Mit dem Nachbarn in die Stadt

NAHVERKEHR Kreis prüft neue Modelle / Fahrplan mit Marburg "aus einem Guss"

"Mobilfalt" heißt das bundesweit einmalige Modellprojekt in Nordhessen, bei dem private Autofahrten den Fahrplan im öffentlichen Nahverkehr ergänzen. Auch im heimischen Landkreis sollen geprüft werden, inwieweit "Mobilfalt", Bürgerbus, Carsharing, Anrufsammeltaxi und anderes mehr das öffentliche Nahverkehrsangebot sichern oder gar verbessern können. (Foto: Zucchi/dpa)

Dem Werra-Meißner-Kreis in Nordhessen steht eine ähnliche Bevölkerungsentwicklung wie anderen ländlichen Gebieten ins Haus: Junge Leute ziehen weg, immer weniger Kinder sitzen in den (Schul-)Bussen, gleichzeitig dehnt sich der Unterricht in den Nachmittag aus, zur Mittagszeit rechnet sich kein Bus mehr in die Dörfer, irgendwann auch nicht mehr abends oder am Wochenende. Es gibt weniger Söhne und Töchter, die nah genug wohnen und Zeit haben, die Alten zum Arzt oder zum Einkaufen zu fahren. Die Senioren sitzen fest. Die armen Leute auch, die den Nahverkehr nicht zahlen können, der immer teurer wird.

n Menschen ziehen nicht hinaus aufs Land, so lange es dort kein Fortkommen gibt

Die Fahrgastzahlen sinken weiter, die Linien werden ausgedünnt, die Spirale dreht sich nach unten. Neue Menschen ziehen nicht zu, solange es auf dem Land kein Fortkommen gibt.

"Mobilität und Erreichbarkeit im öffentlichen Personennahverkehr sind für die Entwicklung des ländlichem Raums und unserer Region ein wesentlicher Faktor", stellen denn auch alle Fraktionen im Kreistag in dessen jüngster Sitzung übereinstimmend fest. Am Ende wird ein Aktionsprogramm zur Aufrechterhaltung, besser noch, zum Ausbau des Nahverkehrs beschlossen, dem alle außer der Linken zustimmen. Letztere sind nicht gegen mehr Busse und Bahnen zu jeder Tages- und Nachtzeit, sondern wollen, dass die Fahrt nichts kosten soll für die Gäste. Der Nulltarif soll zunächst nur für die Armen im Kreis und später für alle gelten. Wie das funktionieren und finanziert werden kann, soll der Kreisausschuss erarbeiten, fordert die Linke. Damit steht die Fraktion allein.

Alle anderen, also CDU, Grüne, Freie Wähler, SPD, FDP und Jens Fricke (Piratenpartei) einigen sich auf einen Sechs-Punkte-Auftrag an den Kreisausschuss, in dem viel von "prüfen" und "sich einsetzen" die Rede ist. So soll sich der Kreistag dafür einsetzen, dass der lokale Verkehr künftig ausreichende finanziert und das flächendeckende Angebot des öffentlichen Nahverkehrs weiter aufrecht erhalten wird. "Die Rahmenbedingungen dafür sind allerdings nicht besonders günstig", erklärt der Erste Kreisbeigeordnete Karsten McGovern (Grüne) als Vertreter des Kreises im überregionalen Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV).

n Verband baut Rhein-Main aus, Mittelhessen hat schlechtere Argumente

140 Millionen Euro Defizit hat der RMV pro Jahr, die Lage ist "finanziell extrem angespannt", so McGovern. Außerdem will der RMV erklärtermaßen die Verkehrsinfrastruktur im Rhein-Main-Gebiet ausbauen und verbessern, unter anderem mit einer neuen S-Bahn-Linie nach Friedberg.

Mit seinen sinkenden Fahrgastzahlen in Bussen und Bahnen hat das platte Land in Mittelhessen gegen den Großraum Frankfurt im Verkehrsverbund eindeutig die schlechteren Karten.

Nicht nur auf Landesebene, sondern auch im Kreis macht der öffentliche Nahverkehr immer mehr Minus: Rund 600 000 Euro pro Jahr werden die Kosten des Kreises für den Busverkehr in den nächsten Jahren ansteigen, rechnet McGovern im Kreistag vor, "bei gleicher oder vielleicht sogar geringerer Leistung". Aktuell zahlt der Kreis schon 3,2 Millionen Euro drauf.

Gründe genug also, kreativ zu sein, neue Wege im Nahverkehr zu gehen und neue flexible Bedienformen auszubauen.

Anruf-Sammel-Taxis, Carsharing, Mitfahrzentrale Pendlerportal oder ad-hoc-Mitnahme-Möglichkeiten via Smartphone und Internet wie besagtes "Mobilfalt"-Modell aus dem Werra-Meissner sollen nach dem Willen des Kreistags geprüft, in die Nahverkehrsplanung eingebunden und bestenfalls mit ihr "verzahnt" werden. Bei all dem soll der Einsatz von Elektrofahrzeugen geprüft werden. Ebenso, ob das Bürgerbus-System aus Weimar, bei dem ehrenamtliche Fahrer drei Mal pro Woche einen Bus durch die Ortsteile steuern, in Kooperation mit dem Verkehrsverband des Landkreises auch in anderen Kommunen ausgebaut werden kann.

In Kirchhain, so berichtet Angelika Aschenbrenner (FDP) in der Kreistagssitzung, wird es den Bürgerbus nach dem Weimarer Modell ab 2014 geben. Geprüft werden soll nach dem Willen des Kreistags auch die kreisweite Einführung der Clever Card für Schüler. 

Schließlich will der Kreistag noch eine Kooperation mit der Stadt Marburg in Sachen Nahverkehr - und zwar einen neuen Fahrplan in Stadt und Land aus einem Guss.


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