Wiedervereinigung der Vereinigten Staaten

Von Mika Beuster

Vielleicht klingt das arg naiv aus heutiger Sicht, aber sogar das altehrwürdige Nobelpreis-Kommitee in Oslo ließ sich dazu hinreißen, Obama den Friedensnobelpreis nach kurzer Amtszeit zu verleihen. Welcher Mensch - und mittlerweile hat sich in der Tat herausgestellt, dass Obama auch nur ein normalsterblicher Politiker ist - kann solchen Ansprüchen genügen?

Warum Obama wie ein Popstar umjubelt wurde, und dass rückblickend die Erwartungen allzu naiv waren - die Debatte darüber ist müßig. Jetzt wurde Obama knapp im Amt bestätigt, nicht weil er die USA von seinen Fähigkeiten als Anführer überzeugt hat, sondern schlicht, weil Gegenkandidat Mitt Romney eine noch schlechtere Figur machte.

Der emotionale Rückenwind fehlt Obama aber ausgerechnet nun, wo er vor einer Nation steht, die so tief zerrissen ist, die vor epochalen Aufgaben steht, die sich die Sinnfrage stellt.

Vorwärts will Obama sein Land führen - doch in welche Richtung? Die Republikaner haben ihren Ängsten schon im Wahlkampf Ausdruck verliehen, sie wollen nicht in die Richtung mitgehen, in die Obama sie führen will.

Die Konservativen fürchten sich vor zu viel Einmischung der Regierung in ihre Belange und dass die Wirtschaft dadurch abgewürgt wird.

Die Konservativen fürchten sich vor dem demografischen Wandel: Schon bald werden die Weißen nicht mehr die Mehrheit der Einwohner in den USA stellen - nicht nur linientreue Republikaner fremdeln bei dieser Vorstellung.

Für viele der tiefreligiösen Wähler von Republikanern ist Abtreibung gleichbedeutend mit Mord und die nun in mehreren Staaten eingeführte Homo-Ehe ist für sie eine Bedrohung ihrer Kultur. Und überhaupt bemängeln sie den internationalen Abstieg Amerikas. Kurzum: Die Konservativen fühlen sich nicht mehr zuhause in ihrem Land, und ihre Verunsicherung projizieren sie auf eine Figur, die sie für dieses Gefühl verantwortlich machen: Barack Obama.

Sicher - aus europäischer Perspektive mag man sich lustig machen über solche Vorstellungen. Hierzulande hätten fast 90 Prozent den Demokraten Obama gewählt.

Republikaner sind in den Augen vieler Deutscher verschrobene, waffenvernarrte Hinterwäldler, die sich die gesellschaftlichen Verhältnisse der 50er oder 60er Jahre herbeisehnen. Ganz falsch liegen sie mit dieser Vorstellung vielleicht nicht, aber es ist nur eine Seite der Medaille.

Viele Republikaner sind normale Amerikaner, die mit dem rasanten Wandel in ihrem Land nicht klarkommen, die sich klare Regeln herbeisehnen, und die wollen, dass ihre moralischen Standards gelten.

Obama hat in den ersten vier Jahren versucht, sein Land durch vielerlei Reformen zum Glück zu zwingen. Doch beglückt waren die Amerikaner nicht. Obwohl die als "Obamacare" in die Geschichte eingegangene allgemeine Gesundheitsversicherung vernünftig ist, wird sie in den USA von vielen gehasst und als Bevormundung durch den Staat empfunden.

Völker haben eben ihre Befindlichkeiten, die in ihren historischen und kulturellen Wurzeln zu suchen sind. Man kann Völker nicht zu Reformen zwingen, sie müssen von einer Mehrheit unterstützt werden.

So wäre es in Deutschland ja auch schwer vorstellbar, dass ein Tempolimit auf Autobahnen von 120 Stundenkilometern eingeführt wird - auch wenn es vernünftig wäre.

Genauso wenig lassen sich die Amerikaner von einer staatlichen Krankenversicherung überzeugen, oder davon, dass der Staat die Wirtschaft besser lenken kann als Privatunternehmen selbst.

Wenn Obama diese Lektion über sein Land gelernt hat in den vergangenen vier Jahren, dann hat er reelle Chancen, die USA wirklich nach vorne zu bringen.

Ja, vorwärts - "foreward". Aber langsam, behutsam, überzeugend, mitnehmend, versöhnend. Preise wird er dafür wohl nicht mehr erhalten, auch keine Jubelstürme aus Europa.

Wenn er es richtig macht, wird man nach vier Jahren vielleicht noch nicht einmal allzugroße Unterschiede zu heute feststellen können.

Das wäre dann aber Obamas wirkliches Verdienst, jenseits von zu früh verliehenen Ehrungen aus Oslo: die nachhaltige Modernisierung Amerikas mit kleinen Schritten. Sie mus unter der Beteiligung aller - bislang verfeindeten und tief verletzten - Gesellschaftsgruppen gelingen, die Konservativen wieder mitnehmen auf dem Weg nach vorne.

Die Aufgabe lautet: die Wiedervereinigung der Vereinigten Staaten von Amerika. Angesichts der Alternative eine lohnende Aufgabe - denn die einzige andere Option wäre der Rückschritt.

n Bericht S. 1, Blickpunkt S. 3, Artikel auf dieser Seite


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