"Hairkiller" filmt Mitarbeiter

ÜBERWACHUNG Arbeitsgericht verhandelt Klage gegen Friseurkette

Wegen einer Überwachung per Videokamera muss eine "Hairkiller"-Filiale 1800 Euro Schmerzensgeld an eine ehemalige Friseurin zahlen. Der Fall wurde gestern vorm Arbeitsgericht in Gießen verhandelt.

Die Friseurin hatte vergangenes Jahr in einer "Hairkiller"-Filiale in Büdingen gearbeitet und dann gekündigt. Ihr Chef war ein Unternehmer, der von der "Hairkiller"-Kette die Lizenzen für den Betrieb von drei Filialen in Büdingen, Langenselbold und Heusenstamm gekauft hatte. Mit so einem Lizenz-System werden beispielsweise auch die McDonald’s-Filialen in Deutschland betrieben.

Acht Mal habe der Unternehmer per Video-Überwachung vermeintliche Missstände in der Büdinger Filiale ausgemacht, mit der Videokamera Fotos geknipst, ausgedruckt, dazu Uhrzeiten und Arbeitsanweisungen vermerkt und von seinem Büro aus an die Filiale gefaxt. Laut Gericht sind auf einigen Fotos auch Kunden zu sehen.

Einmal habe er die Mitarbeiterin aufgefordert, beim Haarewaschen der Kunden die vorderen Waschplätze zu nutzen und nicht die hinteren. Ein anderes Mal habe sie an der Kasse stehen und nicht sitzen sollen. Und sie habe Werbe-Luftballons raushängen sollen. "Das ist Druck, das ist Terror", sagte ihr Rechtsanwalt. Nach Angaben der Friseurin wurden auch die anderen beiden Filialen mit Videokameras überwacht.

Arbeitsrichter Tim Schömig stellte klar: "Für eine Rund-um-die-Uhr-Verhaltensüberwachung gibt es keine gesetzliche Regelung. Eine solche Videoüberwachung ist sicher unzulässig. Das sprengt die Grenzen." In Supermärkten würden auch Kameras an den Kassen hängen, aber sie würden nicht zur Steuerung des Mitarbeiter-Verhaltens eingesetzt.

Der Unternehmer räumte die Video-Überwachung ein. In Büdingen habe er 2008 vier Kameras installiert. Dabei sei ihm bewusst gewesen, dass er Nebenräume nicht filmen durfte, um die Privatsphäre der Mitarbeiter zu schützen. Und die Überwachung sei Mitarbeitern und Kunden bekannt gewesen. Grund seien Einbrüche und Einbruchsversuche gewesen. Unternehmensberater und Sicherheitsunternehmen hätten ihm dazu geraten. Bei ihnen habe er sich erkundigt, wie er sein Eigentum schützen könne. Nach einem Einbruch habe ihm sogar die Polizei geraten, dass Videosystem auszubauen.

"Eine solche Überwachung ist sicher unzulässig und sprengt die Grenzen"

Die Kameras zeichneten aber das Geschehen nicht auf, sie sendeten nur Live-Bilder, und er könne in seinem Büro - falls er sich die Bilder anschaue - mit einem Klick Fotos machen. Die Videokameras sollten Straftäter abschrecken. Der Anwalt des Unternehmers sprach von Gefahrenabwehr.

Richter Schömig erklärte: Die Kameras seien zwar zur Gefahrenabwehr erlaubt, aber nicht zur Mitarbeiter-Steuerung. Außerdem hätten die Kameras zur bloßen Abschreckung von Tätern gar nicht scharf gestellt werden müssen. Dafür hätten auch Attrappen genügt. Und auf frischer Tat habe der Filial-Betreiber die Täter nur erwischen können, wenn er zufällig zur Tatzeit auf den Überwachungs-Monitor geschaut habe.

Die Kontrolle der Mitarbeiter "war nur ein Nebenprodukt der Gefahrenabwehr", sagte der Rechtsanwalt des Unternehmers. Der Betreiber der "Hairkiller"-Filialen ergänzte: Beim Betrachten der Bilder sei ihm als Arbeitgeber halt manchmal der Kamm geschwollen, wenn Hinweise von den Mitarbeitern nicht befolgt wurden.

Die Friseurin und der Unternehmer einigten sich schließlich in einem Vergleich auf ein Schmerzensgeld von 1800 Euro. Ursprünglich hatte die Frau 7000 Euro gefordert. Allerdings hatte Arbeitsrichter Schömig infrage gestellt, ob überhaupt eine schwere Verletzung ihres Persönlichkeitsrechts vorliege.

"Hairkiller" betreibt nach eigenen Angaben in Deutschland, Österreich und Luxemburg über 300 Salons mit insgesamt 1500 Mitarbeitern.

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Kommentare (1)
Also zunächst einmal ist es zu begrüßen, wenn Richter Überwachungskameras sanktionieren. Schade ist nur, dass sich der Richter auf den Überwachungsdiskurs eingelassen hat und Überwachung grundsätzlich nicht in Frage mehr
gestellt hat. Das wäre doch mal eine Neuigkeit gewesen. ;-)
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