Nachgeben macht den Weg für Frieden frei

Von Mika Beuster

Eigentlich ist das ganz banal. Es ist sogar internationaler Konsens, und es gibt eine fertig ausgearbeitete Straßenkarte, die den Weg in diese Richtung weist. Doch wenn alle Konfliktparteien ständig sich darauf berufen, Recht zu haben, wird es kein Vorankommen auf dem Weg in Richtung Frieden geben.

Es ist beim Umsetzen der theoretisch funktionierenden, 2002 vorgestellten "Roadmap" - der Landkarte für den Frieden in Nahost - irgendwie genau so wie mit dem echten Straßenverkehr. Stadtplaner erstellen in ihrem Büro ausgeklügelte Wegführungen, planen Ampeln und Schilder - und am Ende gibt es doch Stau und alles steht. Die Lage im Nahen Osten ist vergleichbar mit der an einer Kreuzung ohne Straßenschilder: Vier Autos, jeder Fahrer hat Vorfahrt. Denn jeder kommt - von sich aus gesehen - von rechts. Bestehen nun alle Fahrzeuglenker auf ihrem Vorfahrtsrecht, gibt es kein Vorankommen. Es gibt keinen Grund, warum ausgerechnet einer der Fahrer auf sein Vorfahrtsrecht verzichten sollte, um die Situation zu lösen. Warum sollte ich nachgeben, wird sich jeder der Fahrer fragen, und nicht der andere?

Genauso wenig Fortkommen gibt es im Nahen Osten. Die "Roadmap" steht zwar - die Richtung ist vorgegeben. Dennoch stockt alles: weil beide Seiten ständig darauf beharren, recht zu haben.

Israel und Palästinensern geht es dabei genauso wie den Autofahrern an der Kreuzung: Sie sind beide jeweils im Recht, sie haben beide Vorfahrt, und beide haben gar keinen Grund zurückzuweichen.

Daher gibt es nur eine Lösung: Eine Seite muss freiwillig auf die Vorfahrt verzichten. Jetzt bot sich für Israel die Möglichkeit: Mit viel Souveränität und Zähneknirschen hätte man den Palästinensern den - letztlich symbolischen - Erfolg gönnen können, von der UNO anerkannt zu werden. Man hätte die gemäßigte Fatah und damit den verhandlungsbereiten Präsidenten der Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, gestärkt. Man hätte so auch ein Signal an die radikale und militante Hamas in Gaza gesendet: Seht, mit Verhandlungen erreichen wir Erfolge, nicht mit Raketen. Man hätte vielleicht erreicht, dass die Palästinenser so ihre eigene Spaltung zwischen radikalen Kräften und Pragmatikern überwinden können.

Wieder wurde eine Chance verpasst. Aber hoffentlich kommen weitere Gelegenheiten. Und hoffentlich gibt es in Zukunft starke Persönlichkeiten, die es schaffen, in festgefahrenen Situationen auf ihr Vorfahrtsrecht zu verzichten - und das alte Motto "der Klügere gibt nach", wenigstens ein wenig, wiederzubeleben. Natürlich - dem Gegner einen Erfolg zu gönnen, ist sicher nicht einfach. Aber wenn es die einzige Möglichkeit auf dem Weg zum Frieden ist, dann müssen friedliebende Politiker auch bereit sein, einen schmerzhaften Weg zu beschreiten.

Und am Ende sind es vielleicht gar nicht die Politiker, die den Frieden bringen. Sondern die Menschen auf beiden Seiten, die des Konfliktes und des Krieges so überdrüssig sind, dass es ihnen egal ist, wer Recht hat - und die ihr Recht auf Frieden einfordern und selber in die Hand nehmen.

n Artikel S. 1, Blickpunkt S. 3


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