Zwischen Macht und Menschlichkeit

REPORTAGE Landfrauen-Glanz und raue Lebenswirklichkeit: Ein Tag mit Hessens Ministerpräsident Bouffier

... einer Bürgerin und TV-Moderator Willi Weitzel. (Fotos: Klein)

Begegnungen auf Augenhöhe: Volker Bouffier, konfrontiert mit dem harten Alltag von Altenpflegerinnen und im lockeren Plausch mit ...

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Die Mittagssonne knallt gnadenlos auf den Hessentag. Bouffier hat sein Jackett abgelegt. "Das heute geht ja noch", sagt er dem Reporter, der ihn einen Tag lang begleitet, um sich der Antwort auf die Frage zu nähern, wie mächtig ein Ministerpräsident eigentlich ist - und wie menschlich. "Pfingsten war es unerträglich heiß hier", erzählt Bouffier, "da sind Sie nach 15 Stunden fix und fertig."

Was dem 62-jährigen Mittelhessen an solchen Tagen hilft: Er ist Sportler. Vielleicht hätte er auf diesem Feld sogar Karriere gemacht, hätte es 1974 nicht diesen schrecklichen Einbruch gegeben. Ein schwerer Verkehrsunfall riss Bouffier aus seinem bis dahin so geradlinig verlaufenen Leben. Der Unfall geschah, als er die alte Heimat seiner Mutter im Südosten Europas besuchen wollte. Bouffier war schwer verletzt, lag mehrere Monate völlig eingegipst im Krankenhaus. Der Unfall hat Bouffier verändert - an diesem heißen Juni-Tag an der Bergstraße zeigt sich, wie.

Als der Landesvater, gefolgt von einem Tross aus Pressevertretern, Mitarbeitern der Staatskanzlei und örtlichen Organisatoren, über das Festgelände zieht, wird es plötzlich ernst. Noch kurz zuvor hat sich Bouffier im Glanz der Landfrauen gesonnt und über den Sinn und Unsinn der Wärmedämmung bei Altbauten philosophiert. Jetzt begegnet ihm die raue Lebenswirklichkeit. Genau die, die er selbst 1974 kennenlernen musste. Und was, wie er später einmal erzählte, seinen Sinn für die sozialen Belange der Gesellschaft geschärft hat.

947 Unterschriften haben sie binnen vier Tagen gesammelt. Weil für sie der Alltag in der örtlichen Diakoniestation immer unerträglicher wird. "Wir haben nicht genügend Pflegepersonal, um Menschen menschlich zu versorgen", erzählt die Altenpflegerin am Stand der Diakonie auf dem Hessentag. "Und wir haben keine Zeit, Gespräche mit den Menschen zu führen, ihnen die Angst vor dem Sterben zu nehmen." Zeit hat auch Bouffier nicht - eigentlich. Doch als das "Protokoll" ihn zum Weitergehen drängen will, weil er schon eine halbe Stunde dem eng getakteten Zeitplan hinterherläuft, wird er beinahe ungehalten. "Die junge Frau hat sich auf diese Begegnung mit mir vorbereitet", sagt Bouffier mit fester Stimme. "Jetzt soll sie in Ruhe ausreden dürfen." Es wird der längste Stopp seines Rundgangs an diesem Tag.

Macht und Menschlichkeit - am Stand der Diakonie auf dem Hessentag prallen sie aufeinander. Bouffier ist gerührt. Vielleicht geht ihm in diesem Moment seine Mutter durch den Kopf, die 87 Jahre alt ist und die er immer seltener sieht, seit er als Regierungschef noch mächtiger geworden ist. Oder die Monate, als er selbst hilflos im Gips lag und auf die Zuwendung von genau jenen Menschen angewiesen war, die nun vor ihm stehen. "Wir werden im Pflegebereich manches verbessern", kündigt Bouffier an. Aber er erklärt den Pflegerinnen auch ausführlich, was die Kehrseite einer besseren Pflege ist: nämlich höhere Versicherungsbeiträge für die Arbeitnehmer. Und er vergisst auch nicht zu erwähnen, dass Hessen die Ausbildungsplätze in der Altenpflege verdoppelt habe und die Ausbildung kostenfrei sei. Er wirkt immer noch gerührt, als er sich mit den Worten verabschiedet: "Ich verspreche nichts, was ich nicht halten kann. Aber ich bemühe mich."

Menschlichkeit kennt für Bouffier anscheinend keine Grenze, Macht sehr wohl. Für die Verbesserung der Pflege ist in erster Linie nicht er zuständig, sondern der Bundesgesundheitsminister. Aber die Bundesländer, also auch Bouffier, regieren über den Bundesrat mit. Am nächsten Tag treffen sich die Länderchefs in Berlin zur Ministerpräsidentenkonferenz und anschließend gemeinsam mit der Kanzlerin. Allein für diesen Termin muss Bouffier vier Leitz-Ordner durcharbeiten. Schließlich geht es da immer um viel Geld, gerade aus hessischer Sicht. Ihn wurmt es, dass Hessen seit 1990 rund 40 Milliarden Euro in den Finanzausgleich der Länder gepumpt hat, während Berlin mehr als diese Summe kassiert hat und seinen Bürgern nun kostenlose Kita-Plätze anbieten kann. Die Macht, diesen Mechanismus einfach auszuhebeln, hat er aber nicht.

Er packt sein Zigarillo-Päckchen aus, bestellt einen Eiscafé

Bevor Bouffier ins Flugzeug nach Berlin steigt, nimmt er sich noch Zeit für ein Gespräch. Auf der Terrasse eines Hotels am Rande des Hessentags hat er jetzt auch seine Krawatte gelockert. Er packt sein Zigarillo-Päckchen aus, bestellt einen Eiscafé. Im Kopf lässt er den Tag vorüberziehen. Das Pflegethema hat ihn am meisten berührt. "Wissen Sie", beginnt er, "ich laufe hier nicht von Stand zu Stand, um schöne Bilder zu produzieren. Ich nehme die Menschen ernst. Und sie dürfen erwarten, dass man ihnen zuhört." Und dann kommt er auf das Grundlegende zu sprechen, das, was aus seiner Sicht Begegnungen wie jene mit der Diakoniestation ausmacht. "Politik hat ja nicht den allerbesten Ruf. Ich sage: zu Unrecht! Die Menschen wissen häufig gar nicht, dass ein Politiker die Dinge, die sie bewegen, sehr gut kennt." Dies wolle er den Bürgern seines Landes gerne zeigen. Deshalb gehe er immer wieder auf Tuchfühlung mit den ganz normalen Leuten, nicht nur mit Medien- und Verbandsvertretern.

In diesem Punkt ist der Mittelhesse ein Gegenentwurf zu seinem Vorgänger Roland Koch. Der vermochte es weit weniger als Bouffier, Menschen in seiner Umgebung das Gefühl zu geben, dass sie auf einer Augenhöhe mit ihm agieren. Koch hatte davon gesprochen, dass die CDU zur "Hessenpartei" werden müsse - so wie die CSU in Bayern. Koch selbst hat es nicht geschafft, dieses Ziel zu erreichen. Zu sehr war er Polarisierer. Solche Politiker-Typen sind immer weniger gefragt, was zu einem großen Teil die lange Kanzlerschaft Merkels erklärt. In diesem Punkt ist der Pragmatiker Bouffier Merkel sehr ähnlich. Bouffier spricht nicht von der "Hessenpartei" - er lebt sie. Jemand wie er kann sogar mit den Grünen - und die mit ihm.

Ideologien sind Bouffier fremd, auf starre Weltbilder reagiert er allergisch. Dass SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles am Mindestlohn ohne Ausnahmen festhält, bringt ihn auf die Palme. Dass Nahles damit ganze Landstriche und Branchen wie etwa Zeitungsverlage in Existenznöte bringe, dafür habe er kein Verständnis. "Wer ein bisschen mit dem Leben in Verbindung steht, der weiß, dass Zeitungszusteller sich nur etwas hinzuverdienen und davon nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen", sagt Bouffier. Deshalb mache eine starre Regelung dort gar keinen Sinn. "Das ist schlichte Lebenserfahrung", sagt er. Dabei müsse sie doch nur über die Grenze nach Frankreich schauen. Dort hätten solche strengen Regulierungen des Arbeitsmarktes zu einer Rekordarbeitslosigkeit geführt.

Und wieder schließt sich der Kreis. Schon in jungen Jahren, als der sich in seiner Heimatstadt Gießen in der Jugendorganisation der CDU engagierte, störte ihn der "Fundamentalismus" der linken Konkurrenz. Auch er habe seinerzeit die Gesellschaft modernisieren wollen, aber Eigenschaften wie Toleranz und Freiheit seien ihm dabei immer wichtig gewesen. Die habe er bei den Linken vermisst.

Dass er heute mit einer Partei regieren würde, die eine ihrer Wurzeln auch in jenem Milieu der 68er-Bewegung hat, hätte Bouffier wohl damals nicht gedacht. Damit hat er auch die Union in Hessen auf einen anderen Kurs geführt. Der Bogen von Alfred Dregger über Koch bis Bouffier ist weit. So herzlich warm Bouffier dabei nach außen wirkt, so kühl ist sein Machtinstinkt. Bouffier ist der Architekt der ersten schwarz-grünen Koalition in einem Flächenland. Sie könnte zum Modell für den Bund werden und damit zur nationalen Machtbasis der Union. Deshalb ist Bouffier unter Merkels fünf Stellvertretern vielleicht der wichtigste. Es schwingt wohl auch der Gedanke an diese Verantwortung mit, wenn Bouffier auf die Frage antwortet, was ihm an einem Leben im politischen Hamsterrad so erstrebenswert erscheint. "Ich will die Welt noch ein Stück verändern, so weit ich kann", sagt er. Sein politisches Amt sei nicht dazu da, "Ruhm zu erlangen, sondern um zu gestalten und zusammenzuführen". Dabei helfe ihm seine Familie, deshalb sei er in Gießen wohnen geblieben und nicht in die Dienstvilla des Ministerpräsidenten nach Wiesbaden umgezogen.

Das klingt menschlich. Und soll es wohl auch. Aber Menschlichkeit hat im Politikbetrieb nicht den größten Stellenwert. Am nächsten Tag, im Kreis der Länderfürsten, geht es um knallharte Machtfragen.


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