jugendamtsleiter sind offenbar gegen die JuZ-Schließung, sie haben Anmerkungen gemacht. Zaghaft.

Den Jugendlichen fehlt die Lobby. Eine Kinder- und Jugendkammer Lahn-Dill. Die Politiker und Honoratioren zu Empfängen lädt, sich mit ihnen zu Gesprächsrunden trifft und auf Entscheidungen einwirkt.

Die Gesellschaft hat ein Lobby-Ungleichgewicht.


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Kommentare (1)
Danke, Herr Linker für den Artikel und den Komentar.
Sie stellen nicht nur mein Weltbild wieder her, dass eine Zeitung parteipolitisch unabhängig sein soll und ihre es auch ist. Ich habe vor einiger Zeit Ihrem mehr
Chefredakteur (U. Röndigs) geschrieben:
" Normalerweise lese ich einen Artikel über die Driedorfer Lokalpolitik und weiß am Ende , ob ich mich freuen oder ärgern kann. Wenn S. Gerdau schreibt, weiß ich vorher wer zitiert und gelobt wird."
Nochmals Danke für die Forderung unseren Jugendlichen und damit dem JuZ eine Chance zu geben.
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