Neues Leben in der Arktis

Abenteuer Auswandern
Ausgewandert in die Arktis
Die wilde und ursprüngliche Natur Grönlands übt auf viele Menschen eine große Faszination aus. Foto: Julia Wäschenbach
Ausgewandert in die Arktis
Michael Schluchtmann und seine Frau Tatiana leben seit sechs Jahren auf der Insel. Foto: Julia Wäschenbach
Ausgewandert in die Arktis
Der Braumeister Jörg Sennhenn hat sich für ein Leben auf der dünn besiedelten und urtümlichen Insel entschieden. Foto: Julia Wäschenbach
Ausgewandert in die Arktis
Für Ebbe Volquardsen, Junior-Professor in Kulturgeschichte war die Auswanderung nach Grönland eine spontane Entscheidung. Foto: Julia Wäschenbach
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Grönland ist ein dünn besiedeltes Land. Der mit Abstand größte Teil der Polarinsel ist von einer dicken Eisdecke bedeckt. Doch auch im bewohnbaren Teil lebt auf zehn Quadratkilometern im Durchschnitt nur etwa ein Mensch. Das klingt einsam. Und kalt. Trotzdem kommen mehr Urlauber als früher, trotzdem hat es viele Auswanderer in das wilde, faszinierende Land gezogen.

Auch rund 50 Deutsche - fast nur Männer - haben zwischen Fjorden und Bergen ein neues Zuhause gefunden. Drei von ihnen erzählen von sich:

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DER TAUSENDSASSA

«Fischen hat hier nichts mit Angeln zu tun. Das ist Abholen.» Weil so viele Fische einem dort fast vor der Nase umher schwimmen. Im Hafen von Nuussuaq, einem Teil der grönländischen Hauptstadt Nuuk, liegen im Mai schon Boote im Wasser, obwohl es ein außergewöhnlich schneereicher Winter war. Eines von ihnen gehört Michael Schluchtmann. Das acht Meter lange Gefährt heißt «Nukappissat», übersetzt aus dem Grönländischen etwa «Die drei Brüder». Schluchtmann will es bald umbenennen. «Ich kann kein Boot haben, das keinen Frauennamen hat», sagt der 47-Jährige. Tanja soll es heißen, in Anlehnung an den Namen seiner russischen Frau, Tatjana.

Schluchtmann löst die Taue und klettert ins Innere der «Drei Brüder». An Bord riecht es nach Motoröl. Werkzeuge liegen auf dem kleinen Tisch und der Bank links vom Fahrersitz verstreut.

Es ist die Jungfernfahrt des Bootes in diesem Sommer. Für die Tour hat der besonnene Norddeutsche Schokobrötchen eingepackt. Ab jetzt wird Schluchtmann jedes Wochenende und manchmal auch in der Woche im Fjord vor Nuuk unterwegs sein. «Ich bin auf dem Wasser zu Hause», sagt er. Der Hamburger wohnt seit sechs Jahren in Grönland. Und eines fasziniert ihn nach wie vor: «Wenn du hier die Stadt verlässt, bist du innerhalb von Sekunden in einer anderen Welt.»

Der Schiffsmotor beginnt zu rattern. Über den Felsen im Fjord schimmert der Himmel blau. Wäre das Knarren des Motors nicht, wäre es ganz still. Schluchtmann schaut konzentriert nach vorne. Hinter ihm wird Nuuk am Fuße des Sermitsiaq kleiner. Der etwa 1200 Meter hohe Berg ist das Wahrzeichen der Stadt mit gut 17 000 Einwohnern.

Grönland, das ist für Schluchtmann heute Heimat. Auch wenn andere über Probleme mit Armut und Alkoholismus klagen. «Es ist das erste Land, in dem ich mich wirklich zu Hause fühle», sagt er. «Egal, wo ich war, irgendwie hatte ich immer etwas zu meckern.» Was ihm so gut gefällt? «Dass hier alles ein bisschen lockerer ist.» Dass es so sicher ist. «Vom Terror merken wir hier nichts.»

Und die Menschen geben aufeinander acht. «In Hamburg könntest du in deiner Wohnung krepieren, und die Leute würden es nicht merken. Hier kannst du nicht einfach so verschwinden. Jeder kümmert sich.»

Irgendwo im Fjord, ohne Navigationssystem hätte man schon längst die Orientierung verloren, trifft Schluchtmann mit seinem Boot auf zwei Fischer. Von ihrem Kutter aus, von dem die Farbe abgeblättert ist, haben sie ein Netz ausgeworfen. Die beiden Männer ziehen einen Steinbeißer nach dem anderen in ihr Boot.

«Willst du einen haben?», ruft einer von ihnen, ein schnurrbärtiger, stämmiger Kerl. Der Wahl-Grönländer navigiert näher an das fremde Boot heran. Vier große Tonnen Fisch haben die beiden schon vollgemacht, es ist 15 Uhr. Die Männchen schmeißen sie sofort zurück ins Wasser, die Weibchen behalten sie. Denn in ihrem Bauch steckt der Rogen. Anderswo eine Delikatesse, hier normale Alltagskost.

Das Meer ist der Supermarkt vieler Grönländer, der Fischfang nach wie vor der wichtigste Wirtschaftszweig. Während in den Ladenregalen manchmal Wochen und Monate kaum Gemüse zu finden ist, weil das Schiff sich den Weg durch das Eis nicht bahnen konnte, ist das Wasser immer voller Fische. 

Schluchtmann streckt den Arm über die Reling und nimmt das nass-glatte Geschenk entgegen. In einer Ecke am Heck des Bootes schneidet er dem toten Tier den Kopf ab. Dann holt er die «Hose» heraus: Unzählige winzige Eier fischt er mit den Händen heraus. Er schmeißt sie in eine Plastiktüte. Eine glitschige Angelegenheit, aber streng riecht der Fisch nicht. «Ist ja ganz frisch», sagt Schluchtmann. Der norddeutsche Einschlag bleibt bei ihm auch nach Jahren im Ausland spürbar.

Inzwischen hat es angefangen zu regnen. Die Tropfen zeichnen flüchtige Kreise ins stille Fjordwasser. Das Thermometer zeigt drei Grad. In Nuuk freuen sich alle über den Regen, er kündigt endlich das Frühjahr an. Viele Autos sind in der Stadt auch Mitte Mai noch bis aufs Dach eingeschneit.

Auf dem flachen Computerbildschirm in seiner Wohnung auf einem Hügel über Nuuk klickt Schluchtmann zwischen ganz anderen Bildern hin und her. Die Söhne seiner Frau Tatjana, Denise (13) und Daniel (10), wie sie im Sommer in den eiskalten Fjord springen - und gleich wieder bibbernd an Land eilen. Ein Lagerfeuer mit Freunden. Die Familie an Bord der «Drei Brüder». «Ich bin eigentlich wunschlos glücklich», sagt Schluchtmann. «Mir fehlt es hier an nichts.»

In Nuuk ist der 47-Jährige neben seiner Arbeit bei der lokalen Telekommunikationsgesellschaft nicht nur Hobby-Angler, sondern auch Weihnachtsmann. Heiligabend besucht er jedes Jahr 15 Kinder, aber um 18 Uhr ist er wieder daheim bei der Familie.

Außerdem ist Schluchtmann noch etwas: «Doctor of Motivation». Den Titel habe ihm seine dänische Segeltruppe verliehen, kurz bevor er nach Grönland ausgewandert sei, erzählt er. Weil er das Team immer «obenauf gehalten» habe. «Das bedeutet mir mehr als meine Ausbildung, weil es mehr über meine Persönlichkeit aussagt.» Eingerahmt hängt der Doktortitel an der Wand im Flur.

In der Wohnung duftet es nach Zwiebeln. Zum Abendessen gibt es Kohltarte, eine russische Spezialität. Tatjana Schluchtmann steht in der Küche und spült den Fischrogen ab. Später beim Essen wird sie fragen: «Möchte jemand die letzten Fischeier?» Und sie anschließend mit einem verschmitzten Lächeln auf ihren Teller schaufeln, zusammen mit einem Löffel Crème fraîche. «Ich liebe die!» Währenddessen wird Schluchtmann Denise und Daniel ermahnen, die lieber herumalbern, als ihre Teller leer zu essen. Eine ganz normale Familie am Polarkreis.

DER BRAUMEISTER

«Es muss Spaß machen, sonst hältst du es nicht durch.» Seit sechs Uhr morgens steht Jörg Sennhenn in der zugigen kleinen Brauerei in der Innenstadt von Nuuk, nur einen Steinwurf von Kulturzentrum, Kirche und dem Hotel «Hans Egede» entfernt, das nach dem Gründer der Stadt benannt ist. An den Füßen trägt er klobige schwarze Gummistiefel. Fast jeder Tag beginnt für den hessischen Braumeister so früh. Im Winter ist es stockdunkel, wenn er aus dem Haus geht.

Dieser Mittwoch wird besonders lang. Zwei Chargen Bier will der 53-Jährige aus Eschwege heute brauen. Dafür mahlt sein Helfer Sindri, ein Isländer, säckeweise Malz, während sich Sennhenn eine Zigarette anzündet. Er hat das Tor seiner Brauerei von innen hochgeschoben. Der Wind fegt ihm heftig um die Nase und mischt sich mit dem Malzgeruch.

«Mein Plan war schon immer, nicht mein ganzes Leben in Deutschland zu verbringen», sagt der Braumeister mit fast kahlgeschorenem Kopf und kantiger Brille.

Vor sechs Jahren wanderte Sennhenn eher zufällig nach Grönland aus. Auf einer Job-Plattform für Brauer war eine Stelle in Nuuk ausgeschrieben. «Ich habe viele Bewerbungen geschrieben, und von hier eben eine positive Antwort bekommen», sagt er und zuckt mit den Schultern. Bereut hat er die Entscheidung nur einmal. Gleich in der ersten Woche. «Da wollte ich zurück», sagt er. «Ich habe gedacht, es wäre mir alles zu teuer.» Heute trägt Sennhenn ein Tattoo mit einem Eisbären als Motiv auf der Brust, auf dem linken Arm einen Wikinger.

Kälte und Dunkelheit haben den 53-Jährigen nicht beeindruckt. «Als Braumeister sind wir Kälte ja gewohnt.» Auch die 400 Stunden, die er anfangs im Monat arbeitete, steckte er weg. «Das hier ist nicht nur ein Job.»

Für Sennhenn ist das Brauen eine Kunst, wie das Kochen es für viele Köche ist. «Deshalb unterhalte ich mich gern mit Köchen.» Im «Godthaab Bryghus» - Godthaab ist der dänische Name von Nuuk - hat er Porter mit Kokos, Lager mit Zitronengras und Bier mit deutschen Sauerkirschen gebraut. In «Eric The Red» stecken Chili und Honig aus Südgrönland, dem «Garten Grönlands», wo immer mehr Landwirte im milderen Klima versuchsweise Gemüse anbauen und Vieh halten.

In einer größeren Brauerei in Deutschland hätte er wohl nicht die Freiheit, so zu experimentieren, meint Sennhenn. «Das würde mich in meiner Kreativität hemmen.» Hier ist er sein eigener Chef. Das neueste Projekt ist ein Champagnerbier namens «Pullartat».

Während die Maische - eine Mischung aus Malz und Wasser - in einer Würzleitung gekühlt wird, verschließt Sennhenn an einem kleinen Apparat Fünf-Liter-Fässer mit dem Getränk. Um das Champagnerbier auch in edlen Flaschen vertreiben zu können, hat er extra eine Maschine für die Korken bestellt und Etiketten designen lassen, die er aus einem Schrank in seinem Büro holt.

Aus seiner Heimat fehlt dem Hessen wenig, abgesehen von ordentlichem Brot und Bratwurst. «Ich fühle mich eher fremd, wenn ich mal in Deutschland bin und den ganzen Stress sehe. Wie die Leute in der U-Bahn wuseln.»

In Grönland ist Zeit nicht so wichtig. Oft regiere Gelassenheit - im Guten wie im Schlechten, meint Sennhenn. «In Deutschland setzen sich manche Leute wegen unwichtiger Dinge unter Druck. Da frage ich mich: Warum?». Grönländer ließen vieles auf sich zukommen. «Wie wird das Wetter morgen? Das sehe ich morgen. Ändern kann ich es eh nicht.»

Wenn in der Brauerei etwas kaputt ist, wartet Sennhenn manchmal zwei Monate aufs Ersatzteil. Das übt in Gelassenheit. «Man lebt hier mehr mit der Natur», sagt er. Wenn es stürme, gingen die Einheimischen mit ihren Kindern eben an einer Leine spazieren. «Es macht auch Spaß, im Schneesturm zu laufen. Dann merkt man erstmal, wie klein man ist.»

DER JUNIOR-PROFESSOR

«Ich habe nie geplant, nach Grönland zu kommen.» Ebbe Volquardsen, kariertes Hemd, kurze, dunkelblonde Haare, sitzt auf dem grauen Stoffsofa in seinem Büro. Das Jobangebot von der Insel in die Arktis kam für den Junior-Professor in Kulturgeschichte überraschend. «Kurz vor Weihnachten 2015 wurde ich gefragt, ob ich am 1. Januar anfangen könnte», erzählt er. Wow, die Grönländer sind spontan, ging ihm durch den Kopf.

Eine Beobachtung, die er später, in Nuuk, immer wieder machen wird. «Man wird nicht zum Geburtstag in drei Wochen eingeladen, sondern übermorgen», sagt der 35-Jährige. «Man macht sich keine Sorgen, was in einem halben Jahr sein könnte. Und ob ich morgen mit dem Boot rausfahren kann, weiß ich eben morgen.» Die unberechenbare Natur hat die Grönländer anpassungsfähig gemacht.

Im Gegensatz zu vielen der Inselbewohner ist Volquardsen kein Naturmensch. «Seine Faszination für die Polarinsel fing mit einem «originär grönländischen Schnupfen» an. Als frischgebackener Dozent war der Norddeutsche 2010 mit einer Gruppe Studenten in Nuuk und in der Stadt Ilulissat, nachdem er mit einer Kollegin ein Jahr lang Anträge geschrieben hatte. Dazu sagt er heute: «Das hat mein ganzes weiteres Berufsleben geprägt.»

Als er nach Berlin zurückkam, hatte Volquardsen nicht nur eine verstopfte Nase, sondern auch eine neue Leidenschaft. Postkolonialismus war als Forschungsgebiet in der Skandinavistik damals noch so gut wie gar nicht präsent. An der Uni in Nuuk bekommt der Deutsche heute hautnah mit, wie sich die Kolonialvergangenheit der Inselbewohner auf ihr Wesen auswirkt. «Grönländer sind sehr schüchtern», sagt Volquardsen. In seinen Vorlesungen hört er kaum ein kritisches Wort. Und findet noch etwas komisch: «Ich unterrichte Grönländer in deren Landesgeschichte auf Dänisch.»

Einmal in der Woche lernt Volquardsen Grönländisch. Aber es geht nur langsam voran, grämt er sich. «Es ist so weit entfernt von allen Fremdsprachen, mit denen ich jemals in Berührung gekommen bin. Die ganze Sinnproduktion ist eine andere.» Das Grönländische macht keinen Unterschied zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Und ein Wort kann einen ganzen Satz lang sein. Das grönländische Wort für Kartoffel, «naatsiiat», heißt etwa übersetzt: etwas, worauf man lange warten muss, bis es gewachsen ist.

Mit seinen Bekannten in Nuuk spricht Volquardsen deshalb nach wie vor Dänisch. Doch auch das wird irgendwann anstrengend. Zum Abschalten sieht er den ARD-«Tatort» in der Mediathek. «Es ist angenehm, abends mal zwei Stunden lang seine eigene Sprache zu hören.»

Seit dem Umzug nach Grönland fühle er sich wieder viel mehr als Europäer, sagt er. Seine Heimat besucht Volquardsen nicht nur, um seine Familie zu sehen. «Wenn ich in der Fußgängerzone in Niebüll bin, und wenn es nur ein Tag ist, bin ich ganz wild am Shoppen. In Deutschland kauft er Shampoo, in Dänemark Rasierschaum.

Denn das Leben in Nuuk ist teuer. Ein großes Heineken im Café «Pascucci» kostet 82 dänische Kronen (rund 11 Euro). Dass Volquardsen wie an diesem Abend noch mit dem Bus in die Stadt fährt, um im Café ein überbackenes Sandwich mit Ofenkartoffeln zu essen, kommt deshalb selten vor. «Wenn ich Bock auf etwas Süßes habe, backe ich mir einen Kuchen», erzählt er. «Wenn ich Lust auf Pizza habe, knete ich einen Teig. Das ist doch toll. Das habe ich zu Hause nie gemacht. Das entschleunigt doch auch total.»

Beim Umzug an den Polarkreis hat sich Volquardsen von vielen Dingen getrennt, die nicht wichtig waren. In Deutschland hat er keine Adresse mehr und keinen Lagerplatz für seine Möbel. «Alles, was ich habe, habe ich hier», sagt er. Ein klarer Schnitt. Wie lange er denn geplant habe zu bleiben? «Vielleicht für immer.»

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