Hanauer "Mittagsspitzen"

SPD Kabarettreife Vorstellung des Kanzlerkandidaten beim Parteitag

Kabarett in Nadelstreifen: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat die Lacher auf seiner Seite.

Ein Hauch von Obama: Wie auf Kommando recken sich Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel "Wechsel"-Schilder entgegen.

Bild 1 von 2

Dem, der hessischer Ministerpräsident werden will, SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel, sagt man nach, dass er Showeffekte eigentlich nicht mag. Doch der Mann der Inhalte setzt beim Wahlkampfauftakt in Hanau ganz auf glänzende - und erfolgreiche - Vorbilder. Wie Barack Obama bei den Wahlkampf-Kongressen der US-Demokraten steht Schäfer-Gümbel beim Landesparteitag der Genossen nicht nur im Mittelpunkt, sondern wortwörtlich in der Mitte. Von vier Seiten von Delegierten-Reihen umgeben, erklärt "TSG", wie sie in der SPD seinen Namen abkürzen, zuerst den Zweck der neuen Sitzordnung. Indem das Präsidium nicht mehr frontal vor den Teilnehmern des Parteitags sitzt, sondern die Teilnehmer einen Kreis um den Redner bilden, kann man laut "TSG" nun auf Augenhöhe miteinander reden. Eine neue politische Kultur der Hessen-SPD, nennt dies Schäfer-Gümbel, also eigentlich gar kein Showeffekt, sondern der inhaltlichen Debatte zuträglich.

Doch bis auf die Sitzordnung ist eigentlich alles wie immer. Erst kommt eine Ehrung - der ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, erhält die Holger-Börner-Medaille und wird frenetisch gefeiert. Dann redet der hessische Spitzenkandidat, gefolgt vom Herausforderer der Kanzlerin, Peer Steinbrück. Auch sie werden für ihre Auftritte in der Parteitagsarena minutenlang bejubelt. Und - wie immer - wird es dann unruhig im Saal, wenn der einfache Delegierte sich zu Wort meldet und die anderen Delegierten längst Wichtigeres zu besprechen haben. Nichts ist also besser als vorher, schlechter ist nur, dass man die Redner - auf Augenhöhe vor allem mit den vorderen Reihen - nicht mehr so gut sieht wie früher, weshalb überdimensionale Bildschirme aufgehängt wurden, die die Redner allerdings mit leichter Verzögerung zeigen. Da wünscht man sich, es wäre wirklich wie bei Obama, wo die Stuhlreihen zwar auch ringsherum, aber nach hinten aufsteigend angeordnet sind, so dass alle etwas sehen können.

Sören Bartol findet die neue Parteitagsform dennoch gut. "Das ist ein perfektes Format für Peer Steinbrück", meint der Marburger Bundestagsabgeordnete am Rande des Parteitags im Gespräch mit dieser Zeitung. Ganz sicher. Ohne Redemanuskript läuft Steinbrück mit dem Mikrofon in der Arena auf und ab und redet wie man es von ihm kennt, also geradeaus und vor allem ohne Punkt und Komma.

Das Motto der Kampagne ist schlicht gehalten: "Auf den Wechsel. Fertig. Los!"

Man müsse sich schon entscheiden, was man wolle, sagt Bartol mit Blick auf die Kritik an Steinbrück, "einen weichgespülten Politiker oder einen, der sagt, was Sache ist". Ein neues Fettnäpfchen betritt Steinbrück in Hanau jedenfalls nicht, aber seine freie Rede ohne Rednerpult erinnert äußerlich wie auch inhaltlich an jene "Mitternachtsspitzen" aus dem Fernsehen, nur dass Steinbrück seine Kabarettnummer in Nadelstreifen vorträgt, wobei Angela Merkel die Lieblingszielscheibe ist. Mit der als Pilotin, so hat der verstorbene SPD-Politiker Peter Struck ihm einmal erzählt, fühle man sich in jedem Flugzeug rundum wohl. Das einzige Problem sei, dass man nicht wisse, wo Merkel landen werde. Schallendes Gelächter, man ist mittendrin in den Hanauer "Mittagsspitzen".

Kabarett sei das aber nicht, findet der Marburger Bartol, "man lacht, weil es zum Lachen ist". Gemeint ist die aus SPD-Sicht inhaltsleere Regierungspolitik, die Steinbrück - wiederum ganz Kabarettist - so zusammenfasst: "Die schwingen sich von Gipfel zu Gipfel. Aber über allen Gipfeln ist Ruh’."

Und damit das Publikum, fachkundig wie beim echten Kabarett, gewogen bleibt, beruhigt Steinbrück, dass mit ihm als Kanzler Steuererhöhungen nur wirklich Reiche befürchten müssten und die finanzielle Schlechterstellung der Ehe nur für künftige Ehen gelten solle. Hingegen solle für viele vieles besser werden, für die Rentner, die Mieter, die Lohnempfänger.

Und in die Liste derer, die bei einem Regierungswechsel mit Wohltaten rechnen dürfen, nimmt der hessische Kandidat noch die ganz Armen auf, die, die jetzt noch bei den "Tafeln" essen müssten. Es sei der Anspruch der SPD, dass es diese "Tafeln" im Jahr 2020 nicht mehr geben werde - weil es dann allen bessergehe. Schäfer-Gümbel vergisst auch nicht die vom Amazon-Skandal Betroffenen, um deren Schicksal sich die Landesregierung nicht gekümmert habe, deren Chef Volker Bouffier - Gießener wie Schäfer-Gümbel selbst - er im Herbst ablösen will wie Steinbrück die Kanzlerin. Damit das auch wirklich jeder versteht, ist das Motto der SPD-Kampagne weitaus schlichter gehalten als die farbenfrohe Aufführung in der Hanauer Wahlkampfarena: "Auf den Wechsel. Fertig. Los!"


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2013
Mehr zum Thema
Kommentare (1)
TSG - Ein Hauch von Obama!
--------------------------------------

Das ist ja besser als Dieter Bohlens DSDS, Stefan Raabs Wok-WM und Markus Lanzens Wetten Das zusammen!

Wie bekloppt wird dieses Land eigentlich mehr
noch?!

Da fehlte jetzt nur noch Gas-Gerd und sein Männerfreund Wladimir P. - die das Revierderby ihres russischen Fußball-Clubs Schalke 04 gestern live auf der Ehrentribüne angeschaut haben und unentgeltliche Wahlkampfhilfe leisten.....
Mehr aus Nachrichten aus Hessen