Noch immer mitten im Leben

KONZERT Udo Jürgens singt sein Lebenswerk wie ein Vermächtnis in die Nacht

Alles ist möglich: Udo Jürgens geht mit 80 auf seine 25. Konzerttournee. (Foto: Maurer/dpa)

Später tut er das wie immer im weißen Bademantel und ganz zum Schluss in hellblauer Jeans, weißem Hemd und Turnschuhen. Gefühle pur für drei Stunden - und mancher fragt sich: War es das nun - die 25. Konzerttournee durch 50 Hallen?

Glaubt man dem Text seines Titelsongs der aktuellen CD, dann ist nicht ausgemacht, dass diese Tournee für den 80-Jährigen bereits der Abschied von der Bühne ist. "Mitten im Leben", heißt es da, "und du packst es an. Alles ist möglich, sag einfach: Ja, ich kann!" Leider gibt der wohl größte deutschsprachige Chansonnier, Entertainer, Musiker und Komponist aller Zeiten dieses großartige Stück, zugleich der Titel der Tournee, nur als Teil eines Medleys. Doch dabei ist seine Stimme so fest wie eh und je, nein sie ist noch fester und klarer - und das, bis der letzte Ton des Abends verklungen ist. "Vom gefühlten Alter her stehe ich noch immer mitten im Leben und mache mir Gedanken über die Zukunft und meine Musik", hat Udo Jürgens vor dem Tourneestart am Vorabend in Stuttgart gesagt.

Die Gedanken, es sind nicht nur seine. Eine Verehrerin übergibt dem Künstler am Ende des ersten Konzertteils rote Rosen, dieser bedankt sich auf seine Weise: Er gibt ihr sein rotes Einstecktuch. In diesem Moment, so scheint es, ist Udo Jürgens eins mit seinem Publikum, das er doch nie duzen würde, dem er aber so viel mitgeben möchte an diesem Abend.

Es sind gerade zu Beginn des Konzerts die neuen Lieder, die zumeist Einsichten sind in das, was die Welt und den Einzelnen bewegt, und die Auswege anbieten, wenn einen die Probleme erdrücken. Dann hält er zwischen zwei Liedern auch mal eine kleine politische Rede, spricht zum Beispiel von der Verantwortung, die jeder für sich selbst übernehmen müsse, die man nicht auf Freunde abschieben könne - "und auch nicht auf den Staat". Und dann kommt das Lied dazu, Gänsehaut inklusive: "Du bist dein Krieg, du bist dein Frieden, du bist dein Schatten und dein Licht. Du bist alles, was gescheh’n wird, einen Ausweg gibt es nicht! Du drehst dir deine Welt zur Hölle oder auch der Sonne zu: Du bist das Leben - das Leben bis du!"

Und bewegt ist an diesem Abend nicht nur das Publikum. Der Botschafter der Liebe auf der Bühne selbst ist ergriffen, wenn er etwa über Salafisten spricht, die die demokratische Freiheit ausnutzten, "für die wir Jahrhunderte gekämpft haben". Und wenn die Rede länger wird, dann merkt er es selbst, aber er hat mit 80 die Freiheit, zu sagen: "Warum soll ich mich zurücknehmen?"

Ja, er sagt, was er denkt, denn sonst, so sagt er, säße er nicht da, wo er gerade sitzt: mit 80 Jahren am glänzenden Flügel in der ausverkauften Frankfurter Festhalle. Und selbst die, die gekommen sind, verschont er nicht. Als in der zweiten Hälfte Fans vor die Bühne stürmen und den vorderen Reihen die Sicht versperren, weist er nicht etwa die Fans zurecht. Nein, er sagt, dass die in den ersten Reihen auf den teuren Plätzen womöglich gar keine echten Fans seien.

Er verlässt die Bühne. Und man wünscht sich, dass es das noch nicht war.

Ein verstörender Moment in einem ansonsten überwältigenden Konzert, das im zweiten Teil natürlich die großen Lieder aus 50 Jahren in teils neuen Interpretationen bietet - leider nicht alle, denn es sind einfach zu viele. Eine musikalische Meisterleistung nicht nur von Udo Jürgens, sondern auch den Gastkünstlern und nicht zuletzt vom Orchester Pepe Lienhard. Und dann ist es im Lied und fast auch schon auf der Uhr "10 nach 11". Udo Jürgens verlässt die Bühne. Und man wünscht sich, dass es das noch nicht war. Alles ist möglich.

- Am 31. März 2015 gibt Udo Jürgens ein Zusatzkonzert in der Frankfurter Festhalle. Informationen im Internet auf der Seite "www.udojuergens.de".


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