"Das soziale Umfeld verabschiedet sich nach und nach"

VORTRAG Mitarbeiterinnen des Kinder- und Jugendhospizdienstes sprechen über Begleitung sterbender Kinder

"Sie bekommen mehr mit, als wir denken." Johanna Sprang (links) und Anette Weitzel-Lotz haben bei ihrem Vortrag in Hüttenberg auch über kindliche Trauer gesprochen. (Foto: Weil)

Anette Weitzel-Lotz vom Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst in Gießen und die Ehrenamtliche Johanna Sprang berichteten aus ihrer Arbeit. Der ambulante Dienst begleitet aktuell 16 Familien im Umkreis von 50 Kilometern rund um Gießen. In der Arbeit gehe es darum, auf die Bedürfnisse der Familien einzugehen. "Vor allem Geschwisterkindern können die Eltern oft nicht die gewünschte Aufmerksamkeit entgegenbringen", berichtete Sprang aus der Praxis. Mit ganz alltäglichen Dingen wie Plätzchenbacken oder einem Kinobesuch könnte hier schon geholfen werden. Gerade die Eltern verspürten oft Redebedarf, weil die Familien durch das tägliche Leid sehr einsam sind. "Das soziale Umfeld verabschiedet sich nach und nach: erst die Bekannten, dann die Freunde und als Letztes sogar die Verwandtschaft."

Weil viele Kinder 24 Stunden auf einen Pflegedienst angewiesen sind, verfügten die Familien über wenig Privatsphäre. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter werden für diese Aufgabe geschult. Mittlerweile gebe es auch ein Angebot für Kinder, die ihre Eltern verloren haben.

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Die Arbeit des Dienstes beginne ab dem Zeitpunkt, an dem die Diagnose feststehe. Es gehe darum, Begegnungen zu schaffen: "Wir Ehrenamtlichen sorgen für ein bisschen Entlastung für die Eltern, damit diese Zeit haben, sich um sich selbst zu kümmern."

Trauer wird zu Wissensdurst

Anschließend ging Weitzel-Lotz auf die Kindertrauer, die Trauer der Geschwisterkinder und die Trauer der betroffenen Kinder ein. Im Alter von vier bis sechs Jahren sei die eigene Endlichkeit kaum ein Begriff. Etwa ab dem 7. Lebensjahr fange es an, dass die Trauer in Wissensdurst umschlage: "Beantworten Sie die Fragen so ehrlich und so kindgerecht wie möglich. Fragen Sie die Kinder nach ihrer eigenen Vorstellung. Dadurch weiß man, wie weit das Kind ist", erklärte Weitzel-Lotz. Ab dem 10. Lebensjahr trauerten die Kinder ähnlich wie die Erwachsenen: "Sie wissen dann, dass die Verstorbenen nicht wiederkehren."

In der Pubertät gehe es darum aufzupassen, dass die Kinder ganz normal ihre Entwicklung durchleben können. Manche zeigten Verhaltensauffälligkeiten. Kinder bräuchten oft viel, viel länger, um sich an ein Thema heranzuwagen: "Aber sie bekommen mehr mit, als wir denken."


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